Fahrt in die Ukraine und feiert ein Fest!

Die Fußball-EM in Polen und der Ukraine beginnt. Die Ukraine wird nicht boykottiert, und das ist gut so. Das Land braucht ein Sommermärchen.

Kann man mit der Bevölkerung ein Fest feiern? Vielleicht sollte das die Frage sein, wenn Großveranstaltungen an Länder mit einem autoritären politischen Regime vergeben werden. Der Eurovision Song Contest in Baku war kein Fest für Gäste und Bevölkerung. Russland wird seine Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi von oben inszenieren und kontrollieren. Fröhliche Verbrüderungsszenen mit den verschüchterten Weißrussen bei der Eishockey-WM 2014? Undenkbar.

Doch die Ukraine ist lockerer, offener, freier und war es schon immer. Mit den Menschen dort kann man feiern, und je mehr Gäste aus dem Ausland kommen, desto besser. (Welches Land bietet Jahr für Jahr die coolste Party im ganzen Osten Europas? Die Ukraine das Kazantip-Festival auf der Krim.)

In zwei Jahrzehnten Unabhängigkeit war die autoritäre Tünche auf dem Antlitz der Ukraine mal dicker, mal dünner. Unter Präsident Viktor Janukowitsch ist die Schicht dicker geworden. Aber sie bleibt abwaschbar, und in paar Jahren werden die Ukrainer sie entfernen. Es ist klar, dass Janukowitsch nicht die Zukunft seines Landes ist.

Und die inhaftierte Julia Timoschenko? Natürlich muss sie freigelassen werden. Aber sie war schon so lange die Zukunft der Ukraine, dass es fraglich ist, ob sie es noch sein kann.

Stützt ein Großereignis wie die Fußball-Europameisterschaft das Regime? Ein Präsident im Fußballstadion ist nur groß, wenn die Fernsehkamera an ihn heranzoomt. Ansonsten ist er einer von 50 000. Die Fußballfans sind die Mehrheit. Wir sind laut! Wir sind das Volk!

Transport und Unterkunft – das werden die Probleme für den abenteuerlustigen Fußballreisenden in der Ukraine sein, nicht die gegenwärtige politische Lage.

Ansonsten ist das einheimische Bier trinkbar, die Städte, in denen gespielt wird, sind toll, die Leute sind es sowieso.

Also: Steigt mit den Ukrainern und den Fans aus allen Ländern in Lemberg/Lwiw/Lwow/Lwȯw auf das Hohe Schloss! Schaut von dem grünen Hügel gemeinsam herab auf eine der schönsten Städte Europas, auf einen historischen Schatz!

Versucht, den gigantisch weitläufigen Freiheitsplatz in Charkiw/Charkow mit Menschen voll zu bekommen! Verbrüdert Euch dort kurz vor der russischen Grenze mit den angereisten russischen Fans!

Wenn es in Donezk schwerfällt, eine schöne Ecke zu finden: Genießt den rauen Charme eines alten Kohlereviers! Traditionsreiche Bergbaugebiete sind einander ähnlich – ob der Pott an Rhein und Ruhr, in Oberschlesien, in Frankreich oder England oder weit im Osten.

Und was immer ich vergangenes Jahr über die hässlichen Seiten des neuen Kiew geschrieben habe: Kiew bliebt eine Königin unter den Städten. Schlendert unter Kastanien über den Kreschtschatik! Schaut vom Freundschaftsbogen hinunter auf den Dnjepr! Oder macht es Euch am Strand der Dnjepr-Inseln gemütlich und seht dort die Sonne untergehen!

Vor allem aber: Freut Euch gemeinsam über spannenden Fußball!

Wenn die Ukrainer erstmals mit zehntausenden ausländischen Gästen ein großes Fest feiern, dann ist das auch ein politischer Fakt. Zehntausende Fädchen werden gewoben, die dieses Land im Herrgottswinkel an Europa binden (und das ist auch, was Co-Gastgeber Polen zu erreichen hofft).

Die Ukrainer werden an ihr Sommermärchen denken, wenn sie in einigen Jahren daran gehen, aus ihrem Land das zu machen, was es sein soll – ein freies, funktionierendes europäisches Land.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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2 Antworten zu Fahrt in die Ukraine und feiert ein Fest!

  1. jerzy mackow schreibt:

    klug und lebensfroh

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