Leseprobe 3: Anatoli

Im Herbst 2003 verliebte sich Anatoli und zwar mit Wucht.

Nach seiner Scheidung hatte er zwar einige Liebschaften gehabt. Aber zumindest von seiner Seite war es nichts Ernsthaftes – im Gegenteil, er legte sich in diesen Beziehungen so wenig fest, dass Freunde den Eindruck hatten, er wolle sich an den Frauen rächen.

Mit Olga war es anders.

Wir haben uns bei einem Ärztekongress in Jalta kennengelernt. Tolik war dort als Conferencier für ein Festbankett engagiert“, erzählt Olga.

Sie hat mich mit ihrem übergroßen Geländewagen in eins von Anatolis Lieblingsrestaurants gefahren, ein argentinisches Steakhaus in einem waldigen Ausflugsgebiet außerhalb von Kiew.

Olga hat ein gewinnendes Lächeln. Sie ist eine schlanke, hübsche Frau von nun Mitte 30, die blonden Haare zum Pagenkopf geschnitten. Wie schmal muss sie neben Anatoli gewirkt haben, der damals fast drei Zentner wog? Olga hat Medizin studiert und arbeitet als Gynäkologin in der Poliklinik des Kiewer Stadtteils Podol, in dem auch Anatoli lebte. Die lange Speisekarte des Argentiniers lässt sie unbeachtet, trinkt nur einen Kaffee und raucht eine lange dünne Damenzigarette nach der anderen.

Anatoli hat mich zum Tanzen aufgefordert.“

Das Tanzen mit den weiblichen Gästen gehörte zu Anatolis Pflichten als Gastgeber bei dem Bankett. Er tanzte trotz seines Gewichts gut und elegant. Für ihn entschied sich die Sache bei dieser ersten Begegnung mit der 16 Jahre jüngeren Olga: „Ich habe nur einen Tanz mit ihr getanzt und sofort gewusst: Das ist die Frau für mich!“

Nach dem Fest schlenderten Anatoli und Olga die halbe Nacht durch Jalta. Ich stelle mir das vor wie eine Filmszene: Er und sie, eine milde Spätsommernacht auf der Krim, Palmen, warmer Wind, die sanften Wellen des Schwarzen Meeres. Sie lachten viel miteinander. „Es war ein fröhlicher Abend. Zum Abschied bat er um meine Telefonnummer, wie man das als höflicher Mann macht.“

Am nächsten Tag flogen beide zurück nach Kiew. Anatolis Angebot, sie am Flughafen abzuholen, hatte Olga abgelehnt. „Auf eine weitergehende Bekanntschaft habe ich damals gar nicht gerechnet.“ Die 28-Jährige war nicht sonderlich an einer neuen Beziehung interessiert. Sie lebte seit einem Jahr in Scheidung von ihrem ersten Mann, die aber noch nicht offiziell war.

Anatoli und ich hatten noch gescherzt, dass wir uns in der Poliklinik wohl kaum begegnen würden, weil ich Gynäkologin bin“, erzählt Olga. Doch am nächsten Arbeitstag, Olga hatte gerade ihre Spätschicht angetreten, flog die Tür zu ihrem Kabinett auf.

Anatoli kam herein mit einer Gitarre. Er setzte sich auf den Untersuchungsstuhl und brachte mir ein Ständchen“ – vor den neugierigen Ohren aller Kolleginnen und wartenden Patientinnen. „Es war ein Schock, ein solches Meer von Gefühlen, mir hat es die Sprache verschlagen.“

Abends holte Anatoli Olga von der Arbeit ab. „Wir gingen aus, und dann hat er mich schon gar nicht mehr nach Hause gelassen…“

Am nächsten Tag wollte Anatoli Olga erneut nach der Arbeit treffen. Aber die junge Frau protestierte: Sie sei nun bereits eine Nacht nicht zuhause gewesen, ihre Mutter werde sich sorgen.

Da fragte er mich: Wo arbeitet deine Mutter? Und ich sagte: In derselben Poliklinik, sie ist auch Gynäkologin.“

Gegen Ende des Arbeitstages erschien Anatoli wieder in der Frauenabteilung – diesmal mit einem großen Blumenstrauß. „Er fragte mich, wie meine Mutter heißt. Dann marschierte er in ihr Kabinett und sagte: Guten Tag, Nina Afanasjewna, ich bitte Sie um die Hand ihrer Tochter!“

Anatoli war in seinem Werben um Olga unbeirrbar. Er setzte ihr eine Frist von zehn Tagen, um sich zu entscheiden: Entweder wir heiraten, oder wir sehen uns nie wieder.

Ich höre diese Liebesgeschichte, die Olga strahlend erzählt, mit einer Mischung aus Rührung und Unbehagen. Was war das, der Traum jeder Frau, einmal so phantasievoll umworben, so ungestüm begehrt zu werden? Dann sind wir meisten Männer verglichen mit Anatoli schwache Liebhaber. Oder war es eher ein Albtraum an fürsorglicher Belagerung, fast eine Nötigung?

Vielleicht hat sich Anatoli einfach selbst die Paraderolle eines Liebhabers auf den Leib geschrieben, die ihm, dem komischen Dicken, ansonsten in den Drehbüchern versagt blieb. Die Rolle, die ihm Oksana Bajrak immer versprochen hatte, zu der aber auch sie nicht gekommen war. Und er spielte die Rolle mit all seiner Kunst.

Auch Olga war nicht sicher, was sie von Anatolis Drängen halten sollte. Sie beriet sich mit seinem Freund Bata. Der Serbe erklärte ihr, was für eine treue Seele Anatoli sei, kein Frauenheld, sondern ein Familienmensch, der Geborgenheit suche.

Also nahm Olga den Antrag an. Es war bei einer Autofahrt durch das Podol. „Wir fuhren gerade an der Kirche des Heiligen Elias vorbei. Anatoli hielt an und vereinbarte gleich beim Priester den Termin für die Trauung.“

Ihre ersten Ehen hatten Anatoli und Olga nicht kirchlich geschlossen – nun sollte die Trauung ein Zeichen sein, wie ernst es ihnen mit ihrem Bund war. Dass Olga rechtlich noch gar nicht geschieden war, störte Anatoli dabei nicht. „Warum sollte unser Zivilstatus für Gott wichtig sein?“, fragte er, und der orthodoxe Priester ließ sich überzeugen.

(Anatolis Familie war nicht religiös gewesen, aber er folgte einer traditionellen orthodoxen Volksfrömmigkeit. Wenn er an einer Kirche vorbeikam, bekreuzigte er sich. Seine Autos ließ er von einem Priester segnen – eine Bitte um sichere Fahrt.)

Am 16. November 2003 wurden Anatoli und Olga getraut. Dem Kiewer Lokalfernsehen war die Hochzeit des beliebten Fernsehstars einen Bericht in den Nachrichten wert. Zu sehen war, wie ein strahlender Bräutigam Anatoli und eine wunderschöne Braut Olga die Kirche verließen. Dazu grüßte Bata als Trauzeuge. Eine gerührte Mutter Serafima sagte ins Mikrofon: „Ich wünsche den beiden viel Glück.“ Die standesamtliche Hochzeit folgte wenige Wochen später.

Auch nach der Hochzeit habe Anatoli sie auf Händen getragen, erzählt Olga. Sie kauften eine kleine gemeinsame Wohnung im Podol und richteten sich ein. Das Schlafzimmer war Olgas Domäne und wurde nach ihrem Geschmack gestaltet. Für die Küche war Anatoli zuständig. Er kaufte ein, kochte mit Freude und war stolz, dass seine junge Frau zuhause kaum einen Finger rühren musste.

Wenn es um mein Kochen ging, sagte er immer: Meine Frau bereitet ganz hervorragend Teewasser zu.“

Die 16 Jahre Altersunterschied spielten keine Rolle. Olga fühlte sich umsorgt und geborgen. „Er war für mich Mann und Vater zugleich.“

Die beiden genossen ihr gemeinsames Leben. Sie trafen sich mit Freunden, besuchten Lokale. Besonders gern waren sie im Klub „Bolivar“ südlich von Kiew, wo Anatoli angelte und sich den Fang gut zubereitet vorsetzen ließ. Sie reisten zusammen, lernten zu tauchen, besuchten die Levits in Berlin. Eigentlich hätten bald Kinder kommen sollen… Nach seinem Sohn wünschte sich Anatoli nun ein Mädchen.

Wenn es ging, begleitete Olga ihren Mann zu seinen Dreharbeiten.

Sie holt ein Fotoalbum hervor und zeigt mir ein paar Aufnahmen. Zu sehen ist das Freilichtmuseum von Perejaslaw-Chmelnizki, eine Ansammlung alter ukrainischer Bauernhäuser in einem verwunschenen Park. Dort drehte Anatoli das Fernsehmusical „Der Sorotschinsker Jahrmarkt“ nach Motiven von Nikolai Gogol.

Er ist als Bauer in ukrainischer Festtagstracht kostümiert – weißes Hemd mit besticktem Kragen, blaue Pluderhose, großer Strohhut. Auf den Bildern macht Anatoli Faxen für seine junge Frau. Er posiert vor Mühlen und Brunnen, schaut neugierig in einen Schweinekoben hinein…

©Friedemann Kohler 2011

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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