Leseprobe 1: Rafał

Hinter Warschau wurde es dunkel, und es regnete sich ein.

Rafał, eigentlich Pater Rafał, saß am Steuer. Er jagte den alten Volkswagen Golf, der dem Dominikanerkloster in Krakau gehörte, durch die Nacht. Die weißen Alleebäume kamen uns im Licht der Scheinwerfer entgegengeflogen. Aus dem Kassettengerät tönte leicht verzerrt eine Live-Aufnahme von Dire Straits.

Es war 1987, die zweite Augusthälfte. Wir waren zu dritt auf dem Weg nach Norden zu einer Segeltour in Masuren. Der Ordensmann und Priester Rafał leitete seit anderthalb Jahren die Studentenseelsorge der Dominikaner in Krakau. Für ihn war die kommende zweiwöchige Bootstour mit Studenten auf den masurischen Seen Teil seiner Aufgabe, aber auch ganz privater Urlaub.

Neben ihm saß Krzysztof, Skwarek, Krzysiu… Mein bester Freund in Polen. Student, angehender Sozialarbeiter, Leiter einer Jugendgruppe im Krakauer KIK, dem Klub der katholischen Intelligenz. Ein treuer Anhänger seiner polnischen katholischen Kirche, frommer Kenner aller Liturgien und Gebete, rotbärtiger Gitarrenheld an allen Lagerfeuern. Und wie jedes Jahr vor dem Einberufungstermin 1. September auf der Flucht vor dem drohenden Wehrdienst, dem er mit Hilfe ärztlicher Atteste zu entgehen hoffte.

Im Fonds des Wagens stapelten sich Rucksäcke, Rafałs dicker Seesack, Regenzeug, Proviant und obenauf die Gitarre. Krzysztofs kleiner Hund Czyne kauerte im Fußraum, ein grauschwarzes Bündel, dessen dichtes Lockenfell ihm über die Augen hing.

Im letzten freien Winkel hockte ich – damals Student aus Westberlin, Sprachschüler mit ordentlichen Polnischkenntnissen, ein frommer, wenn auch nicht katholischer Gottessucher, ein hoffnungsvoller Brückenbauer zwischen Ost und West.

Mich trieb das Gefühl nach Polen, dass sich auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs Geschichte vollzog, während es im Westen ruhig und überschaubar blieb. Die Menschen im Osten faszinierten mich. Viele hatten unter dem Druck der kommunistischen Herrschaft eine größere innere Widerstandsfähigkeit, mehr innere Kraft und Klarheit herausgebildet, als es von unsereins im freien Westen verlangt wurde.

Was war uns in jenem Sommer wichtig? Jedenfalls nicht der General mit der dunklen Brille, der im immer weiter hinter uns zurückbleibenden Warschau herrschte. Wojciech Jaruzelski war der Mann, der im Dezember 1981 die Solidarność zerschlagen hatte, die erste unabhängige Gewerkschaft im sowjetischen Herrschaftsbereich. Der Kriegszustand, den Jaruzelski verhängt hatte, war zwar offiziell aufgehoben, trotzdem schien er anzudauern. Nichts schien sich an den Machtverhältnissen in Polen zu verändern.

Bis zum Runden Tisch, den ersten freien Wahlen und der ersten nichtkommunistischen Regierung in Polen, bis zum Jahrhundertereignis des Falls der Berliner Mauer sollte es noch zwei lange Jahre dauern. Wir konnten davon noch nichts wissen.

Was uns interessierte und worüber Rafał ständig redete war der jüngste Besuch des Papstes in Polen. Im Juni war Johannes Paul II. zum dritten Mal in seine Heimat gekommen. Er hatte von Jaruzelski die Wiederzulassung der Solidarność gefordert und seinen zunehmend verzweifelten Landsleuten Mut gemacht. Für Rafał war der polnische Papst der geliebte Kirchenführer, dessen Reden er für seine Studenten ausdeutete.

Für Krzysztof war der Papst natürlich der Heilige Vater (er hätte ihn niemals anders genannt). Aber für den Sohn eines katholischen Dichters und Publizisten war der Papst auch ein enger Freund der Familie seit den Zeiten, als er noch Erzbischof von Krakau gewesen war. Krzysztofs Vater Marek und Karoł Wojtyła teilten eine Liebe zur Kirche und eine Liebe zur Literatur.

Was uns auf dem Weg nach Masuren wohl hätte interessieren sollen, war die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die sich im Jahr zuvor ereignet hatte. Die radioaktive Wolke aus dem sowjetischen Atomkraftwerk war nach Nordosten gezogen, hatte Weißrussland und dann auch die masurischen Seen getroffen, bevor sie Richtung Skandinavien weiterzog. Ausgerechnet in Masuren wollten wir nun segeln gehen, doch die Vorfreude auf die Segelferien überwog die Bedenken.

Während wir auf die Grenze zufuhren, die das frühere Ostpreußen zwischen Polen und der Sowjetunion teilt, hätte uns wichtig sein sollen, was jenseits dieser Grenze passierte. Seit zwei Jahren gab es in der Sowjetunion einen neuen Generalsekretär. Michail Gorbatschow versuchte, sein Reich zu erneuern. 1986 hatte er erstmals von Glasnost gesprochen, von größerer Transparenz und Offenheit, die sein Land brauche. Perestroika (Umbau) war Gorbatschows Schlagwort für Reformen in Staat, Partei, Wirtschaft und Gesellschaft.

Rafał und Krzysztof erwarteten aus ihrer polnischen Erfahrung wenig Gutes von einem neuen Sowjetführer. Ich hingegen fand den Weg spannend, den Gorbatschow einschlug, auch wenn noch nicht klar war, wohin er führen würde.

Wie kam der Volkswagen Golf nach Polen? Vermutlich war der Westwagen eine Spende an das Dominikanerkloster. Polen war nie so streng abgeschottet wie die Sowjetunion oder die DDR. Zwar waren die Kontakte beschränkt, aber gerade die polnische Kirche hatte immer ihre Verbindungen ins Ausland gepflegt. Auf irgendeinem Schmuggelweg musste auch die westliche Rockmusik von Dire Straits in Pater Rafałs Besitz gelangt sein.

Dessen Raserei auf der Nachtfahrt machte mir himmelangst. Die Straßen waren stockfinster, unübersichtlich und voller Schlaglöcher. Jederzeit konnte aus dem Dunkel ein Hindernis auftauchen – ein Hund, ein Fußgänger, ein Radfahrer oder ein unbeleuchtetes Pferdefuhrwerk. Rafał fuhr schneidig, ohne Gespür für die Gefahr, geradezu mit Vergnügen am Risiko. Unbeirrt überholte er selbst bei Gegenverkehr.

Eine Zeitlang überlegte ich, ob ich Rafał bitten soll, vorsichtiger zu fahren. Dann entschied ich mich dagegen. So gut kannte ich den Priester nicht. Er war sieben Jahre älter und eine Respektsperson. Auch wollte ich nicht zugeben, dass mir bang war.

Es wird nichts passieren, redete ich mir ein. Der Herr wird uns bewahren, wir stehen alle in seiner Hand. Und schließlich überwog die Freude auf den Segeltörn. Auf Wasser und Wald. Auf Abende am Lagerfeuer und gemeinsames Singen.

Wir hatten Ferien. Wir waren jung. Wir fühlten uns frei.

Von Rafałs Dire-Straits-Kassette erklang „Sultans of Swing“. Es war eine fantastische Version des Songs.

We are the sultans, we are the sultans, we are the sultans of swing…“

Mark Knopfler spielte sich in einen Rausch, seine Gitarre sang, sie jubelte, triumphierte. So mitreißend hatte ich das Lied nie zuvor gehört und habe es danach nie wieder so gehört.

Oder kam es mir nur in jener Nacht so vor?

Rafał, o Rafale, warum hattest du es nur so eilig?

© Friedemann Kohler 2011

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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