„Und die Newa atmete schwer“ – ein Dokument zur großen Flut

Ein Zufallsfund im Antiquariat führt tief in St. Petersburger Stadt- und Literaturgeschichte.

Als das Antiquariat um die Ecke Bücher aus Russland ins Schaufenster stellte, fiel mir die Hintergrunddekoration auf, ein historischer Stadtplan von St. Petersburg aus dem frühen 19. Jahrhundert. Wenige Wochen später dekorierte der Buchhändler sein Fenster um, und ich kaufte ihm den Plan ab. Doch erst bei näherer Betrachtung fiel mir auf, welche Rarität ich da erstanden hatte.

Das große Kartenblatt in Kupferstich ist zerschnitten in 24 etwa postkartengroße Teile. Sie sind auf ein mittlerweile etwas vergilbtes Leintuch geklebt, damit man die Karte besser falten kann.

Doch die alte Karte zeigt nicht nur die Anlage von Russlands nördlicher Hauptstadt, die damals etwa 120 Jahre alt war. Oben steht – und ein Blick mit der Lupe legt nahe, dass dies von Hand mit Tinte geschrieben, nicht gedruckt ist – „Plan- Navodnenija St. Peterburga 7-go Nojabrja 1824-go goda“ (Plan der Überflutung in St. Petersburg vom 7. November 1824).

Die Stadt wird im Herbst häufig von Sturmfluten getroffen, wenn der Westwind das Wasser des Finnischen Meerbusens an die Küste drückt und die sehr wasserreiche Newa nicht abfließen kann. Doch unter hunderten war und ist die Flut von 1824 die schlimmste, die St. Petersburg jemals durchlitten hat.

Das „Ėnzyklopedičeskij Spravočnik St. Peterburg, Petrograd, Leningrad“ von 1992 (ein Lexikon im Übergang – sprachlich noch ganz sowjetisch, aber inhaltlich schon erneuert) hat ein eigenes Stichwort zu den Sturmfluten. Danach stand im November 1824 das Wasser gigantische 4,10 Meter über dem Petersburger Normalnull, das am Bergbauinstitut im Süden der Vasilevskij-Insel liegt, und 4,23 Meter über der Nullmarke des Marinehafens Kronstadt.

Was das für die flache, sumpfige Stadt bedeutete, zeigt die alte Karte. Auf dem Blatt, das 1823 gedruckt wurde, ist mit blauer Aquarellfarbe von Hand das überflutete Gebiet eingezeichnet. Ein einziges blaues Meer! Das Wasser reichte im Zentrum etwa bis zur Fontanka, im Süden sogar noch weit darüber hinaus. Nördlich des Hauptarms der Newa (Bol‘šaja Neva) waren die Peter-und-Pauls-Festung und alle Inseln der Petrograder Seite überflutet bis über die Bol‘šaja Nevka hinaus.

Mit roter Tinte hat der Kartograph verzeichnet, wie hoch das Wasser stand – gemessen in Fuß und Zoll (russ. fut und djum, eigentlich Daumen – es sind die holländischen Bezeichnungen, die der Schiffbauer und Stadtgründer Peter I. aus dem Westen mitgebracht hatte).

Auf dem Schlossplatz am Winterpalast des Zaren stand die Flut demnach 5 Fuß (über 1,50 Meter) hoch, auf dem Senatsplatz waren es 5 Fuß 9 Zoll (etwa 1,75 Meter). Entlang der Fontanka lagen die Werte bei 6 Fuß 3 Zoll bis 6 Fuß 7 Zoll (bis zu 2 Meter).

Jede kleine rote Zahl auf der Karte steht für Lebensgefahr und große Not. Keller und Erdgeschoss der Steinhäuser, alle eingeschossigen Holzhäuser waren unter Wasser. Das nüchterne Petersburger Lexikon spricht von 462 zerstörten und 3681 beschädigten Häusern. Nach offiziellen Angaben seien 208 Menschen in der Flut ertrunken, nach anderen Quellen seien es 480 oder 569 Todesopfer gewesen. Ähnlich hoch stieg die Sturmflut nur noch genau ein Jahrhundert später am 23. September 1924 – damals wurden 3,69 Meter über Petersburger Null und 3,80 Meter über Kronstadter Null gemessen.

Wer die Karte des Katastrophengebietes gezeichnet hat, bleibt unbekannt. Es liegt nahe, dass dieses Einzelstück für den Behördengebrauch erstellt wurde. Wann und wie es nach Deutschland gekommen ist – kein Hinweis.

Wie aber haben die Stadt und ihre Einwohner diese Sintflut erlebt? Dazu gibt es Augenzeugenberichte – und literarische Zeugnisse. Es war die 1824er Jahrtausendflut, die Alexander Puschkin (1799-1837) in seinem Poėm „Mednyj Vsadnik“ (Der eherne Reiter) schildert. Zwar war der Dichter während der Flut nicht in St. Petersburg, sondern auf seinem Gut Michajlovskoe im Gouvernement Pskov. Er schrieb sogar hämisch an seinen Bruder: „Ich lebe und bin wohlauf. Was habt Ihr denn dort? Eine Überschwemmung? Dem verfluchten Petersburg schadet es nicht!“

Aber wenige Jahre später, im Herbst 1833, machte er die Flut zum Thema einer seiner wichtigsten Dichtungen. Es waren Jahre, die Russland verändert hatten. Ein Jahr nach der Flut, im Dezember 1825, scheiterte auf eben jenem Senatsplatz der Aufstand der Dekabristen. Im Übergang der Macht vom toten Zaren Alexander I. auf seinen jüngeren Bruder Nikolaus I. hatten junge Offiziere versucht, eine konstitutionelle Monarchie auszurufen. Fünf der Verschwörer starben am Strang, andere wurden nach Sibirien verbannt. Puschkin war mit vielen von ihnen befreundet gewesen. Nikolaus I., künftig der „Gendarm Europas“, verfolgte unbarmherzig jedes Anzeichen von freiem Denken.

Auch ein zweiter Nationaldichter schrieb über die Petersburger Sintflut: Das Gedicht „Oleszkiewicz“ des Polen Adam Mickiewicz (1798-1855) trägt den Untertitel „Der Tag vor der Petersburger Flut 1824“. Puschkin lobt in Anmerkungen zu seinem eigenen Poėm das Werk des Freundes als eins von dessen besten Gedichten. Er fügte aber hinzu: „Schade ist nur, dass seine Beschreibung nicht korrekt ist. Es lag kein Schnee, und die Newa war nicht von Eis bedeckt. Unsere Beschreibung ist wahrhaftiger, auch wenn ihr die kräftigen Farben des polnischen Poeten fehlen.“

Dabei malt auch Puschkin die Flutkatastrophe in kräftigen, düster-realistischen Farben. Er lässt den Sturm heulen, die Wogen türmen sich, hilflos blickt der Zar vom Balkon des Winterpalastes in das Tosen. Puschkins Held, der arme kleine Beamte Evgenij, überlebt die Sturmflut nur, weil er sich – ebenfalls auf dem Senatsplatz – verzweifelt an einen Marmorlöwen klammert. In Sichtweite ragt aus dem Wasser das monumentale Reiterstandbild Peters des Großen, geschaffen von dem Bildhauer Falconet und enthüllt 1782. Starr und unbewegt schaut der Stadtgründer auf die tobende Newa.

Inständig hofft Evgenij, dass seine Braut Paraša die Flut überleben möge. Puschkins Gedicht ist topographisch genau: Auf der anderen Seite der Bolšaja Neva, dicht am Finnischen Meerbusen soll das Häuschen der Geliebten liegen. Noch einmal der Blick auf die alte Landkarte: Für dieses Gebiet sind Wassertiefen bis zu 10 Fuß 6 Zoll markiert (bis zu 3,20 Meter). Kaum irgendwo in St. Petersburg stand die Flut höher als im Süden der flachen Vasilevskij-Insel.

Als das Wasser weicht und Evgenij sich durch Trümmer den Weg dorthin gebahnt hat, erkennt er noch den Weidenbaum, das Hoftor. Doch die Fluten haben die Hütte und das Mädchen spurlos verschlungen.

Der junge Mann verliert vor Trauer den Verstand. Einige Monate später ist er wieder auf dem Senatsplatz und hadert mit dem ehernen Reiter: Warum musstest Du, Peter, allen Deinen Willen aufzwingen und Deine Stadt am ungeeigneten Ort, im Sumpf am Meer errichten? Er versteigt sich sogar zu einer Drohgebärde gegen den allmächtigen Zaren: „Užo tebe!“ – Wart’s nur ab!

Und da scheint dem Armen, dass Ross und Reiter lebendig werden, ihn verfolgen und durch alle Straßen der nächtlichen Stadt jagen – und wenig später findet man den Unglücklichen tot.

Natürlich geht es Puschkin nicht nur um die Frage, ob St. Petersburg am richtigen oder falschen Ort liegt. Die Flut hatte Peters Werk in seiner Existenz bedroht. Puschkin beginnt mit einer Ode auf die Stadt („Ich liebe dich, du Schöpfung Peters“) und endet mit einem Fluch. Das ist der verzweifelte Aufschrei des Volkes, des kleinen Mannes, auf den der übermächtige russische Staat nie Rücksicht genommen hat, des kleinen Mannes, der immer wieder der Macht, der großen Idee geopfert worden ist. Und der Dichter spricht damit eine Wahrheit aus, die in Russland über ihre Zeit hinausgeht.

Im Stadtbild erinnern heute noch 26 Markierungen an die große Flut, darunter auch eine Inschrift im Stoljarnyj Pereulok im ehemaligen Deutschenviertel: „Gedenke des hohen Wassers am 7. November 1824“.

Überflutungen wie damals muss St. Petersburg nicht mehr fürchten. Die ersten Ingenieurspläne, die Wassermassen der Ostsee vor der Stadt zu stoppen, gehen auf jene Katastrophe vor fast 190 Jahren zurück. Ein sowjetisches Dammprojekt wurde zu Perestroika-Zeiten aus Umweltschutzgründen abgebrochen. Doch seit dem vergangenen Jahr ist ein neues Großbauwerk aus Dämmen, Tunneln und gigantischen Fluttoren quer über den Finnischen Meerbusen fertig. Es soll ein für allemal eine weitere Sintflut in St. Petersburg verhindern.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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