Mein Freund Marek war kein Spitzel – Teil 2

Geheimtreffen als Preis für die Ausreise

Aus Skwarnickis Sicht und aus Sicht des TP gibt es für die Kontakte eine einfache Erklärung: Seine Auslandsreisen im kirchlichen Auftrag. Ab 1969 gehörte er als einziger Pole zur katholischen Intellektuellenbewegung PAX Romana. 1979 wurde er in den Päpstlichen Rat für die Laien berufen. Nach der Wahl des Krakauer Kardinals Karoł Wojtyła zum Papst begleitete Skwarnicki ihn auf vielen Auslandsreisen als Reporter des TP.

„Das Bemühen um den Pass für diese Ausreisen zwang zu häufigen Kontakten mit den SB-Offizieren“, verteidigte sich Skwarnicki in der Zeitschrift „Gość Niedzielny“ (http://bit.ly/gKdanJ). Zwar wurde der Pass bei der Passstelle beantragt. Ausgehändigt wurde er jedoch bei einem Treffen mit einem SB-Offizier, für das die Geheimdienstler meist zentral gelegene Cafés wählten. Nach der Reise musste der Pass bei einem weiteren Gespräch zurückgegeben werden.

Ich habe mich ausnahmslos auf das beschränkt, was mit der jeweiligen Reise verbunden war“, sagte Skwarnicki. „Ich habe nie zugestimmt, nach der Rückkehr aus dem Ausland irgendwelche Informationen zu geben.“ Außerdem herrschte im TP Dekonspiration: Zum Selbstschutz machten die Mitarbeiter intern ihre Treffen mit dem Geheimdienst bekannt.

Nur von wenigen dieser Begegnungen liegen inhaltliche Berichte vor. Nichts von dem, was Skwarnicki gesagt haben soll, geht über Gemeinplätze hinaus. Er wird zitiert mit der bekannten Linie des Papstes, der katholischen Kirche. Nur einmal scheint es um Interna des „Tygodnik Powszechny“ gegangen zu sein.

Im Verhältnis zum Geheimdienst gebe es nur zwei Möglichkeiten, sagte mir ein anderer langjähriger Krakauer Freund, Ryszard Kawęski. Er hat selbst als Oppositioneller zu Studentenzeiten eine dicke SB-Akte angesammelt, saß nach Verhängung des Kriegsrechtes 1981 mehrere Monate im Gefängnis. „Entweder Du sprichst gar nicht mit denen, nicht einmal über das Wetter oder Fußball.“ Oder man spreche über Fußball und das Wetter, müsse aber wissen, dass jedes noch so kleine Zugeständnis ausgenutzt wird.

Warum hat Marek Skwarnicki dann geredet und sich – vermutlich unwissentlich – abschöpfen lassen? Auch Graczyk unterstellt nicht, dass er freiwillig ein Zuträger war. Er zieht aber die unfreundliche Schlussfolgerung: Skwarnickis Aufgaben als katholischer Aktivist seien nicht so wichtig gewesen; er habe als Schriftsteller den Preis der häufigen Kontakte gezahlt, um reisen zu dürfen.

Für einen Künstler war es ein gewichtiges Argument, bestimmte Kontaktmöglichkeiten zu Perlen der europäischen Architektur und Kunst in jener Welt zu haben, vor allem in Italien“, schreibt Graczyk.

Wer Marek Skwarnicki kennt, der weiß, dass er eine lautere Seele ist. Er hat in Polen viele Verteidiger gefunden. Marek erzählt, auch Ex-Ministerpräsident Mazowiecki habe ihn nach Aufkommen des Skandals aus Solidarität angerufen.

Graczyks Methode besteht darin, vielstöckige Gedankengebäude zu errichten auf einer schwächlichen Faktengrundlage“, kritisierte der Journalist Adam Szostkiewicz. Er hat selbst elf Jahre beim TP gearbeitet und gab in der „Polityka“ eine Ehrenerklärung für seine Ex-Kollegen ab. Es sei im „Tygodnik Powszechny“ völlig klar gewesen, wo die Grenzen der Kooperation mit dem Staatsapparat verlaufe (http://bit.ly/fEoV7a).

Mir sagte Marek, er habe nicht gewusst, welche Bedeutung der Geheimdienst speziell diesen Treffen beimisst. Man sei in jenen Jahren ohnehin davon ausgegangen, abgehört und überwacht zu werden. Es sei ein erniedrigendes Gefühl gewesen, mit diesen Treffen die Reisen erkaufen zu müssen. „Ich habe den Preis der Erniedrigung bezahlt.“

Was wäre gewesen, wenn er die Gespräche mit dem SB verweigert und nicht ins Ausland gereist wäre, überlege ich. Die Isolation wäre schlimmer gewesen. Der TP und sein Umfeld in Krakau, die Kirche brauchten damals die Verbindung nach außen. Zwar war Polen nie so strikt abgeriegelt wie die DDR oder die Sowjetunion. Trotzdem waren gerade in den 70er Jahren die Kontakte noch so selten, dass jeder einzelne es wert war, darum zu kämpfen.

Die regimetreuen polnischen Katholiken der Gruppe PAX durften leichter reisen, nur wollte im Westen kaum jemand mit ihnen zu tun haben. Und wer hätte ab den 80er Jahren für ein polnisches Publikum über die Reisen des polnischen Papstes berichtet, wenn nicht der „Tygodnik Powszechny“?

Es waren schwierige Entscheidungen, die Marek und die Vertreter seiner Generation unter dem Druck des kommunistischen Regimes treffen mussten: Was war verantwortbar, um den kleinen, aber für die polnische Gesellschaft und die Kirche lebensnotwendigen Freiraum zu erhalten? Je enger man dabei an den Staatsapparat herankam, – das zeigt sich nun – desto hässlicher wurde die Spur in den Akten.

Ich bin im Westen geboren, Vertreter der nächstjüngeren Generation. Ich kann letztlich nur froh sein, dass mir der Zwang zu solchen Entscheidungen erspart geblieben ist.

Graczyk gehört zu meiner Generation der etwa 50-Jährigen, wenn auch auf polnischer Seite. Sein Buch hält der Vätergeneration vor, sich im Kampf zwischen Schwarz und Weiß nicht eindeutig genug für Weiß entschieden zu haben. Den Druck, der die Stufen von Grau zustande brachte, blendet er weitgehend aus – auch die Möglichkeit, dass hinter den Stufen von Grau seitens der Angegriffenen sinnvolle, ehrenhafte Überlegungen standen.

Es hat sich gelohnt, den Preis des Überlebens zu zahlen“, schrieb Graczyks Verleger, der Publizist Robert Krasowski, in der Zeitung „Rzeczpospolita“ (http://bit.ly/hAyg61). Die Kritik an dem Buch – gerade aus dem TP – sei nicht gerechtfertigt, denn eigentlich erzähle Graczyk die Geschichte eines großen Erfolgs: Der Geheimdienst habe gegen die Wochenzeitung nicht viel zustande gebracht. Der „Tygodnik Powszechny“ könne erhobenen Hauptes zurückblicken auf seine Geschichte in der Volksrepublik Polen als „lebender Beweis, dass Realismus und Pragmatismus in der Politik sinnvoll sind“.

Ich habe mich sehr gefreut, Marek dieser Tage in Krakau wiederzusehen. Seine Gesundheit lässt nach, aber es ist immer hoch interessant, mit ihm zu sprechen. Nur in den Buchläden rund um den Krakauer Marktplatz beschlich mich ein unangenehmes Gefühl. Dort gab es früher immer Mareks Bücher zu kaufen. Jetzt liegt dort an prominenter Stelle ein Buch, in dem behauptet wird, mein Freund Marek habe unzulässig eng mit dem Geheimdienst kooperiert.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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