Heimkehr nach St. Katharinen

In die evangelische Katharinenkirche in Kiew zu kommen ist wie eine Heimkehr. Im Sonntagsgottesdienst habe ich vertraute Gesichter erkannt, den Chor gibt es immer noch. Älter, grauer, manchmal etwas rundlicher sind wir geworden. Die Kirche war damals, Mitte der 90er Jahre, noch nicht das schön gestaltete Gotteshaus von heute.

Am oberen Ende der steilen Luteranska-Straße stand nach wechselvollen Jahrzehnten nur die äußere Hülle. Die Gemeinde der evangelischen Deutschen in Kiew hatte die Kirche Mitte des 19. Jahrhunderts bauen lassen, dicht daneben auf dem „Deutschen Hügel“ (so der Volksmund) lag das deutsche Mädchengymnasium. Doch im Stalin-Terror der 30er Jahre wurde der letzte Pfarrer verhaftet, die Kirche geschlossen, die Gemeinde aufgeloest.

Erst in den letzten Jahren der Sowjetunion wagten einige Deutschstämmige wieder, sich zu ihrer Herkunft und zu ihrem evangelischen Glauben zu bekennen. Nur einige von ihnen stammten aus Kiew, die meisten hatte das Schicksal dorthin gewirbelt. Schließlich hatten der Zweite Weltkrieg, die sowjetische Binnendeportation und die Zwangsarbeit in der Trudarmija die Zahl der Deutschstämmigen in Kiew auf ein Zehntel sinken lassen.

Als meine Frau und ich 1993 nach Kiew kamen, war die wiedererstandene Gemeinde in ihrem alten Gotteshaus nur geduldet. Die Kirche gehörte als Lagerstätte und Restaurierungswerkstatt dem Volkskundemuseum. Zum Gottesdienst drängten wir uns einem kleinen, kahlen Ausstellungssaal. Die Wände waren mit häßlichem grauem Rupfen bespannt.

In Glasvitrinen stapelte sich Pakete mit humanitärer Hilfe aus Deutschland. Wer keinen Stuhl abbekam, musste stehen. Bei manchen Gottesdiensten standen Gemeindemitglieder im Flur oder auf der Straße, weil drinnen kein Platz mehr war.

Es war das Gefühl einer Kirche in Not. Doch zugleich waren es Jahre des Aufbruchs, des Aufbaus, der Gemeinschaft. In Moskau existieren bis heute die Kirchengemeinde der lutherischen Russlanddeutschen und die evangelische Gemeinde der beruflich entsandten Deutschen nebeneinander. In Kiew gab es nur eine Kirche deutscher Sprache, die Heimstatt für alle war. In St. Katharinen hat Pastor Achim Reis 1995 unseren Sohn getauft.

Reis und sein Nachfolger Gerald Kotsch, dazu nacheinander die deutschen Botschafter v. Bassewitz, Arnot und Heyken bemühten sich um eine offizielle Rückgabe der Kirche an die Gemeinde. Jeder ranghohe politische Besuch aus Deutschland sprach das Thema mit der ukrainischen Führung an. Die machte jedes Mal Zusagen, die dann auf den unteren Ebenen der Bürokratie nicht eingehalten wurden.

Den Durchbruch brachte erst ein Besuch von Bundespräsident Roman Herzog in der Ukraine 1998. Er setzte auch eine Visite in der Kirche an, die im Kiewer Zentrum in nächster Nähe zum Präsidentenpalast liegt. Da war die Rückgabe nicht mehr zu vermeiden. Die Kirche wurde dann über Jahre renoviert und umgebaut und schließlich im November 2000 neu geweiht.

Heute ist die Gemeinde ein eingespielter Betrieb mit vielen Angeboten: Es gibt Gottesdienste und Gruppen für Kinder und Jugendliche, ein tägliches Abendgebet, Konfirmationsunterricht, Deutschkurse (denn Russisch ist weiter die vorherrschende Sprache), Gesprächskreise, diakonische Arbeit.

Die Zahl der Besucher ist seit den schwierigen Anfängen zurückgegangen. Viele Gemeindemitglieder, die über die Kirche ihr Deutschtum wiederentdeckt haben, sind nach Deutschland ausgereist. Heute gibt es etwa 300 eingetragene Mitglieder, sagt die Gemeindesekretärin Tatjana Terjoschina, die auch schon damals im Amt war. Zum Sonntagsgottesdienst kommen 50 bis 60 Gläubige. Verglichen mit deutschen Großstadtgemeinden kein schlechter Schnitt.

Den Gottesdienst am gestrigen Sonntag Laetare leitete nicht der neue, aus Brandenburg entsandte Pfarrer Ralf Haska, der auf Reisen war, sondern eine junge ukrainische Vikarin. Es liegt heute ein Gefühl des Angekommenseins über der Kirche. Und trotzdem denke ich mit Dankbarkeit an die rupfenbespannten Jahre zurück.

http://www.katharina.kiev.ua

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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