Wie war 2017 für Russland? – Ein Jahr in Schlagzeilen

Kirill Serebrennikow, Alexej Nawalny – und natürlich Wladimir Putin: Das waren wohl die wichtigsten Namen für Russland im ablaufenden Jahr. Eine Moskauer Zeitung hat ihren eigenen Blick auf die letzten zwölf Monate.

Wie andere russische Medien hat die „Nesawissimaja Gaseta“ Ende Dezember Bilanz gezogen – ein Blatt, das sich, wie der Name sagt, einen gewissen unabhängigen Blick bewahrt hat. „Ist Putin der Grund, warum wir so leben? Oder eher eine Folge davon? Warum ist sein tatsächliches Ansehen immer noch so hoch nach 18 Jahren an der Macht, auch wenn die Wirtschaft seit zehn Jahren stagniert?“ – das fragt Chefredakteur Konstantin Remtschukow in seinem Leitartikel.

IMG_4376Aus jedem Ressort hat die Zeitung die Schlüsselereignisse 2017 ausgewählt. Hier die Schlagzeilen, mit ein paar Anmerkungen von mir:

Allgemein:

1) Putin steigt zu einer vierten Amtszeit auf

(Zwar findet das, was eine Wahl sein soll, erst am 18. März 2018 statt. Doch mit Putins bis Anfang Dezember hinausgezögerter Ankündigung, dass er kandidiert, ist die Sache gelaufen.)

2) Russland verliert die Olympiade

(… nämlich das Recht, als Nation an den Winterspielen in Südkorea teilzunehmen. Das IOC bestraft damit systematisches Doping.)

3) Moskau wird der Einmischung in fremde Länder bezichtigt

(Vor allem beim Wahlsieg von Donald Trump in den USA, aber auch beim Brexit, in Frankreich, weniger in Deutschland)

4) Streit über „Mathilda“

(Konservative und Orthodoxe laufen monatelang Sturm gegen einen Film, der Lars Eidinger als Thronfolger Nikolaus beim Liebesspiel mit einer polnischen Ballerina zeigt.)

5) Die Zerschlagung des Islamischen Staates in Syrien

(So so, nur Platz fünf für Putins ansonsten überall bejubelten Sieg!)

 

Politik

1) Mit dem 26. März kehrt die Jugend in die Politik zurück

(Zehntausende Jugendliche gehen nach einem Aufruf von Oppositionspolitiker Nawalny auf die Straße. Die Staatsmacht wird kalt erwischt und nimmt Tausende in Arrest.)

2) Das Korps der Gouverneure wird zweimal jährlich gesäubert

3) Die Opposition zieht in die hauptstädtische Kommunalpolitik ein

(Wie in einem Computerspiel steuern liberale Regierungskritiker Hunderte Kandidaten durch die komplizierte Registrierung zur Kommunalwahl und erringen in Moskau viele Mandate.)

4)  Pflichtunterricht in den Amtssprachen der Republiken wird abgeschafft

(In Tatarstan muss nicht mehr jeder Tatarisch lernen.)

5) Aus der „Revolution vom 5. November“ wird eine Strafsache

(Der emigrierte nationalistische Oppositionelle Wjatscheslaw Malzew ruft seine Anhänger für zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution zu einem neuen Umsturz auf – Dutzende Verhaftungen sind die Folge.)

 

Wirtschaft

1) Der Verfall hat aufgehört. Und gleich wieder angefangen

(Das ist leider so.)

2) Russland und Saudi-Arabien drücken den Ölpreis hoch

(…nämlich in der Kooperation von OPEC und Nicht-OPEC-Ländern)

3) Der Bankensektor wird staatlich

(Die Nationalbank rettet und übernimmt drei der größten Privatbanken.)

4) Ein beispielloses Urteil gegen einen Minister

(Ex-Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew soll für acht Jahre ins Lager in einem konstruierten Korruptions-Fall.)

5) Das Renovierungs-Programm beginnt

(Moskau will Hunderttausende Bewohner alter Plattenbauten umsiedeln. Das Problem: Die alten Platten sind gemütlich, viele wollen nicht in die neuen „Ameisenhügel“.)

 

Gemeinschaft Unabhängiger Staaten

1) Der „Saakaschwili-Faktor“ wird entscheidend in der ukrainischen Politik

(Der georgische Ex-Präsident bereitet seinem früheren Förderer Petro Poroschenko Probleme.)

2) Das Kaspische Meer kann aufgeteilt werden

(Die Anrainer sind sich über die Aufteilung einig, Unterzeichnung 2018)

3) Die Kirgisen haben einen neuen Präsidenten gewählt

(Sooronbai Scheenbekow heißt er. Es ist der erste friedliche Amtswechsel in dem zentralasiatischen Land.)

4) Die kasachische Sprache stellt auf lateinische Schrift um

(Bislang schreiben die Kasachen kyrillische Buchstaben, nun setzen sie sich von Russland ab.)

5) Durchbruch bei einer Regelung des Transnistrien-Konflikts

(Im November wurde erstmals seit Jahren wieder verhandelt.)

 

Weltpolitik

1) Nordkorea verstärkt Tests seiner Atomraketen

2) Deutschland sitzt ohne Regierung da

3) Am Persischen Golf verändern sich die politischen Konturen

4) Katalonien versucht die Abspaltung von Spanien

5) Die Armee schickt Robert Mugabe in den Ruhestand

 

Kultur

1) Die Strafsache „Siebtes Studio“ führt zu Verhaftungen

(Die Justiz wirft Starregisseur Serebrennikow Unterschlagung vor und nimmt ihn in Hausarrest – ein Schock für die russische Kulturszene.)

2)  Das Ballett „Nurejew“ wird am Bolschoi uraufgeführt

(… während Serebrennikow als Schöpfer des Werks in Hausarrest sitzt. Das Bolschoi verschiebt das Ballett erst und führt es dann unter Beifall der Kreml-Prominenz zweimal auf,   damit niemand von Zensur reden kann. Dann verschwindet es wieder vom Spielplan.)

3) Teodor Currentzis und die Musiker des Operntheaters Perm debütieren in Salzburg

4) Museen würdigen den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution

(Eben, nur die Museen, nicht die Politik oder die Öffentlichkeit)

5) Der russische Film hat international Erfolg

(Zum Beispiel wird das bittere Melodram „Loveless“ von Andrej Swjaginzew in Cannes prämiert und schafft es auf die Oscar-Short List.)

DSC01203

Advertisements
Veröffentlicht unter Russland | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Was die Russen mit der Hand machen

Diese Galerie enthält 20 Fotos.

Die russische Volkskunst ist vielfältig und hat eine reiche Tradtion. Nicht dass Farben und Formen immer mein Geschmack wären. Aber wenn so meisterhaftes Kunsthandwerk gezeigt wird wie bei dieser vorweihnachtlichen Ausstellung in Moskau, dann ist das schon beeindruckend.

Galerie | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Humorvolle Erzählungen aus Russland: Anweisungen eines Arztes

Ich veröffentliche diese bitter-komische Geschichte aus einem traurigen Anlass. Ihr Verfasser Michail Sadornow ist am 10. November 2017 mit 69 Jahren in Moskau gestorben. Der Satiriker war seit Sowjetzeiten bei Millionen Zuhörern und Lesern beliebt, nahm ihren schwierigen Alltag auf die Schippe. In den letzten Jahren legte er sich leider darauf fest, die Schuld an allen Widrigkeiten im Westen zu suchen.

800px-Mikhail_Nikolayevich_ZadornovDie Erzählung stammt aus dem Umbruchsjahrzehnt, das die Russen heute „die wilden 90-er“ nennen:

Von Michail Sadornow

Geehrte Diebe!

Diese Notiz lege ich gut sichtbar in den Flur. Ich verreise.

Wenn Sie beschließen, in meine Wohnung einzudringen, während ich fort bin, bitte ich sehr: Benehmen Sie sich anständig! Beim Nachbarn sah die Wohnung fürchterlich aus, nachdem man ihn ausgeraubt hatte: Es war eine derartige  Unordnung! Nicht gut. Dabei heißt es, dass die Intelligenz unter die Diebe gegangen sei. Enttäuschen Sie mich nicht!  Und bitte, treten Sie sich die Schuhe ab, wie es sich gehört!

Große Bitte! Der Läufer im Korridor ist nur schwer auszuwaschen. Der Laden hat mich betrogen. Es hieß, der Läufer sei aus einem modernen Material, das Dreck abstößt. Es zeigt sich, dass an dem Stoff nicht nur alles hängenbleibt. Er riecht beim Waschen auch faul nach Synthetik. Offenbar setzt die Verbindung eines spanischen Läufers mit unserem Wasser irgendeine chemische Reaktion in Gang. Deshalb rate ich Ihnen, den Läufer nicht zu nehmen: Sie leben nicht in Spanien. Hier haben Sie nichts davon außer Kopfschmerzen.

Also, nachdem Sie sich die Schuhe abgetreten haben, bitte ich höflich in das linke Zimmer. Im rechten, Ehrenwort, gibt es nichts für Sie zu holen.

Die Möbel? Sind Schrott! Nur Furnier, Sägespäne… Fallen ihnen schon vor dem Lift auseinander. Das wieder zusammenzubauen wünsche ich nicht einmal Spezialisten, wie Sie es sind. Ich habe damals zwei Monate gebraucht, als sie neu waren. Haben Sie Lust, so lange vor unserem Lift festzuhängen?

Dafür habe ich im linken Zimmer einen Videorecorder. Den habe ich gebraucht gekauft –  kein Geld für einen neuen. Ich bin nämlich Arzt. Nebenverdienste sind selten, Schmiergeld gibt es immer häufiger in Form von Pralinen, also musste ich den Videorecorder von einem Freund kaufen, abgenutzt. Ich sollte sagen, dass ich ihn einige Male selbst behandelt habe. Wenn man ihn einschaltet, fällt im linken Flügel unseres Hauses das Licht aus. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee auszuprobieren, ob er funktioniert oder nicht – nehmen Sie ihn ausgeschaltet mit! Doch bevor Sie ihn mitnehmen, würde ich an Ihrer Stelle schwer überlegen. Er hat auch schon vor der „Behandlung“ die Kassette meterweit ausgespuckt. Meine Frau lag deswegen einmal mit Gehirnerschütterung nieder. Brauchen Sie das wirklich?

Übrigens… Während Sie überlegen, ob es einen Kühlschrank gibt, können Sie hören, dass hinter Ihnen etwas durch das Zimmer läuft. Erschrecken Sie nicht! Das ist der Kühlschrank. Er ist im Alter toll geworden, nehmen Sie es ihm nicht übel – die Wechseljahre: Plötzlich schüttelt er sich, springt und heult los. Für einen neuen Kühlschrank habe ich leider noch nicht genug gespart. Und dieser – ich streichele ihn, rede ihm gut zu, dann beruhigt er sich. Sie würden nicht mit ihm zurechtkommen – er läuft Ihnen einfach weg.

Ich verstehe, dass man in unseren Zeiten sogar ein Auge auf den Gasherd wirft. Aber ich warne Sie: Auch mit meinem Gasherd muss man umgehen können, er braucht besonders viel Feingefühl, sonst erstickt er einen. Wenn ich zu Hause wäre, würde ich genau erklären, wie man sich ihm nähert, was man tut, wie man ihn anspricht. Aber leider bin ich verreist, deshalb rate ich allen, die Finger von ihm zu lassen.

Was noch? Der Plattenspieler. Ich schätze ihn, auch wenn er viel älter ist als der Kühlschrank. Wenn man eine Platte auflegt, hört es sich an, als würde sie auf einer Nähmaschine abgespielt. Aber ich werfe ihn nicht hinaus. Solange sich der Plattenteller dreht, kann ich meine Skalpelle daran schärfen.

Der Teppich ist auf den ersten Blick ganz ordentlich. Aber ich muss Sie zur Vorsicht mahnen: Er wird nicht täglich, sondern stündlich kahler. Sie werden ihn ja nicht wie meine Frau dreimal täglich mit einem Anti-Glatzen-Mittel behandeln und ihn massieren.

Die Lampe ist wirklich schön, tschechisch. Es ist aber gefährlich, sie anzufassen. Die Decken sind altersschwach und könnten über Ihnen zusammenbrechen mitsamt der Lampe. Deshalb habe ich auf ihr schon zehn Jahre keinen Staub mehr gewischt.

Gehen Sie überhaupt vorsichtig durch die Wohnung! Das Haus ist auf Sand gebaut.

Ich verstehe, dass meine Wertsachen sie interessieren, die Steine… Steine habe ich zwei, beide in der Niere. Leider nehme ich sie mit.

Was gibt es noch an Wertsachen? Drei Bernsteinsplitter, die ich im Baltikum selbst gefunden habe. Eine Muschel mit Meeresrauschen, die mir mein einziger geheilter Patient geschenkt hat. Und das wertvollste Stück – die Postkarte auf dem Regal mit dem Foto meines besten Freundes, der in Amerika lebt. Er ist ebenfalls Arzt. Wir haben zusammen studiert. Das Foto zeigt ihn vor seiner eigenen Klinik in Oklahoma. Auf der Rückseite (überzeugen Sie sich selbst) die Widmung: „Meinem talentierten Freund, der mir stets ein Vorbild war im Studium.“ Wissen Sie, er hat Glück gehabt, seine Nationalität war in Amerika gefragt, im Gegensatz zu meiner.

Aber denken Sie nicht schlecht von mir! Ich verstehe schon: Bald gehe ich in Rente, und nicht einmal für Diebe gibt es bei mir etwas zu holen. Auch mein Erbe würde ihnen wohl nichts bringen. Das einzig Teure, das ich von meiner Mutter geerbt habe, ist Prinzipientreue und ein Gespür für Gastfreundschaft.

Meinen Sohn würde ich Ihnen bereitwillig geben. Er macht mir so viel Kopfzerbrechen, das braucht heutzutage kein Mensch.

Meine Frau? Sie ist in diesem Leben völlig hilflos, sie kann nicht einmal am Telefon lügen. Wenn ich sage: „Sag‘, dass ich nicht zu Hause bin!“, antwortet sie: „Er lässt Ihnen ausrichten, dass er nicht zu Hause ist.“

Mein Wissen nützt jetzt nicht einmal mir selbst etwas. Ach Gottchen, Sie hätten mehr davon, einen Zeitungskiosk auszurauben!

Das einzige, womit ich Sie erfreuen kann, ist ein Fläschchen Cognac in der Bar.  Armenischer, aber – um die Wahrheit zu sagen – nur drei Sterne. Doch er steht schon sieben Jahre, deshalb kann man sagen, dass er zehn Sterne hat.

Dort in der Bar gibt es auch viele Pralinenschachteln. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, davon zu essen – bei allen ist die Haltbarkeit abgelaufen. Mit solchen Schachteln bezahlen die Patienten die Ärzte für die Behandlung. Sie verstehen: Wie die Behandlung, so die Bezahlung. Die Schachteln können Sie alle mitnehmen. Verschenken Sie sie an jemanden! Zum Beispiel an die Kripo…

Nun, das wäre alles. Mit mehr kann ich nicht dienen. Ich umarme Sie. Und bitte sehr darum, dass Sie beim Rausgehen das Licht ausschalten. Der Strompreis steigt  schneller als mein Gehalt.

Legen Sie diese Notiz wieder an ihren Ort für den Fall, dass noch jemand auf die unsinnige Idee kommt, meine Wohnung auszurauben.

@Michail Sadornow

@ Übersetzung: Friedemann Kohler

Veröffentlicht unter Literatur, Russland | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Moskau – ein Neujahrstraum

Diese Galerie enthält 20 Fotos.

Copyright: Friedemann Kohler 2016/17

Galerie | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Embedded – mit russischem Militär in Syrien

Diese Galerie enthält 20 Fotos.

Nur zeigen, was gesehen werden soll – das russische Verteidigungsministerium hat Anfang Mai eine große Gruppe von Journalisten nach Syrien gebracht. Gezeigt wurde die russische Streitmacht auf dem Luftwaffenstützpunkt Hamaimim; gezeigt wurden Gebiete, in denen der syrische Machthaber Baschar al-Assad … Weiterlesen

Galerie | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Land ohne Frieden

Diese Galerie enthält 21 Fotos.

Osten der Ukraine, 27. Januar bis 4. Februar 2016 Aufnahmen aus Switlodarsk – Awdijiwka – Opytne – Pisky – Donezk Copyright: Friedemann Kohler

Galerie | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Frostige Fontanka – ein Selbstversuch in St. Petersburg

Flüsse und Brücken prägen Russlands nördliche Hauptstadt. Jeder Stein, jeder Meter Ufer birgt Geschichte. Wer hier flaniert, kommt nur mit Mühe wieder in der Neuzeit an.

DSCN0049Natürlich kann man die Fontanka im Sommer gemütlich vom Boot aus erkunden. Aber diesmal habe ich mir einen winterlichen Fußmarsch vorgenommen, eine Entdeckungsreise entlang des Innenstadtkanals, der für Geschichte und Literatur von St. Petersburg am wichtigsten ist. Außerdem verläuft die Fontanka quer zum Newski-Prospekt, der Hauptachse der Stadt. Wie viele meiner Besuche haben sich entlang des Newski abgespielt! Man soll gelegentlich auch etwas quer zu alten Gewohnheiten unternehmen.

Morgens gegen zehn gehe ich am Pratschetschny Most, der buckeligen Wäschereibrücke, los. Hier trennt sich die Fontanka als linker Seitenarm von der Großen Newa. Das Wasser ist fast zugefroren, Enten holen sich auf dem Eis kalte Füße. Ich bin da, ich bin wach, aber hallo, wo ist der Tag? Dämmerlicht liegt über der Newa, es ist noch immer nicht ganz hell. Neun Grad Frost zeigt das Thermometer. Aber später soll es ja wärmer werden – minus acht Grad.

DSCN0055Unwillkürlich frage ich mich, ob es wirklich eine gute Idee Peters des Großen war, seine neue Hauptstadt 1703 so weit im Norden zu gründen? Aber bei mir bleibt der frevlerische Gedanke ungerächt. Mich verfolgt kein zorniger „Eherner Reiter“ wie in Alexander Puschkins Gedicht. Meine Fußspuren bleiben die einzigen im Neuschnee.

Zusammen mit der Peter-und Pauls-Festung jenseits der Newa ist dies der älteste Teil der Stadt. Auf meiner Seite der Fontanka erstreckten sich vor drei Jahrhunderten die ersten Schiffswerften. Am anderen Ufer liegt der Letny Sad, (Sommergarten) mit Peters erster Behausung, dem gemütlichen kleinen Sommerpalast. Mit Wasser aus der Fontanka wurden die Fontänen im Sommergarten gespeist, von daher hat sie ihren Namen.

In Geschichte einzutauchen, macht den Reiz von St. Petersburg aus. Aber kommt man in diesem lebenden Museum auch wieder in der Neuzeit an? Ich suche nach Modernem an diesem ersten Streckenabschnitt. In einem Gebäude hat im November 1917 die Allrussische Versammlung der Bauernräte getagt. Auch das ist bald hundert Jahre her.

DSCN0066Die Ufer der Fontanka sind in Granitmauern mit prächtig geschmiedetem Geländer gefasst, die schönen klassizistischen Gebäude am Kanal ruhen in sich selbst. Trotzdem muss ich frösteln, was nicht nur an der Kälte liegt. Auf der einen Seite steht das Ingenieursschloss, in dem sich der misstrauische, vielleicht sogar wahnsinnige Zar Paul I. (1754-1801) einigelte. Er wurde von Verschwörern ermordet.

Auf dem anderen Ufer residierte im 19. Jahrhundert die berüchtigte 3. Abteilung, das „zentrale Spionagekontor“ (Alexander Herzen), der Vorläufer aller russischen Geheimpolizeien und Zensurbehörden.

Die Bebauung wird höher, üppige Adelspaläste und großzügige Bürgerhäuser wechseln sich ab. Ich komme am Palais der Fürsten Scheremetjew vorbei. Bei einem Besuch 1992 wurde hier renoviert, und ich bin mit einer Restauratorin über offene Balken balanciert, weil der Parkettboden fehlte. Heute erinnert ein Museum an die alte Adelskultur.

DSCN0081Zugleich ist dies das berühmte Fontanny Dom, das „Haus an der Fontanka“ der russischen Literaturgeschichte. In einem Seitenflügel lebte die große Dichterin Anna Achmatowa (1889-1966), bedroht von Stalins Kulturschergen.

Dann sind die Pferde los. An jeder Ecke der Anitschkow-Brücke bäumt sich ein mächtiges Bronzepferd, von Bronzejungen nur mühsam gezügelt (Bildhauer: der Deutschbalte Peter Clodt von Jürgensburg, 1805-67). Hier kreuzt der Newski-Prospekt unter den Fensteraugen eines kardinalsroten Palastes. Der wiederum gehörte einem Geschlecht mit dem klangvollen Doppelnamen Beloselski-Beloserski (zu Deutsch etwa: Weißendorf-Weißensee).DSCN0089

Ich marschiere weiter, Paläste, Behördengebäude, Wohnhäuser. Das Problem bei dieser Kanalwanderung ist nicht die Kälte, die Stiefel halten warm. Es nagt eher die Frage, ob nicht, wenn ich auf der einen Seite laufe, auf dem anderen Ufer die interessanteren Dinge zu sehen sind? Doch den Gedanken gewöhne ich mir ab: Was immer ich sehe, nehme ich als das Interessantere!

Auch die Brücken, die Verbindungen zwischen den Ufern, sind für mich heute eher ein Hindernis. Wo Autoverkehr über die Brücken fließt, muss ich erst mühsam eine Querung für mich suchen. Ich warte an vielen Ampeln. Viel Verkehr gibt es nicht an diesem Tag kurz nach Neujahr, doch die wenigen Autos verwandeln den weißen Schnee in schwarze Matschfontänen.

DSCN0101Aus der Vogelperspektive beschreibt die Fontanka einen Halbkreis. Langsam, aber beständig verschiebt sich die Perspektive. Und auf einmal wird die ebenmäßige Silhouette historischer Gebäude tatsächlich durch vier hässliche Industrieschornsteine gestört. Ein Zeichen für Neuzeit? Beim Näherkommen gehören die Ziegelschornsteine zu einem Heizkraftwerk und stehen geschätzt auch schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts.

Aber da ist ja noch das Dschagannat, ein vegetarisches Restaurant mit Supermarkt. Das kann ich als Beleg dafür gelten lassen, dass gesellschaftliche Großtrends des 21. Jahrhunderts auch in St. Petersburg Fuß fassen!DSCN0103

Sozial ist die Fontanka nach Zarentum und Adel nun an ihrem bürgerlichen Abschnitt angelangt. Die „Universität der Verbindungswege“ bildet russische Eisenbahningenieure und andere Verkehrsspezialisten aus. Ich passiere die Rückseite einer chirurgischen Akademie.

DSCN0128Mütter und Väter laufen zum „Jugendtheater an der Fontanka“ – an der einen Hand das dick eingemummelte Kind, in der anderen Hand die Tüte mit den Wechselschuhen. Als Weihnachtsmärchen läuft „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen. (Moderner russischer Witz: „Gerda, Gerda, wo ist mein Herz aus Eis?“ „Das habe ich mir in den Whiskey getan.“) Auch an einem Regentheater komme ich vorbei. Was dort wohl gespielt wird?

Das Barockschloss des klassischen russischen Dichters Gawril Derschawin (1743-1816) lag vor 200 Jahren außerhalb der Stadt. Nun ist der Schlossgarten eine stille Oase mitten in St. Petersburg. Die optischen Kontraste werden härter. Hinter den eleganten Sphinxen der Ägyptischen Brücke erhebt sich der abstoßende Betonklotz des Hotels „Asimut“ aus Sowjetzeiten.DSCN0137

Die Sonne schafft es gegen halb zwölf über den Horizont. Willkommen, Schlafmütze, bist du auch schon da!

Irgendwann denke ich beim Gehen: Eigentlich ist St. Petersburg eine ganz normale nordische Stadt! In Turku (Åbo) in Finnland läuft doch der Fluss Aurojoki genauso wie die Fontanka Richtung Hafen und Ostsee. Und tatsächlich tauchen hinter der nächsten Biegung die Kräne der Admiralitätswerft auf, des größten Schiffsbaubetriebes in St. Petersburg. Aber natürlich findet sich auch auf diesen letzten Metern noch ein Haus, in dem Puschkin einmal gewohnt hat.DSCN0144

Für mich endet der Weg bei Hausnummer 172 der Fontanka-Uferstraße, ab hier ist Werftgelände. Die Fontanka selbst muss nur noch unter einer Brücke hindurchfließen, um wieder die Große Newa und die Ostsee zu erreichen. Fast sieben Kilometer haben wir einander begleitet.

DSCN0145

Veröffentlicht unter Geschichte, Literatur, Russland, Zu Fuß | Verschlagwortet mit , , , , , | 1 Kommentar