Leseprobe 2: Irakli

Copyright: Sophia Parjiani

Irakli Parjiani (gesprochen: Pardschiani) wurde am 22. Mai 1950 in der Stadt Mestia in Swanetien geboren.

In Swanetien besteht die Landschaft nur aus Fels und Licht. Es ist Georgiens höchstgelegene Bergregion, nirgendwo ragt der Kaukasus wilder, zerklüfteter, schroffer in den Himmel. Der Elbrus krönt mit 5642 Metern Höhe den Kaukasushauptkamm. In den Dörfern steht neben fast jedem Haus ein hoher Turm, der den Familien seit alters her als Zuflucht vor Feinden und als Begräbnisstätte dient.

Auf seine Herkunft aus dem Hochgebirge war Irakli zeitlebens stolz. Dort fühlte er sich zugehörig, auch wenn er nach Aussehen und Charakter kein typischer Swane war. Die Swanen sind untersetzt und kräftig, wie andere Gebirgsvölker gelten sie als stolz, verschlossen und wortkarg. Nur in ihren Liedern bricht sich die verborgene Leidenschaftlichkeit Bahn. Iraklis Vater und Brüder waren so, wie echte Swanen zu sein hatten.

Irakli war dagegen offen und sanft, fröhlich, seine Bewegungen waren rund. Er hatte ein edles, klar geschnittenes Profil, das an die Darstellung von Jünglingen auf griechischen Amphoren erinnerte. (Die georgische Schwarzmeerküste, das Land Kolchis, in dem Jason das Goldene Vlies suchte, war im Altertum der äußerte Vorposten der griechischen Kolonisation.) Irakli war ein gutaussehender, hochgewachsener Südländer, ein attraktiver Mann, der Frauen gefallen konnte.

Über seine Kindheit und Jugend habe ich aus den Gesprächen in Tiflis dieses zusammengetragen:

Es gibt von Irakli dieses Zitat: Ich bin unter dem Bild Stalins aufgewachsen.“ 

Sein Vater Spiridon Parjiani, Jahrgang 1901, war Parteifunktionär, ein altgedienter und überzeugter Bolschewik, der nach dem Krieg als Kreisvorsitzender von Swanetien herrschte. Gerade weil der sowjetische Diktator Josef Stalin Georgier war, hatten seine Säuberungen unter den georgischen Genossen besonders gewütet. Diese Terrorwelle in den 30er Jahren muss Parjiani überstanden haben. Wenn er Anfang der 50er Jahre einen Führungsposten bekleidete, stand er vermutlich nicht nur Stalin, sondern auch dessen schlimmstem Helfershelfer nahe, dem langjährigen sowjetischen Innenminister und Geheimdienstchef Lawrentij Berija. Auch Berija war Georgier.

Spiridon wird als ein sehr strenger „Mann mit Charakter“ beschrieben, sehr ehrgeizig sei er gewesen. Er war großtuerisch, wie es für ranghohe Parteimitglieder typisch war, oft prahlte er mit seinen Verbindungen.

Iraklis Mutter Sophio Japaridse war etwa 20 Jahre jünger als ihr Mann – für georgische Verhältnisse ungewöhnlich. Sie unterrichtete Deutsch an der Schule in Mestia. Es zählt zu Iraklis Erinnerungen an seine Kindheit, dass seine Mutter ihm abends das Bett mit dem Bügeleisen anwärmte. Und dann, wenn alle andere Arbeit des Tages getan war, korrigierte sie im Lichtschein einer Petroleumlampe die Hefte ihrer Schüler.

Der revolutionäre Ehrgeiz des Vaters tobte sich auch bei den Namen seiner Söhne aus. Seinen Erstgeborenen nannte er Marat nach dem Jakobinerführer Marat in der Französischen Revolution. Gowen hieß der zweite, benannt nach dem heldenhaften Leutnant Gauvain in Victor Hugos Revolutionsroman „1793“. Marat war sechs Jahre, Gowen drei Jahre älter als Irakli.

Den jüngsten Sohn bewahrte seine Großmutter vor einem revolutionären Namen . „Nennt ihn Irakli!“, verfügte sie vor ihrem Tod. Irakli – so heißt der griechische Sagenheld Herakles auf Georgisch.

Die Offenheit und Sanftheit hat Irakli wohl von seiner Mutter geerbt, einer großherzigen, gutmütigen Frau. Er als Jüngster war ihr besonderer Augapfel, aber auch ihr Sorgenkind. Schon von Kind an hatte Irakli schwache Bronchien. Oft musste die Mutter mit ihm zu Behandlungen und Kuren fahren.

Der Posten des Vaters brachte es mit sich, dass viele Gäste aus Moskau und Leningrad, ja aus der ganzen Sowjetunion in das Haus der Familie kamen. Aus der Hauptstadt Tiflis zog es viele Künstler und Kulturinteressierte nach Swanetien.

Auch Vater Spiridon pflegte ein künstlerisches Hobby. Fast seine gesamte Freizeit verbrachte er mit Holzschnitzen, das in Swanetien Tradition hat. Seinen Söhnen ließ er in ihren künstlerischen Neigungen freie Hand. Marat studierte nach dem Schulabschluss Malerei an der Kunstakademie in Tiflis, Gowen schrieb sich dort für Holz- und Metallbildhauerei ein. Die Aufnahme an der prestigeträchtigen Hochschule war angesichts der politischen Verbindungen des Vaters kein Problem.

Irakli zeichnete und malte schon als Kind. Und auch für ihn war klar, dass er Künstler werden wollte. Im September 1968 begann er sein Malereistudium an der Apollon-Kutateladse-Kunstakademie in Tiflis.

Weil nun alle drei Söhne in Tiflis studierten, traf die Familie eine folgenschwere Entscheidung: Das Familienhaus in Mestia mit seinem swanetischen Turm wurde verkauft, auch die Eltern zogen in die Hauptstadt um. Eine enge Dreizimmerwohnung in der Pawlow-Straße (heute Kasbegi-Boulevard) wurde das neue Zuhause der Familie.

Auf den Umzug hatten vor allem Mutter Sophio und ihr Jüngster Irakli gedrängt. Im Rückblick bereute Irakli den Verkauf des Familiensitzes bitterlich. Er versuchte bis zu seinem Tod immer wieder, das Haus zurückzukaufen und nach Swanetien zu ziehen.

Denn in der Metropole Tiflis im georgischen Tiefland traf das Schicksal die Familie aus den Bergen mit Härte. 1971 starb Sophio Japaridse mit gerade erst 50 Jahren an Krebs. Ihr Tod ließ die vier Männer völlig hilflos zurück. Georgien ist eine zutiefst patriarchalische Kultur, eine Macho-Kultur, die Männer dünken sich erhaben über praktische Dinge des Haushaltes. Spiridon und seine Söhne hatten auf einmal niemandem mehr, der für sie sorgte, für sie kochte.

Der Alte schwieg meistens. Manchmal spielte er im Hof mit den Nachbarn Schach. Wenn er zuhause in der beengten Wohnung war, saß er auf der Loggia oder schaute sowjetisches Fernsehen. Dabei blieb er der unbeugsame Kommunist. Zeigte das Fernsehen Paris oder irgendeine andere Stadt im feindlichen kapitalistischen Ausland, dann knurrte er: „Euch kriegen wir noch.“

Einziges Einkommen der vier Männer waren 100 Rubel Rente des Vaters. In der Verwahrlosung, die nach dem Tod der Mutter einsetzte, infizierte sich der alkoholkranke älteste Sohn Marat bei Saufkumpanen mit Tuberkulose.

1972 steckte sich Irakli bei seinem Bruder an. Es war der Beginn eines zwanzigjährigen Leidens an der Schwindsucht.

© Friedemann Kohler 2011

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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