Ein Denkmal für drei Freunde aus dem Osten

In den vergangenen vier Monaten habe ich, so hoffe ich, einen Freundschaftsdienst geleistet. Auf Reisen in Polen, der Ukraine und Georgien habe ich die Lebensgeschichten dreier außergewöhnlicher Männer recherchiert, die ich vor Jahrzehnten selber gekannt habe.

Meine drei Freunde aus dem Osten haben gemeinsam, dass sie jung gestorben sind. Hoffnungsvolle Begabungen wurden ausgelöscht. Zweimal waren Autounfälle schuld, einmal eine langjährige Krankheit. Doch das Leben wie der Tod der drei scheint mir etwas über ihre Epoche auszusagen. Es ist die schmerzliche Seite der historischen Befreiungs- und Umbruchsphase, die der Osten Europas durchlebt hat.

Ich habe auf der Reise mit Familien, Freunden und Kollegen der drei Männer geredet, habe Bücher, Bilder, Filme gesammelt.

Nun würdige ich jeden der drei mit einem Nachruf, halte sie im Gedächtnis fest. Ich bemühe mich, sie jeweils in ihrer Zeit darzustellen – mit einer lakonischen Gedichtzeile des russischen Dichters Aleksandr Kušner (geb. 1936) im Sinn:

Vremena ne vybirajut, v nich živut i umirajut.
(Man sucht sich seine Zeit nicht aus, man lebt in ihr und stirbt in ihr.)

Rafał Skibiński (1953-1987) war eine der Hoffnungen des Dominikanerordens in Polen in den bitteren 1980er Jahren nach Niederschlagung der Solidarność. Der begabte Prediger arbeitete als Studentenseelsorger in Krakau. Er stärkte die jungen Leute, in dem er ihnen nicht nur Glauben, sondern auch Kultur nahebrachte – er las Literatur mit ihnen, lud Künstler, Dichter, Musiker ins Kloster ein.

Seine Aktionen zogen hunderte Jugendliche in die Kirche, während draußen die kommunistische Herrschaft verdämmerte. Ich bin zweimal mit Rafał in Polen auf Wallfahrt gegangen. 1987 kam der Pater bei einem Verkehrsunfall ums Leben. (http://bit.ly/fJjpjC; http://bit.ly/ghM1Hz)

Irakli Parjiani (1950-1991) war ein Begründer der zeitgenössischen Malerei in Georgien, ich habe ihn 1988 in Tfilis kennengelernt. Irakli wuchs als Sohn eines Parteifunktionärs auf, beschäftigte sich als Maler aber schon früh mit religiösen Themen. In dieser spirituellen Suche war er weder ein linientreuer Künstler, noch ein Nonkonformist, sondern ein radikaler Einzelgänger.

Den Höhepunkt seines Schaffens erreichte er bei einem halbjährigen Aufenthalt in Westberlin 1989. Aber auch dort holte ihn die Tuberkulose ein, an der er seit 1972 litt. Immer wieder hatte er vor der Wahl gestanden, sich auszukurieren oder zu malen. Und jedes Mal entschied er sich für seine Kunst. Er starb Ende 1991 in Tiflis, als die georgische Hauptstadt gerade im Bürgerkrieg versank.
(www.parjiani.ge; http://on.fb.me/f8PBwm)

Anatoli Djatschenko (1959-2005) war ein ukrainischer Schauspieler und Komödiant. In den Hungerjahren nach der Unabhängigkeit der Ukraine schlug er sich in Kiew mit Tischler- und Installateursarbeiten durch – auf diesem Umweg habe ich ihn kennengelernt. Mit dem zaghaften Aufschwung ab 1995 kehrten die Engagements zurück. Der fröhliche Dicke machte Werbung, erhielt als Witzeerzähler eigene Fernsehsendungen und wurde langsam ein Star.

Zuletzt spielte Anatoli in mehreren TV-Musicals an der Seite russischer Schlagerstars – das war keine große Schauspielkunst mehr, aber es brachte ihn an die Schwelle zum lukrativen russischen Fernsehmarkt. Doch 2005 verunglückte Anatoli tödlich, als sein Jeep mit einem Lastwagen kollidierte. Auslöser war ein Sekundenschlaf. (http://bit.ly/eJlbxB)

Die Ähnlichkeit der drei Schicksale hat mich grübeln lassen, ob der frühe Tod tatsächlich eher die Begabten, die Außergewöhnlichen, die Unangepassten ereilt. Aber vielleicht ist es einfach so: Das Leben hinter dem Eisernen Vorhang war härter als im Westen, also hat auch der dumme, zufällige Tod schneller zugeschlagen.

Gemeinsam haben meine drei Freunde, dass sie nicht politisch waren, keine Dissidenten oder Widerstandskämpfer. Aber sie waren, um es mit einem schönen russischen Wort zu sagen, Kulturträger. Wenn ich von ihnen erzähle, geht es um Literatur, Musik, Theater, Film, Malerei und die unschätzbar große Rolle, die Kultur im Kampf mit der kommunistischen Unterdrückung gespielt hat.

Zeitlich umfassen die drei Erzählungen die Jahre von 1980 bis heute, räumlich spannt sich der Bogen von Berlin bis Tiflis. So ergibt sich ein fast vollständiges Panorama des Umbruchs im Osten Europas, wie ich ihn erlebt und verstanden habe.

Als ich eines Morgens beim Hotelfrühstück in Tiflis von diesem Vorhaben erzählte, sagte ein holländischer Tourist:

„Und du bist der vierte Mann.“

Das stimmt, ich erzähle auch etwas von mir selber.

In den kommenden Monaten werden die drei Nachrufe endgültig zu einem Buch zusammenwachsen. Für Neugierige stelle ich schon jetzt einige Leseproben aus den Entwürfen ein:

 

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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