Eine Schönheit macht sich hässlich

Kiew ist eine phantastisch schöne Stadt – daran halte ich fest, auch wenn ich mich bei einem Rundgang kräftig geärgert habe. An manchen Stellen zerfallen wunderbare Dinge, an anderen Stellen wird aus Kommerzgründen gnadenlos häßlich Neues gebaut. Wer immer zur EM 2012 nach Kiew kommt, wird feststellen, wie grandios die ukrainische Hauptstadt ist: Gelegen hoch über dem Dnjepr auf grünen Hügeln. Der Besucher muss sich nur bewusst sein, dass die Stadt vor etwa zehn Jahren noch schöner war.

Nehmen wir eine der Haupttouristenattraktionen, den Andrejewski Spusk, die Andreasstraße. Kopfsteingepflastert windet sie sich von der Oberstadt hinab in die Unterstadt Podol (ukr.: Podil). Die Straße gilt als das Kiewer Montmartre, hier drängen sich die Souvenirhändler mit ihrem Sondermüll: kitschige Bilder, Schnitzwerk, Leninstatuen und sowjetische Soldatenmützen. Schön und wertvoll sind nur die gestickten ukrainischen Blusen oder gehäkelte Schals.

Die Andreas-Kirche, ein fröhliches barockes Schmuckstück des Architekten Rastrelli, war schon zu meinen Kiewer Zeiten Anfang der 90er Jahre „na remont“ (unter Rekonstruktion) und deshalb geschlossen. Warum ist sie 18 Jahre später immer noch geschlossen. Vermutlich eine komplizierte Mischfinanzierung aus staatlichen und kirchlichen Geldern. Immerhin scheinen die Arbeiten jetzt beim Außengelände angekommen zu sein.

Aber was ist aus dem kleinen Biergarten auf dem steilen Hügel neben der Straße geworden? Anfang der 90er hatte ein amerikanisch-ukrainisches Joint Venture die Holztreppe auf den Hügel neu angelegt. Von oben hat man einen tollen Rundumblick auf das Podol und den Fluss. Nun ist die Treppe wieder ungepflegt, baufällig. Ringsum liegt Müll, vom Biergarten keine Spur. Liebe Kiewer, in einem Jahr werden die Fußballfans genau hier sitzen wollen!

Auf der anderen Seite des Andrejewski Spusk lag bis vor wenigen Jahren ein grünes Ödland mitten in der Stadt. Steile Hügel, enge Täler, eine verrufene, sagenumwobene Gegend. Kiew ist seit tausenden Jahren besiedelt, und die Legenden über diesen Ort reichen weit in vorchristliche Zeit zurück.

Nun entstehen in diesem Ödland Häuser, teure Eigentumswohnungen für die neue Elite. Die örtlichen Dämonen müssen die Hirne der Architekten verwirrt haben. Wer hat diese falsche Theaterkulisse aus deutscher Kleinstadt, französischer Gründerzeit und Petersburger Barock entworfen? Und wer, zum Teufel, hat so etwas genehmigt? Selbst in Moskau ist die Phase dieser Disney-Architektur schnell wieder vergangen, eine traditionsreiche Stadt wie Kiew verschandelt sich auf Jahrzehnte damit.

Verglichen mit diesen Stillosigkeiten war Stalins Zuckerbäckerarchitektur, die das Kiewer Zentrum beherrscht, klar und städtebaulich durchdacht. Die neuen Biedermeier haben dem monumentalen, streng gegliederten Unabhängigkeitsplatz eine unproportionierte Siegessäule verpasst. Der Platz für die Menschen geht nun für die Lichtkuppeln des unterirdischen Einkaufszentrums drauf.

Zu ihrem architektonischen Unglück fehlt der Stadt eigentlich nur noch ein Hundertwasser-Haus. Aber nein, die Alfabank in der Desjatinnaja-Straße hat ihren Hinterhof schon entsprechend dekoriert!

Und wer denkt sich aus, ein Kettenkarussell vor den silbernen Regenbogen zu stellen, der die russisch-ukrainische Freundschaft symbolisieren soll? Das ist  eine städtebaulich unverzichtbare Sichtachse hinab auf den Dnjepr!

In den weitläufigen Parkanlagen am Steilufer über dem Fluss sind viele Wege baufällig, kleine Konzertmuscheln verrotten. Die geschwungene Fußgängerbrücke über den Fluss zur Truchanow-Insel rostet und müsste dringend renoviert werden. Auf der Insel liegen die Strände, das kleine Bade- und Freizeitparadies der Kiewer.

Es fällt auf, dass überall dort Verfall herrscht, wo die Stadt zuständig wäre. Dieser Eindruck deckt sich mit dem, was Kiewer Freunde erzählen. In den vergangenen Jahren unter Bürgermeister Tschernowezki ist kaum in die Infrastruktur investiert worden, dafür soll säckeweise Geld verschwunden sein. Der neue Präsident Janukowitsch – er sei ausnahmsweise mal gelobt – hat die Verfassung ändern lassen, um die selbstherrliche Kiewer Stadtverwaltung wieder stärker kontrollieren zu können.

Wenn man sich die Fußgängerbrücke anschaut: Eine Sanierung dürfte länger dauern als nur ein Jahr. Aber eigentlich sollte sie bis zur EM 2012 wenigstens neu gestrichen werden.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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