Die Moika – ein Selbstversuch in sengender Sonne

Über vierzehn Brücken musst Du geh’n – die Moika ist der kürzeste und grünste der Kanäle mitten in St. Petersburg. Doch sind die abgründigen Geschichten an ihren Ufern wahr  – oder eine Einbildung in der Hitze?

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Der Anfang ist unspektakulär. Mitten in St. Petersburg wird am Sommerpalast Peters des Großen aus der Newa die Fontanka abgeleitet  – und daraus zweihundert Meter weiter die Moika. Sie fließt unter der 1. Ingenieursbrücke hindurch, benannt nach dem benachbarten Ingenieurs- oder Michailowski-Schloss.

Auf dieser Brücke beginne ich meine Flusswanderung. 15 Brücken sollen es werden, bis die Moika wieder in die Newa fließt und damit fast die offene Ostsee erreicht.

Es sind vier Kanäle, die als Halbkreise das historische Stadtzentrum von St. Petersburg. umschließen. Die Moika ist der innerste und kürzeste von ihnen, nie ist die Newa weiter als ein paar hundert Meter entfernt. In den ersten Jahrzehnten nach der Stadtgründung von 1703 verlief hier die Stadtgrenze.

Die Moika ist deshalb älter als Gribojedow-Kanal, Fontanka und Obwodny Kanal. Ihre Uferstraßen sind flacher bebaut und grüner als die der anderen Kanäle. Die Moika hat sich am meisten von den Anfangsjahren der Stadt bewahrt.

Und die Überraschung: Mitten in den dichten Touristenströmen in St. Petersburg bin ich am Kanal ziemlich allein unterwegs.

Allerdings habe ich mir fürs Erkunden einen sehr heißen Tag ausgesucht. So sonnig und trocken ist es in Russlands nördlicher Hauptstadt eher selten! Hier heißt es sonst: Wie war der Sommer? – Nicht schlecht, aber ich habe an dem Tag arbeiten müssen.

IMG_5312Am grünen Ufer des  Michailowski-Parks gehen die Arbeiter in der Hitze geruhsam zu Werke beim Ausbaggern der Moika. Langsam bugsiert ein kleiner Schlepper eine mit Schlamm gefüllte Schute von dem Schwimmbagger weg. Ohne große Eile wird die nächste Schute leer an dem Bagger vertäut.

Grün ist es auch auf der anderen Seite auf dem Marsfeld. Wo früher der Zar die Parade seiner Truppen abnahm, kann man jetzt auf dem Rasen sitzen, lesen oder Frisbee spielen. Der Tipp für Besucher der Fußball-Weltmeisterschaft: Auf dem Marsfeld kann man sich wenige Meter von der offiziellen Fanzone entfernt auch mal eine Runde aufs Ohr legen!

Die Bebauung der zwei Uferstraßen beginnt – linkerhand der alte kaiserliche Marstall, rechts der „Runde Markt“. Die staatliche Reederei Sowkomflot zeigt in Schaufernstern Modelle ihrer künftigen Schiffe. Die Adressen hier in Nähe des Zarenpalasts sind vornehm: das niederländische Generalkonsulat, das japanische, auch das Goethe-Institut liegt an der Moika.

Nur der Name Moika ist nicht vornehm. Er klingt nach dem russischen Wort für Waschen, hat also mit Abwasser zu tun? Nein, sagt die Petersburger Enzyklopädie: Der Name des Flüsschens komme aus der Sprache der Ischoren. Das war der finnougrische Volkstamm, der vor Peter hier lebte.

Und auf Ischorisch bedeutet „Muja“ – na was? Dreckig! Auch nicht besser!

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Vielleicht unternimmt die Moika deshalb noch kurz vor dem Winterpalast einen Fluchtversuch Richtung Newa. Der kurze Stichkanal ist eine Hauptattraktion für die vielen Touristenboote.

Auf der Sängerbrücke wird der Blick auf einmal frei auf den Schlossplatz und den Winterpalast. Das Generalstabsgebäude läuft in einem derart spitzen Winkel auf den Betrachter zu, dass man das Gefühl hat, vor einer Pappkulisse zu stehen.

IMG_5345Nur an der Moika sind die Brücken nach Farben benannt. Als erstes kommt die Grüne Brücke. Hier quert der Newski-Prospekt, die von Autos und Fußgängern ständig überfüllte Lebensader von St. Petersburg.

Im heutigen Literaturcafé an der Brücke gab es vor 200 Jahren die Konditorei Wolff und Beranget. An der Wand eine traurige Inschrift: „Am 27. Januar 1837 brachen von hier aus A.S. Puschkin und sein Sekundant K.K. Dansas auf zum Duell an der Tschornaja Retschka.“ Das Duell endete für den russischen Nationaldichter tödlich.

An der Roten Brücke steht ein großes Kaufhaus im Jugendstil mit einer grandiosen Turmspitze. Von der Blauen Brücke, die so breit ist, dass man sie kaum als solche wahrnimmt, geht der Blick auf die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale.

IMG_5360Nächste Anlaufstation: Das Jussupow-Palais. Natürlich kann man hierherkommen und sich für Operettenvorführungen wie „Die Zirkusprinzessin“ interessieren. Doch eigentlich ist der Adelspalast für ein finsteres Kapitel russischer Geschichte bekannt: Hier versuchten Verschwörer im Januar 1917 den Mönch Grigori Rasputin zu ermorden, der einen unheilvollen Einfluss auf die Zarenfamilie ausübte. Den nur halbtoten Wunderheiler warf man in die eisige Moika, wo er ertrank.

Ich schaue über das Ufergeländer hinab ins Wasser: Keine Spur mehr! Braun und unergründlich liegt die Moika da, ihre Wellen schwappen leise.

Stadtgründer Peter der Große hat das Schiffbauerhandwerk in Holland gelernt. Deshalb erfüllte er sich auf einer kleinen dreieckigen Insel an der Moika seinen Traum vom fernen Lieblingsland und richtete das Werftgelände Neu-Holland ein.

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Lange lagen die Gebäude dort brach. Doch seit letztem Jahr ist Neu-Holland wieder offen und spielt für St. Petersburg dieselbe Rolle wie der sanierte Gorki-Park in Moskau – als Refugium der örtlichen Hipster.

Auf einem großen Holzschiff toben Dutzende Kinder herum, während die Eltern im Schatten einer langen überdachten Bank sitzen. In Neu-Holland gibt es Konzerte, Lesungen, Theater. In das kreisrunde ehemalige Marinegefängnis, genannt “Die Flasche“, sind Restaurants und schicke Designerläden eingezogen. Sogar einen Comicladen gibt es.

Ein reicher Adelspalast, aber abgesperrt, mit Kameras überwacht, Fotografieren und Filmen verboten? Das ist das Palais des Großfürsten Alexander Alexandrowitsch, heute das St. Petersburger Haus der Musik.

Moment mal, wird das nicht von Sergej Roldugin geleitet? Doch. Ist das nicht berühmte Cellist und Freund von Wladimir Putin? Genau.

Und haben die Panama Papers nicht über Roldugin geschrieben, dass er Milliarden…? Das hat der Kreml alles dementiert. Sehr heiß heute! Schau mal, wie unergründlich die Moika gerade schimmert!

14 Brücken sind geschafft, fast 4,7 Kilometer Strecke durch das Herz von St. Petersburg. Doch wie bei der Fontanka sperrt der Zaun der Admiralitäts-Werften auch hier für mich die letzten Meter ab. Unter der unerreichbaren Schiff-Brücke (Korabelny Most) hindurch fließt die die Moika in die Große Newa. Auf der anderen Seite ist die Silhouette eines neuen russischen Atomeisbrechers zu erkennen.

Ich kehre um. Vielleicht soll das so sein: Es bleibt immer noch eine Brücke zu gehen.

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Das Haus der unfrohen Dichter

Den „Wolkenkratzer der Schriftsteller“ kann man bis heute in St. Petersburg besuchen. Hier lebten lauter Literaten Tür an Tür. Eine ungewöhnliche, kreative WG – bis Stalins Großer Terror zuschlug.

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Standen damals auch Topfpflanzen auf dem Treppenabsatz? Hier zwischen der vierten und fünften Etage saß der Schriftsteller Michail Soschtschenko 1946 nächtelang und fürchtete, verhaftet zu werden.

Der Satiriker hat die ganze Sowjetunion zum Lachen gebracht, nun gilt er als Feind.

Die Partei hat ihn als vulgär, als Abschaum beschimpft, seine Autobiografie „Vor Sonnenaufgang“ verurteilt. Der ideologische Scharfmacher Andrej Schdanow ist über Soschtschenko und die Dichterin Anna Achmatowa hergefallen, der Schriftstellerverband hat ihn ausgeschlossen.

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Das kommt in den Jahren unter dem Diktator Josef Stalin einem Todesurteil gleich. Soschtschenko hat in dem „Wolkenkratzer der Schriftsteller“ am Gribojedow-Kanal in Leningrad zu viel erlebt. Freunde, Kollegen, Nachbarn sind verschwunden, sind verhaftet und ermordet worden.

Ihn sollen die Häscher nicht in seiner Wohnung finden. Bange Blicke nach unten: Fährt eine „schwarze Marusja“ in den Hof, das berüchtigte Auto der Verhaftungskommandos? Kommen schwere Schritte die Treppe hinauf?

Soschtschenkos Wohnung im Haus Malaja Konjuschennaja 4/2 in St. Petersburg ist heute ein Museum für ihn und seine Kollegen –  eins jener liebevoll gepflegten russischen Schriftstellermuseen, getragen von großer Verehrung für die Künstler des Wortes. Und zugleich gefangen in ihren sowjetischen Sichtweisen.

Soschtschenkos Arbeits- und Schlafzimmer ist genau rekonstruiert. Auf dem Schreibtisch die schwere Schreibmaschine. Auf dem Bett liegen drei abgewetzte Schlipse, der Gehstock lehnt an der Bettkante, davor auf dem Parkett die Schuhe. Der Raum wirkt bedrückend, und tatsächlich sagt die junge Museumsführerin, der große Humorist („Schlaf schneller, Genosse!“) sei persönlich ein eher unfroher Mensch gewesen.

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In dem dreigeschossigen Wohnhaus lebten vor der Revolution Musiker des Hoforchesters. Dann ließ der Leningrader Schriftstellerverband für seine Mitglieder zwei Stockwerke draufsetzen, so wurde das Haus zum Wolkenkratzer.

1934 bezieht das literarische Völkchen seine Wohnungen: Romanciers, Poeten, Dramatiker, Übersetzer. Lästermäuler und Freunde scharfer Epigramme. Aber auch Olga Frosch (Whg. 125), Funktionärin und Verfasserin betulicher Revolutionsromane. (Daniil Charms, kein Mitbewohner, aber häufiger Besucher, malt sich aus, wie Konstantin Fedin ihr „mit dem Spaten eins aufs Maul gibt“.)

Die literarischen Avantgarde-Gruppen Oberiu und Serapions-Brüder finden hier eine Heimstatt. Die Zensur wird schlimmer, deshalb retten sich viele Autoren mit ihren Witz in die weniger verdächtigen Kinder- und Jugendzeitschriften.

DSCN0276Das Leben im Wolkenkratzer ist privilegiert. Der  Märchenautor Jewgeni Schwarz (Whg. 79) schreibt später, dass es sogar kostenlosen Sprachunterricht gab. Ihm bringt morgens eine erschöpfte, aber fröhliche Blondine Deutsch bei, eine kleine schüchterne Brünette voller Sommersprossen unterrichtet Englisch.

Doch Stalins „Großer Terror“ ab 1937 trifft auch die Schriftsteller-WG.

Whg. 46: Der Poet Nikolai Olejnikow, Redakteur der Kinderzeitschrift „Josch“, wird 1937 verhaftet und erschossen. Das Schicksal des Dichters Boris Kornilow (Whg. 123): 1936 Ausschluss aus dem Verband, 1937 Verhaftung, 1938 Tod. Der Dichter und Essayist Valentin Stenitsch (Whg. 126): 1937 verhaftet und als Terrorist angeklagt, im Jahr darauf erschossen.

Nikolai Sabolozki (Whg. 45) ist einer der großen Namen der russischen Lyrik im 20. Jahrhundert. Er überlebt Folter und die Lagerhaft von 1938-53. Der Dichter Alexander Wwedenski wird 1941 beim Vormarsch der Deutschen präventiv verhaftet und kommt auf dem Gefangenentransport um.

DSCN0242Russland ist in den sowjetischen Jahrzehnten brutal verschwenderisch umgegangen mit seinen literarischen Talenten. Das wird im Museum offen und mit Empathie und Trauer dargestellt. Nur manchmal ist der Zungenschlag merkwürdig. „Nach der Ermordung von Sergej Kirow (Parteichef in Leningrad) wurde energisch gearbeitet, um die Stadt von ‚feindlichen Elementen‘ zu säubern“, heißt es über das Vorgehen gegen Kornilow.

Was für „energische Arbeit“, was für „Säuberungen“? Die Sprache nimmt weiter die Sichtweise der Täter ein, nicht die der Opfer.

Der Kinderbuchautor und altgediente Revolutionär Boris Schitkow (Whg. 127) starb 1938 eines natürlichen Todes. Doch das Museum kennt ihn ausschließlich als beliebten Schriftsteller für Kinder. Kein Wort davon, dass schon vor über zwanzig Jahren sein lange verschollenes Meisterwerk  „Wiktor Wawitsch“ wiederentdeckt wurde – eine eindringliche Studie über Revolution, Jugend und Erotik.

Michail Sotschenko (Whg. 119) ist in jenen bangen Nächten zwischen Etage vier und fünf nicht verhaftet worden. Nach Stalins Tod 1953 wurde er neu in den Schriftstellerverband aufgenommen. „Ich habe viele Fehler und Verstöße begangen in 32 Jahren schriftstellerischer Arbeit, aber ich bin niemals ein anti-sowjetischer Schriftsteller gewesen“, schrieb er. Doch die Jahre der Verfolgung hatten ihn gezeichnet, er starb 1958.

Museum M.M. Soschtschenko, Malaja Konjuschennaja ul. 4/2, Whg. 119, St. Petersburg 197186, Russland, +7 (812) 571-78-19, geöffnet Dienstag, Donnerstag bis Sonntag  10.30 – 18.30, Mittwoch 12.00 – 20.00. Letzten Freitag im Monat geschlossen.

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Wie war 2017 für Russland? – Ein Jahr in Schlagzeilen

Kirill Serebrennikow, Alexej Nawalny – und natürlich Wladimir Putin: Das waren wohl die wichtigsten Namen für Russland im ablaufenden Jahr. Eine Moskauer Zeitung hat ihren eigenen Blick auf die letzten zwölf Monate.

Wie andere russische Medien hat die „Nesawissimaja Gaseta“ Ende Dezember Bilanz gezogen – ein Blatt, das sich, wie der Name sagt, einen gewissen unabhängigen Blick bewahrt hat. „Ist Putin der Grund, warum wir so leben? Oder eher eine Folge davon? Warum ist sein tatsächliches Ansehen immer noch so hoch nach 18 Jahren an der Macht, auch wenn die Wirtschaft seit zehn Jahren stagniert?“ – das fragt Chefredakteur Konstantin Remtschukow in seinem Leitartikel.

IMG_4376Aus jedem Ressort hat die Zeitung die Schlüsselereignisse 2017 ausgewählt. Hier die Schlagzeilen, mit ein paar Anmerkungen von mir:

Allgemein:

1) Putin steigt zu einer vierten Amtszeit auf

(Zwar findet das, was eine Wahl sein soll, erst am 18. März 2018 statt. Doch mit Putins bis Anfang Dezember hinausgezögerter Ankündigung, dass er kandidiert, ist die Sache gelaufen.)

2) Russland verliert die Olympiade

(… nämlich das Recht, als Nation an den Winterspielen in Südkorea teilzunehmen. Das IOC bestraft damit systematisches Doping.)

3) Moskau wird der Einmischung in fremde Länder bezichtigt

(Vor allem beim Wahlsieg von Donald Trump in den USA, aber auch beim Brexit, in Frankreich, weniger in Deutschland)

4) Streit über „Mathilda“

(Konservative und Orthodoxe laufen monatelang Sturm gegen einen Film, der Lars Eidinger als Thronfolger Nikolaus beim Liebesspiel mit einer polnischen Ballerina zeigt.)

5) Die Zerschlagung des Islamischen Staates in Syrien

(So so, nur Platz fünf für Putins ansonsten überall bejubelten Sieg!)

Politik

1) Mit dem 26. März kehrt die Jugend in die Politik zurück

(Zehntausende Jugendliche gehen nach einem Aufruf von Oppositionspolitiker Nawalny auf die Straße. Die Staatsmacht wird kalt erwischt und nimmt Tausende in Arrest.)

2) Das Korps der Gouverneure wird zweimal jährlich gesäubert

3) Die Opposition zieht in die hauptstädtische Kommunalpolitik ein

(Wie in einem Computerspiel steuern liberale Regierungskritiker Hunderte Kandidaten durch die komplizierte Registrierung zur Kommunalwahl und erringen in Moskau viele Mandate.)

4)  Pflichtunterricht in den Amtssprachen der Republiken wird abgeschafft

(In Tatarstan muss nicht mehr jeder Tatarisch lernen.)

5) Aus der „Revolution vom 5. November“ wird eine Strafsache

(Der emigrierte nationalistische Oppositionelle Wjatscheslaw Malzew ruft seine Anhänger für zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution zu einem neuen Umsturz auf – Dutzende Verhaftungen sind die Folge.)

Wirtschaft

1) Der Verfall hat aufgehört. Und gleich wieder angefangen

(Das ist leider so.)

2) Russland und Saudi-Arabien drücken den Ölpreis hoch

(…nämlich in der Kooperation von OPEC und Nicht-OPEC-Ländern)

3) Der Bankensektor wird staatlich

(Die Nationalbank rettet und übernimmt drei der größten Privatbanken.)

4) Ein beispielloses Urteil gegen einen Minister

(Ex-Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew soll für acht Jahre ins Lager in einem konstruierten Korruptions-Fall.)

5) Das Renovierungs-Programm beginnt

(Moskau will Hunderttausende Bewohner alter Plattenbauten umsiedeln. Das Problem: Die alten Platten sind gemütlich, viele wollen nicht in die neuen „Ameisenhügel“.)

Gemeinschaft Unabhängiger Staaten

1) Der „Saakaschwili-Faktor“ wird entscheidend in der ukrainischen Politik

(Der georgische Ex-Präsident bereitet seinem früheren Förderer Petro Poroschenko Probleme.)

2) Das Kaspische Meer kann aufgeteilt werden

(Die Anrainer sind sich über die Aufteilung einig, Unterzeichnung 2018)

3) Die Kirgisen haben einen neuen Präsidenten gewählt

(Sooronbai Scheenbekow heißt er. Es ist der erste friedliche Amtswechsel in dem zentralasiatischen Land.)

4) Die kasachische Sprache stellt auf lateinische Schrift um

(Bislang schreiben die Kasachen kyrillische Buchstaben, nun setzen sie sich von Russland ab.)

5) Durchbruch bei einer Regelung des Transnistrien-Konflikts

(Im November wurde erstmals seit Jahren wieder verhandelt.)

Weltpolitik

1) Nordkorea verstärkt Tests seiner Atomraketen

2) Deutschland sitzt ohne Regierung da

3) Am Persischen Golf verändern sich die politischen Konturen

4) Katalonien versucht die Abspaltung von Spanien

5) Die Armee schickt Robert Mugabe in den Ruhestand

Kultur

1) Die Strafsache „Siebtes Studio“ führt zu Verhaftungen

(Die Justiz wirft Starregisseur Serebrennikow Unterschlagung vor und nimmt ihn in Hausarrest – ein Schock für die russische Kulturszene.)

2)  Das Ballett „Nurejew“ wird am Bolschoi uraufgeführt

(… während Serebrennikow als Schöpfer des Werks in Hausarrest sitzt. Das Bolschoi verschiebt das Ballett erst und führt es dann unter Beifall der Kreml-Prominenz zweimal auf,   damit niemand von Zensur reden kann. Dann verschwindet es wieder vom Spielplan.)

3) Teodor Currentzis und die Musiker des Operntheaters Perm debütieren in Salzburg

4) Museen würdigen den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution

(Eben, nur die Museen, nicht die Politik oder die Öffentlichkeit)

5) Der russische Film hat international Erfolg

(Zum Beispiel wird das bittere Melodram „Loveless“ von Andrej Swjaginzew in Cannes prämiert und schafft es auf die Oscar-Short List.)

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Was die Russen mit der Hand machen

Diese Galerie enthält 20 Fotos.

Die russische Volkskunst ist vielfältig und hat eine reiche Tradtion. Nicht dass Farben und Formen immer mein Geschmack wären. Aber wenn so meisterhaftes Kunsthandwerk gezeigt wird wie bei dieser vorweihnachtlichen Ausstellung in Moskau, dann ist das schon beeindruckend.

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Humorvolle Erzählungen aus Russland: Anweisungen eines Arztes

Ich veröffentliche diese bitter-komische Geschichte aus einem traurigen Anlass. Ihr Verfasser Michail Sadornow ist am 10. November 2017 mit 69 Jahren in Moskau gestorben. Der Satiriker war seit Sowjetzeiten bei Millionen Zuhörern und Lesern beliebt, nahm ihren schwierigen Alltag auf die Schippe. In den letzten Jahren legte er sich leider darauf fest, die Schuld an allen Widrigkeiten im Westen zu suchen.

800px-Mikhail_Nikolayevich_ZadornovDie Erzählung stammt aus dem Umbruchsjahrzehnt, das die Russen heute „die wilden 90-er“ nennen:

Von Michail Sadornow

Geehrte Diebe!

Diese Notiz lege ich gut sichtbar in den Flur. Ich verreise.

Wenn Sie beschließen, in meine Wohnung einzudringen, während ich fort bin, bitte ich sehr: Benehmen Sie sich anständig! Beim Nachbarn sah die Wohnung fürchterlich aus, nachdem man ihn ausgeraubt hatte: Es war eine derartige  Unordnung! Nicht gut. Dabei heißt es, dass die Intelligenz unter die Diebe gegangen sei. Enttäuschen Sie mich nicht!  Und bitte, treten Sie sich die Schuhe ab, wie es sich gehört!

Große Bitte! Der Läufer im Korridor ist nur schwer auszuwaschen. Der Laden hat mich betrogen. Es hieß, der Läufer sei aus einem modernen Material, das Dreck abstößt. Es zeigt sich, dass an dem Stoff nicht nur alles hängenbleibt. Er riecht beim Waschen auch faul nach Synthetik. Offenbar setzt die Verbindung eines spanischen Läufers mit unserem Wasser irgendeine chemische Reaktion in Gang. Deshalb rate ich Ihnen, den Läufer nicht zu nehmen: Sie leben nicht in Spanien. Hier haben Sie nichts davon außer Kopfschmerzen.

Also, nachdem Sie sich die Schuhe abgetreten haben, bitte ich höflich in das linke Zimmer. Im rechten, Ehrenwort, gibt es nichts für Sie zu holen.

Die Möbel? Sind Schrott! Nur Furnier, Sägespäne… Fallen ihnen schon vor dem Lift auseinander. Das wieder zusammenzubauen wünsche ich nicht einmal Spezialisten, wie Sie es sind. Ich habe damals zwei Monate gebraucht, als sie neu waren. Haben Sie Lust, so lange vor unserem Lift festzuhängen?

Dafür habe ich im linken Zimmer einen Videorecorder. Den habe ich gebraucht gekauft –  kein Geld für einen neuen. Ich bin nämlich Arzt. Nebenverdienste sind selten, Schmiergeld gibt es immer häufiger in Form von Pralinen, also musste ich den Videorecorder von einem Freund kaufen, abgenutzt. Ich sollte sagen, dass ich ihn einige Male selbst behandelt habe. Wenn man ihn einschaltet, fällt im linken Flügel unseres Hauses das Licht aus. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee auszuprobieren, ob er funktioniert oder nicht – nehmen Sie ihn ausgeschaltet mit! Doch bevor Sie ihn mitnehmen, würde ich an Ihrer Stelle schwer überlegen. Er hat auch schon vor der „Behandlung“ die Kassette meterweit ausgespuckt. Meine Frau lag deswegen einmal mit Gehirnerschütterung nieder. Brauchen Sie das wirklich?

Übrigens… Während Sie überlegen, ob es einen Kühlschrank gibt, können Sie hören, dass hinter Ihnen etwas durch das Zimmer läuft. Erschrecken Sie nicht! Das ist der Kühlschrank. Er ist im Alter toll geworden, nehmen Sie es ihm nicht übel – die Wechseljahre: Plötzlich schüttelt er sich, springt und heult los. Für einen neuen Kühlschrank habe ich leider noch nicht genug gespart. Und dieser – ich streichele ihn, rede ihm gut zu, dann beruhigt er sich. Sie würden nicht mit ihm zurechtkommen – er läuft Ihnen einfach weg.

Ich verstehe, dass man in unseren Zeiten sogar ein Auge auf den Gasherd wirft. Aber ich warne Sie: Auch mit meinem Gasherd muss man umgehen können, er braucht besonders viel Feingefühl, sonst erstickt er einen. Wenn ich zu Hause wäre, würde ich genau erklären, wie man sich ihm nähert, was man tut, wie man ihn anspricht. Aber leider bin ich verreist, deshalb rate ich allen, die Finger von ihm zu lassen.

Was noch? Der Plattenspieler. Ich schätze ihn, auch wenn er viel älter ist als der Kühlschrank. Wenn man eine Platte auflegt, hört es sich an, als würde sie auf einer Nähmaschine abgespielt. Aber ich werfe ihn nicht hinaus. Solange sich der Plattenteller dreht, kann ich meine Skalpelle daran schärfen.

Der Teppich ist auf den ersten Blick ganz ordentlich. Aber ich muss Sie zur Vorsicht mahnen: Er wird nicht täglich, sondern stündlich kahler. Sie werden ihn ja nicht wie meine Frau dreimal täglich mit einem Anti-Glatzen-Mittel behandeln und ihn massieren.

Die Lampe ist wirklich schön, tschechisch. Es ist aber gefährlich, sie anzufassen. Die Decken sind altersschwach und könnten über Ihnen zusammenbrechen mitsamt der Lampe. Deshalb habe ich auf ihr schon zehn Jahre keinen Staub mehr gewischt.

Gehen Sie überhaupt vorsichtig durch die Wohnung! Das Haus ist auf Sand gebaut.

Ich verstehe, dass meine Wertsachen sie interessieren, die Steine… Steine habe ich zwei, beide in der Niere. Leider nehme ich sie mit.

Was gibt es noch an Wertsachen? Drei Bernsteinsplitter, die ich im Baltikum selbst gefunden habe. Eine Muschel mit Meeresrauschen, die mir mein einziger geheilter Patient geschenkt hat. Und das wertvollste Stück – die Postkarte auf dem Regal mit dem Foto meines besten Freundes, der in Amerika lebt. Er ist ebenfalls Arzt. Wir haben zusammen studiert. Das Foto zeigt ihn vor seiner eigenen Klinik in Oklahoma. Auf der Rückseite (überzeugen Sie sich selbst) die Widmung: „Meinem talentierten Freund, der mir stets ein Vorbild war im Studium.“ Wissen Sie, er hat Glück gehabt, seine Nationalität war in Amerika gefragt, im Gegensatz zu meiner.

Aber denken Sie nicht schlecht von mir! Ich verstehe schon: Bald gehe ich in Rente, und nicht einmal für Diebe gibt es bei mir etwas zu holen. Auch mein Erbe würde ihnen wohl nichts bringen. Das einzig Teure, das ich von meiner Mutter geerbt habe, ist Prinzipientreue und ein Gespür für Gastfreundschaft.

Meinen Sohn würde ich Ihnen bereitwillig geben. Er macht mir so viel Kopfzerbrechen, das braucht heutzutage kein Mensch.

Meine Frau? Sie ist in diesem Leben völlig hilflos, sie kann nicht einmal am Telefon lügen. Wenn ich sage: „Sag‘, dass ich nicht zu Hause bin!“, antwortet sie: „Er lässt Ihnen ausrichten, dass er nicht zu Hause ist.“

Mein Wissen nützt jetzt nicht einmal mir selbst etwas. Ach Gottchen, Sie hätten mehr davon, einen Zeitungskiosk auszurauben!

Das einzige, womit ich Sie erfreuen kann, ist ein Fläschchen Cognac in der Bar.  Armenischer, aber – um die Wahrheit zu sagen – nur drei Sterne. Doch er steht schon sieben Jahre, deshalb kann man sagen, dass er zehn Sterne hat.

Dort in der Bar gibt es auch viele Pralinenschachteln. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, davon zu essen – bei allen ist die Haltbarkeit abgelaufen. Mit solchen Schachteln bezahlen die Patienten die Ärzte für die Behandlung. Sie verstehen: Wie die Behandlung, so die Bezahlung. Die Schachteln können Sie alle mitnehmen. Verschenken Sie sie an jemanden! Zum Beispiel an die Kripo…

Nun, das wäre alles. Mit mehr kann ich nicht dienen. Ich umarme Sie. Und bitte sehr darum, dass Sie beim Rausgehen das Licht ausschalten. Der Strompreis steigt  schneller als mein Gehalt.

Legen Sie diese Notiz wieder an ihren Ort für den Fall, dass noch jemand auf die unsinnige Idee kommt, meine Wohnung auszurauben.

@Michail Sadornow

@ Übersetzung: Friedemann Kohler

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Moskau – ein Neujahrstraum

Diese Galerie enthält 20 Fotos.

Copyright: Friedemann Kohler 2016/17

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Embedded – mit russischem Militär in Syrien

Diese Galerie enthält 20 Fotos.

Nur zeigen, was gesehen werden soll – das russische Verteidigungsministerium hat Anfang Mai eine große Gruppe von Journalisten nach Syrien gebracht. Gezeigt wurde die russische Streitmacht auf dem Luftwaffenstützpunkt Hamaimim; gezeigt wurden Gebiete, in denen der syrische Machthaber Baschar al-Assad … Weiterlesen

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