Leuchtende Miniaturen sind Georgiens Nationalschatz

Georgiens größter geistiger Schatz verbirgt sich in Tbilissi in einem heruntergekommenen, typisch sowjetischen Institutsgebäude. Hinter dem Sportpalast residiert das Nationale Handschriftenzentrum (www.manuscript.ge).

Etwa 30 000 uralte handgeschriebene georgische Bücher lagern hier, dazu ungezählte Einzelurkunden. Die ältesten Dokumente stammen aus dem 6. Jahrhundert.

Anders als das Matenadaran, das berühmte Handschriftenmuseum in Eriwan, ist das georgische Zentrum nicht öffentlich zugänglich. Aber das Schicksal hat mir als Bekanntschaft Nugzar Papuaschwili beschert. Da ist ein freundlicher, deutschsprechender Kirchenhistoriker und Mitarbeiter des Handschriftenzentrums. Auf seine Einladung bin ich willkommen, weil ich mir die Tradition der georgischen Evangelienkopien und ihrer Miniaturmalereien ansehen will.

Der stellvertretende Direktor Grigol Gagnidse begleitet unseren Rundgang. Etwa 100 Mitarbeiter habe das Zentrum, sagt er. Er berichtet von der Zusammenarbeit mit der Universität Graz in Österreich, wo ebenfalls georgische Handschriften lagern und restauriert werden. Zur Finanzausstattung des Zentrums sagt er nichts – man sieht, dass sie besser sein könnte. Aber ein professioneller Umgang mit den historischen Raritäten, eine angemessene Lagerung sind gewährleistet.

In einem Ausstellungssaal sind die mittelalterlichen Bibelillustrationen zu bewundern. Vier Evangelisten zieren die Evangelienschrift von Tsqarostavi aus dem 10./11. Jahrhundert – Markus und Lukas fröhlich lachend, Johannes wird dagegen mit Backenbart, dunkel dargestellt. „Das ist auch der einzige Theologe der vier“, kommentiert Papuaschwili.

Die ältesten, vorbyzantinischen Handschriften mit ihren fast naiven Bildern unterscheiden sich deutlich von den späteren aus byzantinischer Zeit. Hier sind die Illustrationen dekorativer, entsprechen mehr der bekannten Bildersprache orthodoxer Ikonen. In Illustrationen des 17. Jahrhunderts zum georgischen Nationalepos „Der Recke im Tigerfell“ zeigt sich stärker die orientalische Seite des Landes: Sie ähneln persischer Malerei.

Doch letztlich bietet der Ausstellungssaal nur gut gemachte Kopien. Die unschätzbar wertvollen Originale lagern im Archiv bei gleichmäßiger Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Dort öffnet eine Mitarbeiterin für mich das prunkvolle Evangeliar der georgischen Königin Tamar (1160-1213). Für Reisen hatte die Herrscherin ein kleineres Exemplar – samt perlenbesticktem Beutel zur Aufbewahrung.

Die Schrift der Bibelkopien ist winzig – schon das Lesen muss Mühe gemacht haben, vom Erstellen der Handschriften ganz zu schweigen. Einige Schriften sind Übersetzungen aus dem Griechischen. Die Originale sind nicht erhalten, der Inhalt ist nur aus den georgischen Übersetzungen bekannt.

Wollen Sie auch noch die orientalische Abteilung sehen?“, fragt mich Vizedirektor Gaganidse. Natürlich will ich. Und es stellt sich heraus, dass unter „orientalisch“ nicht nur Osten zu verstehen ist, sondern alles nicht-georgische. Auch alte deutsche Handschriften in Gotisch oder Latein lagern in diesem Saal. Prächtig sind die Koran-Abschriften und arabische Urkunden. Am besten gefällt mir eine Schrift aus der Mongolei, die das Leben Buddhas erzählt. Das alte Papier ist eingebunden in dickes Sackleinen und mit einer Schnur umwickelt.

Zum Schluss darf ich einen besonderen Schatz sehen: eine etwa 1200 Jahre alte Thora-Rolle aus dem Dorf Leilashi in der georgischen Gebirgsregion Swanetien. Deralt alte Thora-Rollen seien weltweit nur sieben oder acht Stück erhalten, dies sei die drittälteste, erläutert Papuaschwili. Meist werden die Schriftrolllen nämlich, wenn sie für den Gebrauch in der Synagoge nicht mehr taugen, feierlich beerdigt. „Handschriften haben eine Seele, deshalb werden sie wie Menschen in Ehren beigesetzt.“

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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