Mein Freund Marek war kein Spitzel – Teil 1

Polens katholisches Wochenblatt „Tygodnik Powszechny“ und der Geheimdienst

In Polen wird ein Buch des Journalisten Roman Graczyk heiß diskutiert: „Cena przetrwania“ (Der Preis des Überlebens) analysiert die Versuche des polnischen Geheimdienstes SB, die unabhängige katholische Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ (TP) zu infiltrieren. Graczyk listet gelungene und fehlgeschlagene Anwerbungen von Spitzeln in der Redaktion auf.

Vier Mitarbeiter des Blattes hält er für Grenzgänger, die dem SB ebenfalls zugearbeitet haben: Halina Bortnowska, Stefan Wilkanowicz, Mieczysław Pszon – und meinem langjährigen Freund Marek Skwarnicki (http://bit.ly/fR4MqP).

Ausgerechnet Marek, fast 81 Jahre alt, der fromme Dichter und katholische Publizist? Der Freund des früheren Papstes Johannes Pauls II., dessen Gedichte und Dramen er auf Polnisch herausgab? Marek, der als Junge das KZ Mauthausen überlebte, gebrandmarkt mit einer Häftlingsnummer? Er soll vom Geheimdienst die Registrationsnummer 10998 bekommen und ab 1976 unter dem Decknamen „Seneka“ Informationen geliefert haben?

Wenn in den Jahren seit der Wende Informelle Mitarbeiter (IM) der DDR-Staatssicherheit enttarnt wurden, war meine Reaktion vor allem eine: Sie sollen es wenigstens zugeben – genauso wie ertappte Doping-Sünder im Sport.

Fast drei Jahrzehnte habe ich mit den einst kommunistisch regierten Ländern zu tun. Nun steht erstmals über einen guten Freund in den Akten, er sei ein Spitzel gewesen. Und automatisch sträubt sich in mir alles und geht auf Verteidigung: Das kann nicht wahr sein, das muss ein Irrtum sein!

Andererseits lehren die Stasi-Akten, wie oft Menschen, von denen man es nie erwartet hätte, sich zum Verrat haben überreden lassen. Vorsicht ist also auch bei einer schnellen Entlastung ratsam.

Die Akten haben einen eigenen bösen Blick auf die Welt: Sie gehen von realen Vorgängen aus, haben einen konkreten Anlass, aber sie zeigen vor allem, was die Geheimdienstler sahen oder sehen wollten.

Dass der Geheimdienst sich jahrzehntelang für den „Tygodnik Powszechny“ (http://bit.ly/fa98TE) interessierte, ist klar. Das „Allgemeine Wochenblatt“ war in den kommunistisch dominierten Jahrzehnten ein Leuchtturm, galt als einzige unabhängige Zeitung zwischen der Berliner Mauer und Wladiwostok. Mit zwei politisch bedingten Unterbrechungen erscheint die Krakauer Zeitung seit 1945.

Sie war in der Volksrepublik Polen das wichtigste Forum der katholischen Intelligenz: kirchlich ausgerichtet, aber nicht unbedingt klerikal, politisch liberal und mit einem hohen Anspruch an Wahrhaftigkeit.

Der TP log nicht. „Wir schreiben nicht alles, was wir denken. Aber wir schreiben nichts, was wir nicht denken“, beschrieb mir Marek einmal in den 80er Jahren das Ethos der Redaktion. Doch auch dies ging der Zensur oft zu weit. Sie verfügte Streichungen, die das Blatt jeweils kenntlich machte. Die mitgedruckte Standardformel der Zensoren wurde so bekannt, dass sie in einem Krakauer Kabarett spöttisch zu Klavierbegleitung gesungen wurde.

Aber ist es auch klar, dass der TP oder das katholische Verlagshaus Znak nicht existieren konnten, wenn sie nicht ihre Interessen mit den Zensoren, anderen staatlichen Stellen und damit letztlich mit dem Geheimdienst besprachen.

Die ältere Generation des „Tygodnik Powszechny“, zu der auch Marek Skwarnicki gehört, erlebt das Buch als schärfsten Angriff seit kommunistischen Zeiten, als Schatten auf dem Denkmal TP – entsprechend heftig sind die Reaktionen.

Zudem arbeitete der 1958 geborene Journalist Graczyk früher selbst bei dem Blatt, er kennt die Redakteure gut, die er angreift. Seine Studie entstand im Rahmen eines Projekts des Instytut Pamięci Narodowej IPN (Institut für nationales Gedenken, http://bit.ly/gOz1K4), des polnischen Gegenstücks zur Stasi-Unterlagenbehörde. Es wurde allerdings nicht offiziell vom IPN veröffentlicht, sondern im Warschauer Verlag Czerwone i Czarne (http://bit.ly/etyCBO).

Von den vier Sonderfällen, über die Graczyk berichtet, ist für Deutschland Mieczysław Pszon (1915-95) bedeutend. Der Journalist und hochangesehene Oppositionelle war über Jahrzehnte ein Vorreiter der deutsch-polnischen Aussöhnung. Polens erster nicht-kommunistischer Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki machte Pszon zum Sonderbeauftragten für die Beziehungen zu Deutschland. Die zwei von ihm mitverhandelten bilateralen Verträge waren eine wichtige Vorbedingung für die deutsche Wiedervereinigung.

Pszon, ein Mensch, den das Gefängnis nicht gebrochen hat, der in der Todeszelle saß, der soll sich Graczyk zufolge hinterher für ein paar Flaschen jugoslawischen Brandy ergeben haben?“ ärgerte sich der langjährige Vize-Chefredakteur des TP, Krzysztof Kozłowski, im Interview mit der „Gazeta Wyborcza“ (http://bit.ly/g7AVHW). Er wies die Einschätzung zurück, Pszons Kontakte zum SB hätten etwas mit Spitzelei zu tun gehabt. Allerdings scheint Pszon auch Geld angenommen zu haben.

Eine große Rolle in Graczyks Buch spielen Akten zu Treffen, die die TP-Mitarbeiter mit SB-Offizieren gehabt haben sollen – einschließlich der vom Geheimdienst bezahlten Verköstigung. „Wenn schon, soll Graczyk mich angreifen. Ich habe häufiger mit dem SB geredet als Pszon. Ich habe Tee und Kaffee getrunken und vielleicht sogar Hering gegessen auf Kosten des Einsatzoffiziers“, sagte Kozłowski. Er war unter Mazowiecki als Innenminister auch für die SB-Akten zuständig.

Es ist ein Problem der Studie, dass sie sich auf entlegenes Material wie Rechnungen in Restaurants stützen muss. Die unzweifelhaft größeren Aktenbestände, die es über jeden der Akteure gegeben haben muss, fehlen und sind vermutlich vernichtet worden.

Auch in Marek Skwarnickis Fall zieht Graczyk weitreichende Schlüsse aus SB-Abrechnungen. Ein Treffen, bei dem zweimal Pute, zwei Gläschen Wodka und zwei Kaffee verzehrt wurden? Es muss länger und freundschaftlicher gewesen sein als eines, das nur mit zweimal Tee zu Buche schlug.

Unstrittig ist, dass die SB-Akten Dutzende Treffen belegen. Und es steht auch in den Dokumenten, dass der Geheimdienst Skwarnicki seit 1974 als Anwärter eines „tajny wspỏłpracownik“ (t.w., geheimer Mitarbeiter, entspricht den IM in der DDR) führte. 1976 wurde er als t.w. eingestuft mit dem Decknamen des römischen Philosophen Seneca.

Eine Verpflichtungserklärung gibt es nicht. Die sei in diesen kirchlichen Kreisen auch nicht unbedingt verlangt worden, erläutert Graczyk. Andererseits gab es wohl die Praxis der Geheimdienste, Menschen, mit denen man häufig sprach, ohne deren Wissen zum informellen Mitarbeiter hochzustufen.

https://friedemannkohler.wordpress.com/2011/03/24/mein-freund-marek-war-kein-spitzel-teil-2/

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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Eine Antwort zu Mein Freund Marek war kein Spitzel – Teil 1

  1. friedemannkohler schreibt:

    Der Dichter Marek Skwarnicki (82) starb am 12. März 2013 in Krakau und wurde am 20. März an der Benediktiner-Abtei Tyniec beigesetzt. Die Trauermesse las Kardinal Francziszek Maharski, zu den Trauergästen zählten Kollegen Mareks aus dem Tygodnik Powszechny, der ehemalige Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und die Dichterin Julia Hartwig. Bilder von der Beerdigung

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