Düstere Gedanken auf der Fahrt nach Kiew

Natürlich sind Gespräche in der Eisenbahn Zufallseindrücke. Man weiß nie, wer einem in Nachtzügen mit Viererabteilen sowjetischer Bauart Gesellschaft leistet. Während mich der Zug gemächlich 16 Stunden lang über Nacht von Warschau nach Kiew geschaukelt hat, bin ich mit zwei Geschäftsleuten aus der Ukraine ins Gespräch gekommen. Unabhängig voneinander sahen beide die Zukunft ihres Landes düster. Die Hoffnung, die es nach der Orangenen Revolution 2004/2005 gab, ist erloschen.

Der eine – nennen wir ihn Denis – fuhr über Kiew weiter nach Hause nach Charkow. Die Millionenstadt liegt im Nordosten der Ukraine, hat sich aber in der Orangenen Revolution nicht eindeutig auf die Seite des Ostens geschlagen. „Die Stadt war geteilt“, sagte Denis.

Der Osten – das waren die Anhänger des von Moskau favorisierten Präsidentschaftskandidaten Viktor Janukowitsch aus Donezk. Gegen seinen gefälschten Wahlsieg gingen in Kiew, in der Zentral- und Westukraine die Menschen auf die Straße. Sie blieben dort, bis sie eine Wiederholung der Wahl erzwungen hatten. Dabei setzte sich der Kandidat der orangenen Seite durch, Viktor Juschtschenko. Doch er einte sein gespaltenes Land nicht, sondern enttäuschte es in vier Jahren chaotischer Regierung.

2010 wählten die Ukrainer doch noch den verschmähten Janukowitsch. Der hat sein Land binnen weniger Monate wieder fester an Russland gekettet, regiert mit Hilfe von Geheimdienst und Medienzensur. Nur wirtschaftlich tut sich nichts.

Denis war ein smarter Typ, Anfang 30, er hatte zeitweise in Lyon studiert. Nun kam er von einer Kosmetikmesse in Düsseldorf. In Charkow gehören ihm, wie er erzählte, mehrere Kosmetikstudios und -Läden. Es geht um teure, professionell anzuwendende Schönheitsprodukte.

Das Geschäft sei sogar halbwegs krisensicher, nur die Bedingungen verschlechterten sich immer weiter. „Ich brauche überhaupt nichts vom Staat, keine Hilfen, keine Unterstützung“, sagte Denis. „Er soll mich nur in Ruhe arbeiten lassen.“

Dass die Ukraine wirtschaftlich auf einen grünen Zweig kommt, erwartete er nicht. Die Willkür der Beamten, die Korruption nehme zu. „Wenn sie wieder ankommen, um die Steuern direkt zu kassieren, dann bin ich weg aus diesem Land.“ Er suche für sich und seine Familie nach einem Landeplatz in der EU.

Der zweite Ukrainer namens Anton stieg in Dorohusk vor der Grenze zu. Er hat seinen Zufluchtsort schon in Polen gefunden, ist verheiratet mit einer Polin, besitzt die polnische Staatsbürgerschaft. Anton arbeitet für eine westliche Consultingfirma, wohnt noch in Radom, bald soll der Umzug nach Warschau erfolgen.

Trotzdem will Anton sich für sein Heimatland engagieren. Er habe mehrfach versucht, dort geschäftlich Fuß zu fassen, erzählte er. Doch es sei immer wieder eine Enttäuschung gewesen. Auch in seiner neuen Heimat Polen würde er sich schnellere Reformen wünschen, doch in der Ukraine gehe es viel zu langsam voran. Der Berater war einigermaßen ratlos, was dem Land helfen würde. 20 Jahre nach der Unabhängigkeit tritt es immer noch auf der Stelle.

Mir fehlt die Stadt Kiew“, sagte der Mittdreißiger. Doch derzeit fühlt er sich in Polen besser aufgehoben.

Wer weiß, wie viele junge Ukrainer noch auf gepackten Koffern sitzen? Wie viele sind schon ins Ausland gegangen?

Seit der Ankunft sehe ich Kiew in ähnlich düsterem Licht. Vielleicht ist der Unterschied zu den florierenden polnischen Metropolen Krakau und Warschau, aber auch zu Moskau zu krass. Der Schneeregen macht die Stimmung nicht besser.

Natürlich ist alles noch da, was Kiew schön macht – die Hauptstraße Kreschtschatik, die goldenen Kuppeln der Sophienkathedrale, der Blick über den Dnjepr.

Doch die Stadt ist zugebaut worden mit immer mehr Wohn- und Geschäftshäusern. Sie wirkt ärmer als vor Jahren, scheint steckengeblieben zu sein im wilden Kapitalismus der frühen nachkommunistischen Jahre. Einige protzigreiche Geschäfte funkeln, davor stehen schäbige Büdchen. Es fehlt die Mitte, an der sich ablesen lassen würde, dass es einen bescheidenen Wohlstand für alle gibt. Der Unabhängigkeitsplatz ist voller Reklame, doch es fehlt ihr an Eleganz, sie signalisiert Ärmlichkeit und Provinzialität.


Ich rufe mir das Kiew vor fünf Jahren wieder in Erinnerung. Damals direkt nach der Orangenen Revolution, als Schauplatz des Eurovisions-Wettbewerbs, schien die Stadt vor dem Durchbruch zu einer modernen europäischen Metropole zu stehen. Warum hat sie ihn verpasst?

Auf dem Unabhängigkeitsplatz tanzten am Wochenende hunderte Schüler, herangekarrt aus Odessa. In Reih und Glied übten sie zu lautstarker Musik für eine dümmliche Fernsehshow. So war der Schauplatz der Orangenen Revolution nach den Demonstrationen gegen Janukowitsch vom 20. März okkupiert. Für neue Proteste bleibt kein Platz.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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