Ein Päckchen aus Polen, in dem 1230 Gramm fehlen

Sechs Wochen bin ich ohne jeden Zwischenfall gereist, und nun nach der Heimkehr das: Das vor einem Monat in Krakau aufgegebene Päckchen voller Bücher ist aufgeschnitten und ausgeraubt in Wiesbaden angekommen.

Dabei hat das Versenden von Büchern früher, und da rede ich von den kommunistischen 80er Jahren, immer gut geklappt. In Krakau sammelten sich bei mir immer zu viele Bücher, um sie im Rucksack nach Hause zu schleppen. Es waren polnische Literatur und Bildbände, aber auch sowjetische Bücher, die es in der „Kalinka“ am Marktplatz gab und die von den Polen keiner kaufen wollte. (Heute ist in der „Kalinka“ die Krakauer Repräsentanz der Deutschen Bank, und auch das ist ein Anlass zum Grübeln.)

Dann ging es an das andere Ende des Marktplatzes zur Musikalienhandlung (die gibt es glücklicherweise noch, und ich habe diesmal in deren Hinterzimmer ein Interview mit Jan Budziaszek geführt, dem ehemaligen Schlagzeuger der „Skaldowie“). Beim Musikalienhändler erbaten die anderen Polnischstudenten und ich uns leere LP-Kartons. In die passten viele Bücher hinein.

In eine Ecke der dicken Pappe musste man ein Fensterchen schneiden, damit der Zoll einen Blick hineinwerfen konnte. Die Ausfuhr von Wörterbüchern zum Beispiel war verboten, aber – nun ja – man musste deren Rücken ja nicht gerade vor das Guckloch legen.

Schnur drum und ab auf die Hauptpost! Alle diese Büchersendungen sind wohlbehalten im Westen angekommen, nie hat etwas gefehlt.

Seitdem ist der Kommunismus untergegangen, Polen ist wie Deutschland Mitglied in NATO und EU, gehört zur Schengenzone. Es erschien mir also ein gute und sichere Idee, den Überschuss an Büchern wieder per Paket nach Hause zu schicken.

Stattdessen lieferte DHL mir diese Woche einen größeren Karton, in den die traurigen Reste meines Päckchens verpackt waren. Die Frontseite war aufgeschlitzt. Der Schaden war festgestellt worden, als mein Päckchen aus Polen per Lastwagen im IFS (??) Leipzig ankam. „Beraubung“ stellt das beigefügte Formular der Deutschen Post eindeutig fest. Von 2400 Gramm sind genau 1170 Gramm geblieben.

Und die fehlenden 1230 Gramm? Das waren zwei Bücher, Zeitschriftenartikel, Visitenkarten und anderes Recherchematerial, das ich eigentlich zum Schreiben  meines Buches brauche. Okay, Bernhard Schlinks „Vorleser“ als Reiselektüre ist ersetzbar. Und ich hoffe, dass die frommen polnischen Predigten von Pater Rafal den unbekannten Dieb zur Reue treiben. Viel Freude wird er an seiner Beute nicht gehabt haben.

Aber wie, frage ich mich, ist heute die Verbindung zwischen der Hauptpost in Krakau und Wiesbaden, bzw. zwischen Polen und Deutschland organisiert, wenn irgendwo unterwegs ein Dieb Pakete aufschlitzen und durchsuchen kann?

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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