Auf dem Dach von Tiflis

Den schönsten Ausblick über die georgische Hauptstadt Tiflis hat man vom Hausberg Mtatsminda. Nur dort hinaufzukommen ist nicht so einfach.

Die alte Seilbahn vom Gebäude der Georgischen Akademie der Wissenschaften fährt schon lange nicht mehr, das Seil ist demontiert. Und auch die Standseilbahn (Funiculaire) ist außer Betrieb.

Doch der neu gekaufte Stadtplan weist auch einen Wanderweg aus. Den beschließe ich zu gehen. Etwa 250 Höhenmeter trennen das Zentrum der georgischen Hauptstadt vom Fernsehturm auf dem Mtatsminda (719 Meter). Der Weg beginnt mit ordentlich asphaltierten Treppen und Stufen, aber schon nach wenigen Metern zieht sich nur noch ein schmaler, kaum ausgetretener Pfad den steilen Hang hinauf. Für mich gibt es nach dem langen Winter das erste frische Grün zu sehen. Auch der gelbe Ginster blüht.

Auf halber Strecke reicht der Blick endlich weit genug, um die niedrigste Kette des Kaukasus zu sehen – sie ist noch schneebedeckt. Für die Jahreszeit ist es zu kalt in Tiflis. Es weht ein kühler Wind. Je höher ich komme, desto lauter heult der Wind im Metallgestänge des Fernsehturms.

Oben auf dem Mtatsminda erstreckt sich ein gepflegter Ausflugspark mit Karussells und Riesenrad. Unterhalb der Aussichtsplattform breitet sich das Panorama der Stadt aus. Rechts liegt die Altstadt, die Häuser verziert mit orientalischen Balkonen, links die neuen Viertel mit Hochhäusern bis zum Horizont.

Direkt unterhalb liegt das politische und kulturelle Zentrum mit dem Rustaweli-Prospekt. Ich suche den gelben Klotz des Parlamentsgebäudes und denke an meinen ersten Besuch in Tiflis als Korrespondent im Januar 1992 zurück.

Es war direkt nach dem Sturz des ersten frei gewählten georgischen Präsidenten Swiad Gamsachurdia. Wochenlang hatte die bewaffnete Opposition das Parlament beschossen, in dem sich der Präsident verschanzt hatte. Das Gebäude war teils zerstört und brannte noch, alle Wände waren von Einschusslöchern übersät. Der Rustaweli-Prospekt, zuvor der schönste Bummelboulevard der Sowjetunion, lag in Trümmern.

Ein Stück vom Parlament entfernt ragt das Gebäude des Ministerrates empor. Dort gab mir einer der neuen Machthaber, Tengis Kitowani, ein kurzes, unfreundliches Interview. Immerhin stellte er seine Kalaschnikow in die Ecke. Er behielt aber den Patronengurt um und sah damit aus wie der Schurke in einem Italo-Western.

Kitowani und seine Mitstreiter bildeten tatsächlich eine Art Militärjunta. Sie machten dann den Weg frei für die Rückkehr des ehemaligen georgischen Parteichefs und sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses Mtkwari liegt das Metechi Palace, früher das einzige internationale Hotel in Tiflis. Es war der einzige Ort in der Stadt, an dem ausnahmslos jeder seine Waffe abgeben musste. Selbst ein friedliebender Mensch wie der ehemalige SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel kam auf seiner außenpolitischen Abschiedstour 1995 nur durch den Metalldetektor ins Hotel hinein.

Wie ging es für Tiflis weiter? Erst kam der bescheidene Aufschwung von Schewardnadses Anfangsjahren als Präsident, dann die tiefe Depression seiner späten Jahre. Erstmals sah man den stolzen Georgiern ihre Armut an. Die sogenannte Rosenrevolution Ende 2003 und der erste Wahlsieg von Mikael Saakaschwili brachten wieder mehr Hoffnung.

Zwar regiert Saakaschwili erratisch, er hat den verlorenen Krieg gegen Russland von 2008 zu verantworten. Trotzdem scheint dieser Kurzkrieg der Hauptstadt nicht den Einbruch beschert zu haben, den ich befürchtet hatte. Sie wirkt geordneter, als ich sie je erlebt habe, ruhig und freundlich. Nach Jahren der Dunkelheit ist sie nun nachts schön beleuchtet.

Die Bauten der Saakaschwili-Zeit verändern das Stadtbild, zum Beispiel sein überkandidelter Präsidentenpalast am anderen Flussufer und die riesige Dreifaltigkeitskathedrale. Am Berghang neben der Statue der Mutter Georgien (Kartlis Deda) lässt ein einheimischer Oligarch einen gigantischen Palast aus Glas und Aluminium errichten. Auch im Zentrum ist viel gebaut worden, doch hat dieser Boom Tiflis nicht so entstellt wie beispielsweise Kiew.

Internationale Hotels gibt es mittlerweile viele. Sogar das alte Intourist-Hotel Iveria, in dem lange Jahre Flüchtlinge aus Abchasien einquartiert waren, hat sich in ein modernes Radisson verwandelt.

Der Rückweg zur Stadt führt über eine steile Treppe – ich bin froh, dass ich die Strecke so herum gewählt habe und nicht hunderte Stufen hochzusteigen brauchte. Auf halber Strecke am Berg liegen die Mamadaviti-Kirche und das Mtatsminda-Pantheon. In einer Grotte am Fuß der Kirche liegt der russische Dichter und Diplomat Alexander Gribojedow (1795-1829) begraben, der auf Mission in Teheran ermordet wurde.

In dem Pantheon mit vielen georgischen Geistesgrößen hat Saakaschwili 2007 auch die sterblichen Reste seines Vorvorgängers Gamsachurdias beisetzen lassen.

Noch einige Kurven, dann bin ich wieder in der Stadt. Die Tschitadse-Straße führt hinab durch das Regierungsviertel zum Parlament. Es ist saniert, und ich meine nur an einigen Stellen im gelben Sandstein noch die Rußspuren der Kämpfe von 1992 erkennen zu können.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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