Georgiens wilde Autofahrer werden gezähmt

Es gab ein sowjetisches Bonmot über das Autofahren in der georgischen Hauptstadt Tbilissi: In Tbilissi hat sich das Konzept der Ampel nicht durchgesetzt. Mittlerweile macht die Idee aber Fortschritte, den Verkehr mit Lichtzeichenanlagen zu regeln. Und seit einigen Monaten durchlaufen die georgischen Autofahrer eine echte Kulturrevolution: Sie schnallen sich an.

Früher war das Autofahren nördlich und südlich des Kaukasusgebirges eine Fortsetzung des freien, wilden Reitens – nur mit Motorkraft. Dschigit sa ruljom – ein furchtloser Krieger am Steuer – das war die Devise. Ein Dschigit fuhr schnell und mit Bravour, strafte Verkehrsregeln mit Verachtung, bremste höchstens für Schlaglöcher.

Sicherheitsgurte waren wie in Russland etwas für Feiglinge. Wer sie benutzte (oder pro forma über die Schulter legte, aber nicht einhakte) galt höchstens als geizig: Man verriet die eigene Freiheit, weil man der Verkehrspolizei kein Bußgeld bezahlen konnte oder wollte.

Doch nun hat die georgische Regierung das Bußgeld für Fahren ohne Sicherheitsgurt drastisch erhöht: 20 Lari (etwa 7,50 Euro) sind es für Ersttäter, im Wiederholungsfall kostet es bis zu 50 Lari. Auch bei Falschparken und Geschwindigkeitsüberschreitungen setzt es drastische Bußgelder. Mit Grummeln fügen sich selbst die widerspenstigsten Taxifahrer und schnallen sich an.

Denn die georgische Verkehrspolizei ist vermutlich die einzige in einer Ex-Sowjetrepublik (ohne das Baltikum), die sich nicht mit Schmiergeldern an Ort und Stelle abspeisen lässt. In seinem Nachdruck auf die Modernisierung Georgiens hat Präsident Mikael Saakaschwili die frühere, notorisch korrupte Verkehrspolizei aufgelöst und mit neuen Leuten wiederbegründet. Die bekamen schicke Uniformen, flotte Dienstwagen (wichtig für kaukasische Männer) und ein auskömmliches Gehalt.

Neue Polizeistationen werden gebaut, die eine Abkehr von den finsteren Polizeiburgen der Sowjetzeit bedeuten. Keine Gitter und Affenkäfige mehr –  stattdessen geben große Fenster für jeden Bürger den Blick auf die Computerarbeitsplätze der Polizisten frei. Transparenz ist zumindest architektonisch oberstes Gebot.

In dem radikalen Bruch mit dem Alten, der zwangsweisen Europäisierung hat Saakaschwilis Regierung etwas von einer Erziehungsdiktatur (von anderen Fragen seines Machterhalts ganz zu schweigen).  Der Widerstand gegen die Null-Toleranz-Politik bei den Sicherheitsgurten kommt deshalb vor allem von der politischen Opposition.

Keti, eine langjährige Schewardnadse-Anhängerin, erläuterte mir einen Abend lang, was für ein Angriff auf die persönliche Freiheit der Zwang zum Anschnallen doch sei. Ein freier Bürger habe das Recht, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen.

In der Praxis nutzt dieser Ultraliberalismus gottlob wenig: Seit neuestem benutzen die Georgier den Gurt. Der Verkehr in der Hauptstadt hat sich insgesamt beruhigt. Das gefährliche Überholen auf der Gegenfahrbahn wird unterbunden, weil die Fahrtrichtungen an vielen Stellen durch Barrieren getrennt werden.

Und das Ampel-Problem hat sich in Tbilissi elegant durch die Einführung von Countdown-Ampeln gelöst. Nun weiß jeder, wie viele Sekunden er bei Rot noch zu warten hat oder wie lange er bei Grün fahren darf. Statt die Ampel zu ignorieren, setzen die kaukasischen Schumachers nun ihren Ehrgeiz darein, genau mit dem Umschalten zu starten. Aber immerhin: Vorher warten sie an der Ampel.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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