Sindbad der Busfahrer

Kann man aus den Verkehrsflüssen zwischen zwei Ländern auf das Interesse aneinander schließen? Wenn es danach geht, scheint Polen weiterhin mehr Interesse an Deutschland zu haben als umgekehrt.


Meine Reise hat mich von Wiesbaden nach Krakau geführt. In Luftlinie sind das 835 Kilometer – immer Richtung Osten entlang des 50. Breitengrades. Wer in die zweitgrößte Stadt Polens reisen will und nicht das Auto nimmt, hat im Prinzip die Wahl zwischen Flugzeug, Bahn oder Bus.

Zweimal täglich gibt es einen Flug von Frankfurt nach Krakau, von München sind es täglich sogar vier Flüge, dazu kommen viermal wöchentlich Flüge aus Berlin. Das weist der Flugplan (http://bit.ly/gxaCUI) des Krakauer Flughafen aus. Er trägt natürlich den Namen des berühmtesten Polen, des Papstes Johannes Pauls II. Die Flugdichte reicht, um die begrenzte Anzahl deutscher Geschäftsleute und Touristen in die touristische Hauptstadt Polens zu bringen.

Bei der Bahn scheinen die Verbindungen selbst zu Zeiten des Kalten Krieges besser gewesen zu sein. Immerhin gab es vor dem Mauerfall eine direkte Liegewagenverbindung von Frankfurt nach Krakau. Jetzt wird als einzige die Strecke Berlin-Warschau mehrfach täglich befahren. Von Berlin nach Krakau gibt es einen EC täglich.

Wer Zugverbindungen von Frankfurt nach Krakau sucht, den schickt http://www.bahn.de mindestens über Berlin und Warschau. Gelegentlich soll der Reisende noch den Umweg über Słupsk an der Ostseeküste nehmen – oder aber die Südroute über Prag. Die kürzeste Strecke verliefe über Dresden und Wrocław, aber auf diesem Abschnitt verkehren scheinbar nur Regionalzüge.

Wollen Deutsche und Polen einander nicht mit der Eisenbahn besuchen?

Die teure Bahn scheint den Kampf um Passagiere verloren zu haben. Es gibt ein perfektes Netz von Busverbindungen, mit dem polnische Firmen Deutschland, eigentlich ganz Westeuropa überzogen haben. Damit reisen zehntausende polnischen Bauarbeiter, Erntehelfer, Pflegekräfte oder Putzfrauen, die ihr Geld im Westen verdienen, vielleicht auch polnische Studenten. Marktführer dürfte die Firma Sindbad (http://bit.ly/hnq6Bd) mit Sitz in Opole sein.

Abend für Abend sammeln die polnischen Busse in allen großen deutschen Städten ihre Passagiere ein. Es gibt einige Umsteigestellen. Eine ist abends gegen 20.00 am Frankfurter Hauptbahnhof, eine weitere am nächsten Morgen gegen 10.00 in Gliwice. So funktioniert die Verbindung Wiesbaden-Krakau jede Nacht für nur 69 Euro.

Mein Selbstversuch hat ergeben, dass die Fahrt so bequem oder unbequem ist, wie Nachtfahrten im Bus nun einmal sind. Aber an Bord jedes Busses ist ein freundlicher Reisebegleiterin oder eine Reisebegleiterin. Die Organisation klappt. Und mit etwa 16 Stunden von Wiesbaden nach Krakau ist der Bus nur wenig langsamer als die Bahn.

Aber nicht nur die Busse, auch viele Billigflieger befördern Arbeitsmigranten. Es gibt wohl kaum touristische Gründe, weshalb Ryanair vom Flughafen Hahn im Hunsrück nach Katowice oder Rzeszów fliegen sollte. Von Krakau fliegt Ryanair jeweils viermal wöchentlich nach Düsseldorf und nach Dortmund. Auch das dürften eher Arbeiter- als Touristenflüge sein.

Viele Polen reisen nach Deutschland, wenige Deutsche reisen nach Polen – an diesem wirtschaftlich bedingten Ungleichgewicht wird sich so bald nichts ändern.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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Eine Antwort zu Sindbad der Busfahrer

  1. Peter Gysling schreibt:

    Lieber Friedemann, ob Du Dich noch erinnerst (Zchinvali)? Wie lautet Deine e-Mail-Adresse? Herzliche Grüsse, Peter (seit Sommer 08 wieder in Moskau)

    Gefällt mir

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