Humorvolle Erzählungen aus Russland: Anweisungen eines Arztes

Ich veröffentliche diese bitter-komische Geschichte aus einem traurigen Anlass. Ihr Verfasser Michail Sadornow ist am 10. November 2017 mit 69 Jahren in Moskau gestorben. Der Satiriker war seit Sowjetzeiten bei Millionen Zuhörern und Lesern beliebt, nahm ihren schwierigen Alltag auf die Schippe. In den letzten Jahren legte er sich leider darauf fest, die Schuld an allen Widrigkeiten im Westen zu suchen.

800px-Mikhail_Nikolayevich_ZadornovDie Erzählung stammt aus dem Umbruchsjahrzehnt, das die Russen heute „die wilden 90-er“ nennen:

Von Michail Sadornow

Geehrte Diebe!

Diese Notiz lege ich gut sichtbar in den Flur. Ich verreise.

Wenn Sie beschließen, in meine Wohnung einzudringen, während ich fort bin, bitte ich sehr: Benehmen Sie sich anständig! Beim Nachbarn sah die Wohnung fürchterlich aus, nachdem man ihn ausgeraubt hatte: Es war eine derartige  Unordnung! Nicht gut. Dabei heißt es, dass die Intelligenz unter die Diebe gegangen sei. Enttäuschen Sie mich nicht!  Und bitte, treten Sie sich die Schuhe ab, wie es sich gehört!

Große Bitte! Der Läufer im Korridor ist nur schwer auszuwaschen. Der Laden hat mich betrogen. Es hieß, der Läufer sei aus einem modernen Material, das Dreck abstößt. Es zeigt sich, dass an dem Stoff nicht nur alles hängenbleibt. Er riecht beim Waschen auch faul nach Synthetik. Offenbar setzt die Verbindung eines spanischen Läufers mit unserem Wasser irgendeine chemische Reaktion in Gang. Deshalb rate ich Ihnen, den Läufer nicht zu nehmen: Sie leben nicht in Spanien. Hier haben Sie nichts davon außer Kopfschmerzen.

Also, nachdem Sie sich die Schuhe abgetreten haben, bitte ich höflich in das linke Zimmer. Im rechten, Ehrenwort, gibt es nichts für Sie zu holen.

Die Möbel? Sind Schrott! Nur Furnier, Sägespäne… Fallen ihnen schon vor dem Lift auseinander. Das wieder zusammenzubauen wünsche ich nicht einmal Spezialisten, wie Sie es sind. Ich habe damals zwei Monate gebraucht, als sie neu waren. Haben Sie Lust, so lange vor unserem Lift festzuhängen?

Dafür habe ich im linken Zimmer einen Videorecorder. Den habe ich gebraucht gekauft –  kein Geld für einen neuen. Ich bin nämlich Arzt. Nebenverdienste sind selten, Schmiergeld gibt es immer häufiger in Form von Pralinen, also musste ich den Videorecorder von einem Freund kaufen, abgenutzt. Ich sollte sagen, dass ich ihn einige Male selbst behandelt habe. Wenn man ihn einschaltet, fällt im linken Flügel unseres Hauses das Licht aus. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee auszuprobieren, ob er funktioniert oder nicht – nehmen Sie ihn ausgeschaltet mit! Doch bevor Sie ihn mitnehmen, würde ich an Ihrer Stelle schwer überlegen. Er hat auch schon vor der „Behandlung“ die Kassette meterweit ausgespuckt. Meine Frau lag deswegen einmal mit Gehirnerschütterung nieder. Brauchen Sie das wirklich?

Übrigens… Während Sie überlegen, ob es einen Kühlschrank gibt, können Sie hören, dass hinter Ihnen etwas durch das Zimmer läuft. Erschrecken Sie nicht! Das ist der Kühlschrank. Er ist im Alter toll geworden, nehmen Sie es ihm nicht übel – die Wechseljahre: Plötzlich schüttelt er sich, springt und heult los. Für einen neuen Kühlschrank habe ich leider noch nicht genug gespart. Und dieser – ich streichele ihn, rede ihm gut zu, dann beruhigt er sich. Sie würden nicht mit ihm zurechtkommen – er läuft Ihnen einfach weg.

Ich verstehe, dass man in unseren Zeiten sogar ein Auge auf den Gasherd wirft. Aber ich warne Sie: Auch mit meinem Gasherd muss man umgehen können, er braucht besonders viel Feingefühl, sonst erstickt er einen. Wenn ich zu Hause wäre, würde ich genau erklären, wie man sich ihm nähert, was man tut, wie man ihn anspricht. Aber leider bin ich verreist, deshalb rate ich allen, die Finger von ihm zu lassen.

Was noch? Der Plattenspieler. Ich schätze ihn, auch wenn er viel älter ist als der Kühlschrank. Wenn man eine Platte auflegt, hört es sich an, als würde sie auf einer Nähmaschine abgespielt. Aber ich werfe ihn nicht hinaus. Solange sich der Plattenteller dreht, kann ich meine Skalpelle daran schärfen.

Der Teppich ist auf den ersten Blick ganz ordentlich. Aber ich muss Sie zur Vorsicht mahnen: Er wird nicht täglich, sondern stündlich kahler. Sie werden ihn ja nicht wie meine Frau dreimal täglich mit einem Anti-Glatzen-Mittel behandeln und ihn massieren.

Die Lampe ist wirklich schön, tschechisch. Es ist aber gefährlich, sie anzufassen. Die Decken sind altersschwach und könnten über Ihnen zusammenbrechen mitsamt der Lampe. Deshalb habe ich auf ihr schon zehn Jahre keinen Staub mehr gewischt.

Gehen Sie überhaupt vorsichtig durch die Wohnung! Das Haus ist auf Sand gebaut.

Ich verstehe, dass meine Wertsachen sie interessieren, die Steine… Steine habe ich zwei, beide in der Niere. Leider nehme ich sie mit.

Was gibt es noch an Wertsachen? Drei Bernsteinsplitter, die ich im Baltikum selbst gefunden habe. Eine Muschel mit Meeresrauschen, die mir mein einziger geheilter Patient geschenkt hat. Und das wertvollste Stück – die Postkarte auf dem Regal mit dem Foto meines besten Freundes, der in Amerika lebt. Er ist ebenfalls Arzt. Wir haben zusammen studiert. Das Foto zeigt ihn vor seiner eigenen Klinik in Oklahoma. Auf der Rückseite (überzeugen Sie sich selbst) die Widmung: „Meinem talentierten Freund, der mir stets ein Vorbild war im Studium.“ Wissen Sie, er hat Glück gehabt, seine Nationalität war in Amerika gefragt, im Gegensatz zu meiner.

Aber denken Sie nicht schlecht von mir! Ich verstehe schon: Bald gehe ich in Rente, und nicht einmal für Diebe gibt es bei mir etwas zu holen. Auch mein Erbe würde ihnen wohl nichts bringen. Das einzig Teure, das ich von meiner Mutter geerbt habe, ist Prinzipientreue und ein Gespür für Gastfreundschaft.

Meinen Sohn würde ich Ihnen bereitwillig geben. Er macht mir so viel Kopfzerbrechen, das braucht heutzutage kein Mensch.

Meine Frau? Sie ist in diesem Leben völlig hilflos, sie kann nicht einmal am Telefon lügen. Wenn ich sage: „Sag‘, dass ich nicht zu Hause bin!“, antwortet sie: „Er lässt Ihnen ausrichten, dass er nicht zu Hause ist.“

Mein Wissen nützt jetzt nicht einmal mir selbst etwas. Ach Gottchen, Sie hätten mehr davon, einen Zeitungskiosk auszurauben!

Das einzige, womit ich Sie erfreuen kann, ist ein Fläschchen Cognac in der Bar.  Armenischer, aber – um die Wahrheit zu sagen – nur drei Sterne. Doch er steht schon sieben Jahre, deshalb kann man sagen, dass er zehn Sterne hat.

Dort in der Bar gibt es auch viele Pralinenschachteln. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, davon zu essen – bei allen ist die Haltbarkeit abgelaufen. Mit solchen Schachteln bezahlen die Patienten die Ärzte für die Behandlung. Sie verstehen: Wie die Behandlung, so die Bezahlung. Die Schachteln können Sie alle mitnehmen. Verschenken Sie sie an jemanden! Zum Beispiel an die Kripo…

Nun, das wäre alles. Mit mehr kann ich nicht dienen. Ich umarme Sie. Und bitte sehr darum, dass Sie beim Rausgehen das Licht ausschalten. Der Strompreis steigt  schneller als mein Gehalt.

Legen Sie diese Notiz wieder an ihren Ort für den Fall, dass noch jemand auf die unsinnige Idee kommt, meine Wohnung auszurauben.

@Michail Sadornow

@ Übersetzung: Friedemann Kohler

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Moskau – ein Neujahrstraum

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Copyright: Friedemann Kohler 2016/17

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Embedded – mit russischem Militär in Syrien

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Nur zeigen, was gesehen werden soll – das russische Verteidigungsministerium hat Anfang Mai eine große Gruppe von Journalisten nach Syrien gebracht. Gezeigt wurde die russische Streitmacht auf dem Luftwaffenstützpunkt Hamaimim; gezeigt wurden Gebiete, in denen der syrische Machthaber Baschar al-Assad … Weiterlesen

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Land ohne Frieden

Diese Galerie enthält 21 Fotos.

Osten der Ukraine, 27. Januar bis 4. Februar 2016 Aufnahmen aus Switlodarsk – Awdijiwka – Opytne – Pisky – Donezk Copyright: Friedemann Kohler

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Frostige Fontanka – ein Selbstversuch in St. Petersburg

Flüsse und Brücken prägen Russlands nördliche Hauptstadt. Jeder Stein, jeder Meter Ufer birgt Geschichte. Wer hier flaniert, kommt nur mit Mühe wieder in der Neuzeit an.

DSCN0049Natürlich kann man die Fontanka im Sommer gemütlich vom Boot aus erkunden. Aber diesmal habe ich mir einen winterlichen Fußmarsch vorgenommen, eine Entdeckungsreise entlang des Innenstadtkanals, der für Geschichte und Literatur von St. Petersburg am wichtigsten ist. Außerdem verläuft die Fontanka quer zum Newski-Prospekt, der Hauptachse der Stadt. Wie viele meiner Besuche haben sich entlang des Newski abgespielt! Man soll gelegentlich auch etwas quer zu alten Gewohnheiten unternehmen.

Morgens gegen zehn gehe ich am Pratschetschny Most, der buckeligen Wäschereibrücke, los. Hier trennt sich die Fontanka als linker Seitenarm von der Großen Newa. Das Wasser ist fast zugefroren, Enten holen sich auf dem Eis kalte Füße. Ich bin da, ich bin wach, aber hallo, wo ist der Tag? Dämmerlicht liegt über der Newa, es ist noch immer nicht ganz hell. Neun Grad Frost zeigt das Thermometer. Aber später soll es ja wärmer werden – minus acht Grad.

DSCN0055Unwillkürlich frage ich mich, ob es wirklich eine gute Idee Peters des Großen war, seine neue Hauptstadt 1703 so weit im Norden zu gründen? Aber bei mir bleibt der frevlerische Gedanke ungerächt. Mich verfolgt kein zorniger „Eherner Reiter“ wie in Alexander Puschkins Gedicht. Meine Fußspuren bleiben die einzigen im Neuschnee.

Zusammen mit der Peter-und Pauls-Festung jenseits der Newa ist dies der älteste Teil der Stadt. Auf meiner Seite der Fontanka erstreckten sich vor drei Jahrhunderten die ersten Schiffswerften. Am anderen Ufer liegt der Letny Sad, (Sommergarten) mit Peters erster Behausung, dem gemütlichen kleinen Sommerpalast. Mit Wasser aus der Fontanka wurden die Fontänen im Sommergarten gespeist, von daher hat sie ihren Namen.

In Geschichte einzutauchen, macht den Reiz von St. Petersburg aus. Aber kommt man in diesem lebenden Museum auch wieder in der Neuzeit an? Ich suche nach Modernem an diesem ersten Streckenabschnitt. In einem Gebäude hat im November 1917 die Allrussische Versammlung der Bauernräte getagt. Auch das ist bald hundert Jahre her.

DSCN0066Die Ufer der Fontanka sind in Granitmauern mit prächtig geschmiedetem Geländer gefasst, die schönen klassizistischen Gebäude am Kanal ruhen in sich selbst. Trotzdem muss ich frösteln, was nicht nur an der Kälte liegt. Auf der einen Seite steht das Ingenieursschloss, in dem sich der misstrauische, vielleicht sogar wahnsinnige Zar Paul I. (1754-1801) einigelte. Er wurde von Verschwörern ermordet.

Auf dem anderen Ufer residierte im 19. Jahrhundert die berüchtigte 3. Abteilung, das „zentrale Spionagekontor“ (Alexander Herzen), der Vorläufer aller russischen Geheimpolizeien und Zensurbehörden.

Die Bebauung wird höher, üppige Adelspaläste und großzügige Bürgerhäuser wechseln sich ab. Ich komme am Palais der Fürsten Scheremetjew vorbei. Bei einem Besuch 1992 wurde hier renoviert, und ich bin mit einer Restauratorin über offene Balken balanciert, weil der Parkettboden fehlte. Heute erinnert ein Museum an die alte Adelskultur.

DSCN0081Zugleich ist dies das berühmte Fontanny Dom, das „Haus an der Fontanka“ der russischen Literaturgeschichte. In einem Seitenflügel lebte die große Dichterin Anna Achmatowa (1889-1966), bedroht von Stalins Kulturschergen.

Dann sind die Pferde los. An jeder Ecke der Anitschkow-Brücke bäumt sich ein mächtiges Bronzepferd, von Bronzejungen nur mühsam gezügelt (Bildhauer: der Deutschbalte Peter Clodt von Jürgensburg, 1805-67). Hier kreuzt der Newski-Prospekt unter den Fensteraugen eines kardinalsroten Palastes. Der wiederum gehörte einem Geschlecht mit dem klangvollen Doppelnamen Beloselski-Beloserski (zu Deutsch etwa: Weißendorf-Weißensee).DSCN0089

Ich marschiere weiter, Paläste, Behördengebäude, Wohnhäuser. Das Problem bei dieser Kanalwanderung ist nicht die Kälte, die Stiefel halten warm. Es nagt eher die Frage, ob nicht, wenn ich auf der einen Seite laufe, auf dem anderen Ufer die interessanteren Dinge zu sehen sind? Doch den Gedanken gewöhne ich mir ab: Was immer ich sehe, nehme ich als das Interessantere!

Auch die Brücken, die Verbindungen zwischen den Ufern, sind für mich heute eher ein Hindernis. Wo Autoverkehr über die Brücken fließt, muss ich erst mühsam eine Querung für mich suchen. Ich warte an vielen Ampeln. Viel Verkehr gibt es nicht an diesem Tag kurz nach Neujahr, doch die wenigen Autos verwandeln den weißen Schnee in schwarze Matschfontänen.

DSCN0101Aus der Vogelperspektive beschreibt die Fontanka einen Halbkreis. Langsam, aber beständig verschiebt sich die Perspektive. Und auf einmal wird die ebenmäßige Silhouette historischer Gebäude tatsächlich durch vier hässliche Industrieschornsteine gestört. Ein Zeichen für Neuzeit? Beim Näherkommen gehören die Ziegelschornsteine zu einem Heizkraftwerk und stehen geschätzt auch schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts.

Aber da ist ja noch das Dschagannat, ein vegetarisches Restaurant mit Supermarkt. Das kann ich als Beleg dafür gelten lassen, dass gesellschaftliche Großtrends des 21. Jahrhunderts auch in St. Petersburg Fuß fassen!DSCN0103

Sozial ist die Fontanka nach Zarentum und Adel nun an ihrem bürgerlichen Abschnitt angelangt. Die „Universität der Verbindungswege“ bildet russische Eisenbahningenieure und andere Verkehrsspezialisten aus. Ich passiere die Rückseite einer chirurgischen Akademie.

DSCN0128Mütter und Väter laufen zum „Jugendtheater an der Fontanka“ – an der einen Hand das dick eingemummelte Kind, in der anderen Hand die Tüte mit den Wechselschuhen. Als Weihnachtsmärchen läuft „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen. (Moderner russischer Witz: „Gerda, Gerda, wo ist mein Herz aus Eis?“ „Das habe ich mir in den Whiskey getan.“) Auch an einem Regentheater komme ich vorbei. Was dort wohl gespielt wird?

Das Barockschloss des klassischen russischen Dichters Gawril Derschawin (1743-1816) lag vor 200 Jahren außerhalb der Stadt. Nun ist der Schlossgarten eine stille Oase mitten in St. Petersburg. Die optischen Kontraste werden härter. Hinter den eleganten Sphinxen der Ägyptischen Brücke erhebt sich der abstoßende Betonklotz des Hotels „Asimut“ aus Sowjetzeiten.DSCN0137

Die Sonne schafft es gegen halb zwölf über den Horizont. Willkommen, Schlafmütze, bist du auch schon da!

Irgendwann denke ich beim Gehen: Eigentlich ist St. Petersburg eine ganz normale nordische Stadt! In Turku (Åbo) in Finnland läuft doch der Fluss Aurojoki genauso wie die Fontanka Richtung Hafen und Ostsee. Und tatsächlich tauchen hinter der nächsten Biegung die Kräne der Admiralitätswerft auf, des größten Schiffsbaubetriebes in St. Petersburg. Aber natürlich findet sich auch auf diesen letzten Metern noch ein Haus, in dem Puschkin einmal gewohnt hat.DSCN0144

Für mich endet der Weg bei Hausnummer 172 der Fontanka-Uferstraße, ab hier ist Werftgelände. Die Fontanka selbst muss nur noch unter einer Brücke hindurchfließen, um wieder die Große Newa und die Ostsee zu erreichen. Fast sieben Kilometer haben wir einander begleitet.

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Aus Kiew führt der Weg in viele Literaturen der Welt

Ist die ukrainische Hauptstadt der ideale Geburtsort für einen Schriftsteller? Hier kann er sich aussuchen, in welche Nationalliteratur er eingehen will.

Wer als Schriftsteller in Moskau geboren wird, wird russischer Schriftsteller. Die russische Sprache, die er hört, die Kultur, die ihn durchdringt, lassen kaum eine andere Wahl. (Gleiches gilt vermutlich für Rom, Paris oder London). In Kiew war und ist das anders. Aus der Hauptstadt der Ukraine führen die Wege in die unterschiedlichsten Richtungen und Literaturen. Über Jahrhunderte lag die Stadt am Rande (russ: u kraia) des Russischen Reiches. Hier mischten sich Völker, Sprachen und Kulturen, orthodoxe und westkirchliche Einflüsse.

Kiew reizt zur Literatur. „Im Frühling konnte man nicht anders, als sich in Gymnasiastinnen mit schweren Zöpfen zu verlieben und Gedichte zu schreiben“, erinnerte sich der russische Autor Konstantin Paustowski (1892-1968) an seine Kiewer Jugend vor dem Ersten Weltkrieg.

Macht die Vielfalt Kiew zum idealen Geburtsort für einen Schriftsteller? Oft genug litt die Grenzstadt unter Krieg und Verheerung. Die Wahl der Sprache, der Weg in die Fremde war für Kiewer Schriftsteller nicht immer freiwillig. Doch gerade in dieser Zeit ist es wichtig, an die literarische Vielstimmigkeit aus Kiew zu erinnern. Sie ist ein Beleg, warum Kiew nicht Moskau und die Ukraine nicht Russland ist.

RUSSISCH: Natürlich kann man in Kiew russischer Schriftsteller werden, in meiner Sicht ist Kiew hinter Moskau und St. Petersburg die dritte Hauptstadt der russischen Literatur. In den Klöstern von Kiew, der „Mutter der russischen Städte“, liegen die Anfänge des russischen Schrifttums.

IMG_0640Michail Bulgakow (1891-1940) ist wohl der bedeutendste russische Autor aus Kiew. Er schrieb über zwei Großstädte den jeweils gültigen Stadtroman: „Die Weiße Garde“ über seine Heimatstadt Kiew und „Der Meister und Margarita“ über Moskau. Auch Nikolai Leskow, Sergej Kuprin oder Konstantin Paustowski sind in Leben und Werk eng mit Kiew verbunden. Anna Achmatowa veröffentlichte als Gymnasiastin in Kiew ihre ersten Gedichte.

UKRAINISCH: Die ukrainische Literatur wurzelt bis heute eher im Westen des Landes. Doch der Nationalschriftsteller Taras Schewtschenko (1814-61) wurde in einem Dorf nahe Kiew geboren, er verbrachte einige Jahre in der Stadt und liegt 150 Kilometer südlich in Kaniw am Dnepr begraben. Von den wichtigen zeitgenössischen Autoren der Ukraine lebt Oksana Sabuschko („Feldstudien über ukrainischen Sex“, „Museum der vergessenen Geheimnisse“) in Kiew. Maria Matios („Darina, die Süße“) aus der Bukowina ist Parlamentsabgeordnete in der Hauptstadt.

IMG_0815JIDDISCH: Scholem Alejchem (1859-1916, „Tewje, der Milchmann“), einer der Begründer der jiddischen Literatur, wurde 90 Kilometer von Kiew entfernt in Perejaslaw geboren. Der „jüdische Mark Twain“ war humorvoller Chronist des jüdischen Lebens in Osteuropa. Alejchem lebte einige Jahre in Kiew, in denen er als Geschäftsmann scheiterte, aber literarisch erfolgreich war.

POLNISCH: In der polnischen Literatur ist Jarosław Iwaszkiewicz (1894-1980, „Das Birkenwäldchen“) besonders mit Kiew verbunden. Er machte dort zu Zarenzeiten 1912 Abitur, studierte Jura, veröffentlichte erste Gedichte und leitete ein polnisches Theater. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Iwaszkiewicz als Dichter und Diplomat in Polen, nach dem Zweiten Weltkrieg war er lange Präsident des polnischen Schriftstellerverbandes. Er schrieb neben seiner Muttersprache auch auf Russisch.

IMG_0793In Gegenrichtung von Krakau nach Kiew führte das Leben die kommunistische Schriftstellerin Wanda Wasilewska (1905-64), die mit dem ukrainischen Dramatiker und Funktionär Oleksandr Kornijtschuk verheiratet war. Der polnische Kinderarzt, Pädagoge und Schriftsteller Janusz Korczak (1887-1942), Schöpfer von „König Hänschen“, war im Ersten Weltkrieg in Kiew stationiert.

TSCHECHISCH: Ein großer Schelm der Weltliteratur, der brave Soldat Schwejk, verdankt der ukrainischen Hauptstadt seine Existenz. Erste Entwürfe des Romans entstanden, als sein Schöpfer Jaroslav Hašek (1883-1923) im Ersten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft in Kiew saß.001ENGLISCH: Für die Ukraine als Grenzland steht auch das ungewöhnliche Schicksal von Józef Korzeniowski, geboren 1857 im Städtchen Berdytschiw westlich von Kiew. Der Pole floh vor der Unterdrückung im Zarenreich, fuhr zur See. In der neuerlernten englischen Sprache erschrieb er sich Weltruhm unter dem neuen Namen Joseph Conrad (gest. 1924). „Lord Jim“, „Nostromo“ und „Das Herz der Finsternis“ sind Conrads Meisterwerke.

FRANZÖSISCH: Für Irène Némirovsky (1903-42) gibt es in Kiew leider noch keine Gedenktafel. Sie wurde in eine jüdische Bankiersfamilie geboren, deren Flucht vor der Oktoberrevolution in Frankreich endete. Dort wurde Némirovsky zur bekannten Autorin. Im Zweiten Weltkrieg schrieb sie aus einem Versteck ihr Hauptwerk „Suite Franςaise“, ein umfassendes Panorama der französischen Gesellschaft unter deutscher Besatzung. Némirovsky starb in Auschwitz.

DEUTSCH: Zwei Literaten aus Kiew haben ihr Werk der Vermittlung zwischen russischer und deutscher Kultur gewidmet. Der Germanist und sowjetische Dissident Lew Kopelew (1912-97) lebte die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens in Köln und forschte über die Bilder, die Deutsche und Russen von einander haben. Im Buch „Und schuf mir einen Götzen“ erzählte er von seiner dreisprachigen Jugend in Kiew mit Russisch, Ukrainisch und Deutsch.

In Kiew geboren und aus den Wirren des Zweiten Weltkriegs nach Freiburg gerettet wurde auch die Übersetzerin Swetlana Geier (1923-2010, mein Porträt). Sie war eine Russin, die in der perfekt erlernten, aber doch fremden Sprache Deutsch dem deutschen Leser den genauesten und frischesten Dostojewski schenkte.

Und der Kulturtransfer geht weiter. Katja Petrowskaja, die „West-östliche Diva“ im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, stammt aus Kiew. 2013 erhielt sie den Bachmann-Preis. In diesem Frühjahr erschien ihr erster Roman „Vielleicht Esther“: In der Familiengeschichte geht es um die Vernichtung der Kiewer Juden in Babi Jar. Auch die deutsche Piraten-Politikerin Marina Weisband, geboren in Kiew, hat eine künstlerische und essayistische Ader.

IMG_0798Wird es nach dem Übergriff des großen Bruders Russland auf die Ukraine noch russische Literatur aus Kiew geben? Es steht zu befürchten, dass eine Tradition zu Ende geht. Immerhin hat sich der polyglotte Petersburger Russe Andrej Kurkow („Picknick auf dem Eis“, „Die letzte Liebe des Präsidenten“) vor Jahrzehnten in Kiew niedergelassen. Er hat bewusst das liberale politische Klima in der Ukraine gewählt. Kurkow verbittet es sich als Russe, von Wladimir Putin gerettet zu werden. Doch auch wenn er auf Russisch schreibt, zielen seine Bücher weniger auf den russischen Leser. Seine Leser leben im Westen Europas.

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Fünf kluge Gedanken über die Ukraine

Die Ukraine ist von innen und außen bedroht. Lehren aus einem Sammelband: Was kann Europas zweitgrößtem Land helfen?

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Selten war ein Buch so aktuell, selten war es so schnell überholt. Der Sammelband „Majdan!“ (edition.fotoTAPETA Berlin) erschien Mitte März. Mehr als 30 ukrainische und internationale Autoren beschreiben darin, wie sie den Euromajdan sehen – die Dauerdemonstration auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz für eine Annäherung an Europa und gegen das autoritäre Regime von Präsident Viktor Janukowitsch. Zeitlich reichen die Artikel, Essays und Reportagen bis Mitte Februar: Die ersten tödlichen Schüsse in Kiew waren gefallen, aber die katastrophale Eskalation der Gewalt am 21. Februar war noch nicht absehbar.

Seitdem hat sich die Lage rasend schnell verändert. „Die Geschichte wird in der Ukraine Stunde um Stunde vor Ort geschrieben“, heißt es im Beitrag des britischen Historikers Timothy Garton Ash. Auf den unerwarteten Sieg, die Flucht des verhassten Janukowitsch folgte der große Schrecken: Russland verleibte sich die Krim ein. Die schwache Übergangsregierung muss hilflos zusehen, wie ukrainische Soldaten auf der Halbinsel erst belagert, dann vertrieben werden. Rechtsextreme Kräfte sind in die neue Führung eingezogen. Im Osten der Ukraine schürt Russland separatistische Stimmungen, um eventuell einen Vorwand für ein militärisches Eingreifen zu bekommen. Ein neuer kalter Krieg hat begonnen.

Hat sich damit das Buch mit seinem Jubel über den Majdan erledigt? Ich habe aus den Beiträgen fünf Überlegungen herausgesucht, die über den Tag hinausreichen und für die Ukraine jetzt und in Zukunft wichtig sein könnten.

1. Der Majdan war ein zivilgesellschaftlicher Durchbruch für die Ukraine

Bei aller Kritik gerade an der Rolle rechter Kräfte in den Protesten stimmt doch die Einschätzung der grünen Europa-Abgeordneten Rebecca Harms: Der Euromajdan war die stärkste Bürgerrechtsbewegung auf diesem Kontinent seit 1989.

„Es ist ein Aufstand gegen Ungerechtigkeit, Korruption, fehlende Rechtsstaatlichkeit und gegen die Verletzung der Menschenwürde.“ (Maria Matios, Schriftstellerin und Abgeordnete)

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„Ich halte für die wichtigste Errungenschaft des Majdan, dass die Menschen in der Ukraine gelernt haben, für ihre Rechte einzustehen, dass die Menschen aus den verschiedensten Sphären der Gesellschaft verstanden haben, dass die Einstellung, die noch aus der Sowjetzeit stammt, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist und wir uns die Hände nicht schmutzig machen wollen, uns auch der realen Chance beraubt, Einfluss zu nehmen, und dass das nicht so bleiben kann.“ (Halyna Kruk, Lyrikerin)

2. Die Ukraine muss Rücksicht auf ihre Fragilität nehmen

„Die Spannungen, sowohl psychologische wie geografische, zwischen Ost und West sind in der nationalen Identität der Ukraine tief verwurzelt. Die Ukrainer, die um die Zukunft ihres Landes am meisten besorgt sind, würden gut daran tun, die Zerbrechlichkeit dieser Identität anzuerkennen.“ (Orlando Figes, Historiker)

Ein Beispiel bringt der Historiker Andrij Portnov: In der parlamentarischen Opposition (und mittlerweile stellt sie die Regierung!) gebe es keine Kraft, die versucht, die russischsprachige Wählerschaft im Osten und Süden des Landes anzusprechen und zu gewinnen.

3. Im Wunsch nach Unabhängigkeit ist die Ukraine einiger als gedacht

„Seit 20 Jahren führen wir vergleichende Untersuchungen zu Lviv und Donezk durch. Das sind die Städte, die die beiden politisch entgegengesetzten Regionen in der Ukraine repräsentieren. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass die Unterschiede zwischen den beiden Städten dramatisch sind, aber nicht tragisch. Trotz starker Unterschiede verbindet beide Städte der Wunsch, in einem Land zu leben. Seit Beginn der 1990er Jahre gibt es in der Ukraine Meinungsumfragen, in denen unter anderem folgendes erfragt wird: Wenn das Referendum vom 1. Dezember 1991 über die Unabhängigkeit der Ukraine heute wiederholt werden würde, würde das Ergebnis gleich ausfallen? Seit jener Zeit hat es bis zum heutigen Tag kein einziges Jahr und keinen einzigen Monat gegeben, in dem die Mehrzahl der Ukrainer die Idee der nationalen Unabhängigkeit abgelehnt hätte.“ (Yaroslav Hrtsyak, Historiker)

Hoffnung macht Hrytsyak auch, dass sich die ukrainische Jugend in Ost und West in ihren an Europa ausgerichteten Werten sehr ähnlich sei.

4. Europa muss sich in der Ukraine einmischen

„Am Euromajdan wird nicht allein das Schicksal der Ukraine entschieden. Dort geht es um Europa. Um die Seele Europas, das nicht an der Schengengrenze endet.“ (Martin Pollack, Übersetzer)

„Egal, was die kommenden Monate bringen werden, die Lage in der Ukraine bleibt eine der grundlegenden Herausforderungen für die internationale Politik. Und das Schicksal eines großen europäischen Staates außerhalb der Europäischen Union darf letzterer nicht egal sein.“ (Andrij Portnov, Historiker)

5. Die Ukraine braucht eine europäische Zukunft

2015 zum 70. Jahrestag der Konferenz von Jalta solle die Ukraine ein halbwegs funktionierender Staat sein – das wünscht ihr Timothy Garton Ash. Sie solle die Assoziierung mit der EU unterschrieben haben. Dieser Wunsch ist erfüllt. Doch von gleichzeitigen engen Beziehungen zu Russland, wie er sie erhofft, wird wegen der Krim in Jahresfrist keine Rede sein können. Doch das entwertet nicht Garton Ashs langfristige Vision:

„Im Februar 2045, zum 100. Jahrestag der Konferenz von Jalta, sollte die Ukraine ein liberales, demokratisches, rechtsstaatliches Land sein, das zwar Mitglied der EU ist, aber eine besondere Beziehung zu Russland hat. (…) Das ist jedenfalls das Ziel, das wir uns vornehmen sollten.“

Majdan! Ukraine.Europa, herausgegeben von Claudia Dathe und Andreas Rostek, Übersetzt durch translit e.V. und andere, edition.fotoTAPETA_Flugschrift Berlin 2014, 160 S., ISBN 978-3-940524-28-7, 9,90 Euro

Texte von
Anastasija Afanasjewa | Juri Andruchowytsch | Yevgenia Belorusets | Elmar Brok | Roman Dubasevych | Kai Ehlers | Orlando Figes | Jörg Forbrig | Timothy Garton Ash | Rebecca Harms | Yaroslaw Hrytsak | Tamara Hundorowa | Olexandr Irwanez | Halyna Kruk | Wolodymyr Kulyk | Andrij Ljubka | Maria Matios | Adam Michnik | Switlana Oleschko | Martin Pollack | Andrij Portnov | Taras Prochasko | Roman Rak | Mykola Rjabtschuk | Konrad Schuller | Ostap Slyvynsky | Natalka Sniadanko | Timothy Snyder | Olexandr Stukalo | Natalia Yeryomenko | Serhij Zhadan

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