Humorvolle Erzählungen aus Russland: Renatik

Ein saufender Moskauer Tatar macht Urlaub in der Türkei…

Von Wladimir Jelistratow – übersetzt von Friedemann Kohler

Dass es im August in der Türkei heiß ist, ist eine Binsenweisheit. Deshalb kein Wort über die Hitze. Am Swimmingpool erscheint eine schlanke junge Frau. Glatte weiße Haare im Pagenschnitt, in den Bewegungen die elegante Geschmeidigkeit einer Tänzerin. Sie sieht nach einer Russin aus. Genauso ist es. Ein Mann tritt zu ihr, offenbar ihr Ehemann, und sagt: „Was gibt’s?“

Renatik2

Er ist um die fünfunddreißig. Wiegt nicht weniger als hundertvierzig Kilogramm. Ein Meter neunzig, fünfundneunzig groß. Die wollüstig vorgestreckten Lippen eines Raubtiers. Eine sinnliche Nase. Ein Bauch wie eine Pauke zum Draufhauen. Er strahlt Kraft aus wie ein Generator.

Nach einer halben Stunde machen wir uns bekannt. Er stellt sich in etwa so vor: „Ich heiße Renat. Ich bin ein Moskauer Tatar. Aber ein saufender Tatar. Hier gibt es kein anständiges Bier. Efes – das ist kein Bier, sondern die Pisse von Deng Xiaoping… Tuborg – das ist ein anständiges Bier. Ein Klassebier wie Tuborg gibt’s hier nicht. Die Türken knechten uns mit ihrem Efes wie die Kurden. Whisky ist hier kein Whisky, sondern Wodka, abgefüllt in Moschaisk. Ich habe gestern nur eine Flasche gesoffen, und heute brummt mir der Schädel. Nicht der Kopf, sondern der Schädel, der Knochen. Das ist kein Hotel, sondern ein Krematorium… Und das da nennt sich Animation?“ – er stupst seinen goldberingten Wurstfinger in Richtung zweier halbtoter Türken, die schläfrig zu einem Song über Barbie auf der Bühne herumtapsen. „Das ist keine Animation, sondern die Gruppe ‚Hämorrhoiden’. Ihr müsstet mal unser Zimmer sehen. Ein Karzer! Bett, Sessel, Tisch, in den Rest passe ich nur zur Hälfte rein. In das Bett auch nur zur Hälfte. In den Sessel nur meine Faust. Und ihr türkisches Frühstücksbuffet? Habt ihr jemals eine solche Auswahl an Gefängnisfraß gesehen? Schaut mich an. Was soll ich essen?“

Renat, rosig wie eine Pfingstrose, verschwitzt und wütend, spricht lange und mit Leidenschaft. Seine Frau Olja versucht den Gatten zu umarmen und wiederholt hastig: – Beruhige dich, Renatik, reg dich nicht auf, Renatik, alles in Ordnung, Renatik…

Wenn sie Renatik umarmt, gleich sie einem Schmetterling, der die Flügel an einer jahrhundertealten Eiche ausbreitet.

Renatik beruhigt sich nicht, brüllt über den ganzen Swimmingpool:

– Ich bin ein saufender Moskauer Tatar. Ich muss saufen. Und was soll ich saufen? Diesen Cocktail an der Bar? Diese Mischung aus ‚Sonnenstich’ mit Abwasser? Gestern, nach der Ankunft, habe ich die ganze Minibar genommen und in ein Glas gekippt. Das war der Cocktail ‚Die Eroberung von Ismael’. Das nennt sich Fünf-Sterne-Hotel? Das ist ein Hotel Fünf Tritte in den Bauch… Ich bin ein saufender Moskauer Tatar…

Und so weiter.

Zehn Tage Urlaub verbringen wir zusammen.

Sie sind ein erstaunliches Paar. Besonders Renatik. Jede Rede beschließt er mit den Worten: „Das sage ich als saufender Moskauer Tatar.“ Oder: „Ich gebe mein Wort als saufender Moskauer Tatar.“

Man kann ihm stundenlang zuhören. Er schaut auf besondere Art, mit seinem angetrunkenen Moskauer Tatarenblick auf die Welt. Nicht kritisch, nein. Eher hintersinnig, wie von der anderen Seite.

Besonders großartig ist er bei Tisch. Jeden Mittag essen wir in einem kleinen Restaurant mit Schilfdach, umweht von einer leichten Brise vom Meer. Renatiks Rumpf in der Mitte des Restaurants. Renatik thront über dem Tisch wie Atatürk, der Vater aller Türken. Mit den Türken spricht er Russisch. Ihn verstehen? Das ist ihr Problem. „Gawrila, bei Fuß!“ – so ruft er den Kellner, einen alten Türken, der an einen versoffenen Piraten erinnert.

Renatik bestellt für uns alle. Widerspruch ist zwecklos.

– Gibt’s Tuborg?

– No Tuborg. Efes, good Efes! – lächelt Gawrila hündisch.

– Also gut. Zehn Dosen von eurer Pisse. Verstanden? Zehn!

Energisch zeigt Renatik Gawrila zehn Finger, wobei Gawrila vor dieser Geste voll Angst zurückzuckt.

– Bringst du neun, erschlage ich dich. Was noch? Whisky – dreihundert Gramm. Nein, Kommando zurück! Dreihundertfünfzig. Ach, gib eine Karaffe! So! – Renatik schluckt geräuschvoll seine Spucke herunter, rutscht hin und her, atmet, schnauft, wischt sich den Schweiß von der Stirn. – Fünf Salate. Nein, sechs. Zwei auf Vorrat. Suppe… Suppe Kommando zurück. Das ist keine Suppe bei euch, sondern…

– Renatik, – Olja begehrt auf mit einem schuldbewussten Seitenblick auf uns.

– Was Renatik? Renatik will essen! Also. Mit der Suppe sollte man euren Mumien ein Klistier setzen. Fisch! Was ist mit Fisch? – Bewegung, Schnaufen, ein monströses Wiegen; das ganze Restaurant folgt Renatik wie unter Zauber; von der Straße schaut sogar, den Mund weit aufgerissen, ein schnaufendes Türkenkind auf einem Fahrrad hinein.

– Fisch, einen großen. Verstanden? Big fish. Sehr big. Hast du einen großen Fisch? Zeig her! Im Laufschritt. –

Der türkische Gawrila humpelt rheumatisch in die Küche. Nach einer Minute tragen er und ein rachitisches Jüngelchen auf einer Platte einen großen Fisch herein. Renatik riecht unwillig daran, piekt neugierig mit dem kleinen Finger hinein (dabei können die beiden Schwächlinge kaum das Tablett in der Hand halten), schaut dem Fisch in das bezahnte Maul wie einem Ross.

Renatik

– Das ist kein Fisch, sondern die Schwiegermutter von Onkel Stjopa. Ein Schuft bist du, Gawrila. Ich schmeiß dich raus. Den Jungen auch. Aber nicht jetzt.

Gawrila verbindet auf seinem Gesicht Schuldbewusstsein und freudige Liebedienerei. Er sieht aus, als wolle er gleich betteln: Habt Erbarmen mit uns Fremden! Aber er schweigt. Es schweigt auch der Fisch. Sein trübes Auge schaut ruhig und teilnahmslos in die Welt.

– So, sei’s drum,- tobt Renatik. – Brat dein Treibgut. Du kriegst fünfzehn Minuten. Verstanden? Weiter. Was weiter? Lawasch. Zehn Lawasch.

– Warum so viel? – wendet Olja schüchtern ein. Noch während sie „viel“ ausspricht wird ihr klar, dass sie sich besser nicht darauf eingelassen hätte.

Renatik geht hoch wie ein Kugelblitz.

– Klappe! Fünfzehn Lawasch! Ich esse vierzehn. Nun die Beilage. Die Beilage ist wichtig. Von der Beilage sollte es viel geben. Das sage ich als saufender Moskauer Tatar. Kartoffeln. Gebraten. Sie sollen brutzeln. Laut. Ein großer Haufen. Eine große Schüssel voll, gehäuft – er zeigt mit den Händen, wie groß die Schüssel und der Haufen sein sollen. Die besorgten Türken weichen zwei Schritte zurück.

– Habt ihr Angst? Recht so. Ich kann euch auch umbringen. Scherz. Was weiter. Garnelen? Zeig die Garnelen, Chaldäerfresse.

Allgemeine Unruhe. Es erscheint eine Schüssel voller Garnelen, auf Eis ausgelegt. Gute Garnelen, so groß wie eine halbe Hand, echte Tigergarnelen.

– Eine Kreuzung aus Kakerlaken und Kondomen!

– Renatik ist entrüstet.

– Ich soll dieses Gummizeug essen? Schufte! In Ordnung. Zwanzig Stück. Zwanzig, verstanden? – Er macht zwei Gesten, die Türken zucken zweimal zusammen.

– Bringst du neunzehn, schände ich euch alle. Auch den Jungen.

Der Junge macht ein Gesicht, als wäre er schon geschändet worden. Er lächelt bemüht, erschauert, kratzt sich nach türkischer Gewohnheit überall, wo es juckt.

– Und du, – Renatik zeigt mit dem Finger auf den Jungen, – dass du dir die Hände wäschst, Lauser. Wäschst du sie nicht, sauge ich dir ein Auge aus. Etwa so…

Renatik zieht wie eine Pumpe Luft ein und gibt ein Spuckgeräusch von sich, das wie der Schlag einer dreischwänzigen Peitsche klingt. Der Lauser zuckt nervös zusammen und hört auf, sich zu kratzen. Es folgen noch zehn Bestellungen. Endlich ist der Tisch gedeckt. Die Türken schuften schweißgebadet wie die Pferde. Es sind schon sieben, vier aus diesem Restaurant, drei sind von nebenan herbeigeeilt. Endlich. Essen ist fertig, Renatik.

Renatik stürzt sogleich ein Glas Whisky hinunter. Kippt dem Whisky unverzüglich drei Dosen Bier hinterher. Das alles geschieht in weniger als einer Minute. In der andächtigen Stille des Restaurants gibt Renatik konzentriert Schluckgeräusche von sich. Es blubbert, als ob in der Nähe eine Gruppe von Tauchern vorbeischwimmt.

– So, – sagt Renatik. – Ans Werk.

Das erste Lawasch, fett mit Butter bestrichen, gleitet Renatik so glatt in den Mund wie Papier ins Fax. Noch ein Glas Whisky. Zwei Dosen Efes. Angestrengtes Blubbern der Taucher. Renatik rülpst – vom Gehsteig gegenüber fliegt ein graublaues Feuerwerk panischer Tauben in den Himmel. Mit furchtsamem Blick macht sich der Radfahrer davon.

– Gut! – sagt Renatik und kippt drei Salate auf einen Teller. Überlegt, kippt einen vierten dazu.

– Man sollte häufig essen, aber mäßig.

Während ich den Tauben und dem Radfahrer nachschaue, sind die Salate schon weg. Ich erhasche nur noch einen Blick auf das Ende des zweiten Lawaschs. Weiter geht es nach festem Fahrplan. Whisky Efes. Kartoffeln. Fisch. Efes. Salat. Lawasch. Whisky. Lawasch. Fisch. Kartoffeln. Garnelen. Whisky. Efes. Fisch. Efes. Kartoffeln. Garnelen. Whisky. Efes. Fisch. Efes. Kartoffeln. Lawasch. Lawasch. Garnelen…

Die Gesetzmäßigkeiten schwinden. Die Logik ist rätselhaft. An allen Seiten des kleinen Restaurants kleben die Gaffer. Schon sind es mehrere Dutzend. Renatik ist großartig. Das Solo mit den Garnelen bringt er besonders virtuos und schnalzt nachtigallenzart mit der Zunge. Endlich wirft sich der Künstler zurück auf den Stuhl. Applaus ertönt. Renatik schaut die Applaudierenden traurig an, er ist seines Ruhmes übersatt. Melancholisch trinkt er eine Flasche Wein, isst Obst dazu, schweigt. Schweigend isst er ein Eis, ein zweites, ein drittes…

Dann trennen wir uns und gehen auf die Zimmer. Nächster Treffpunkt ist das Abendessen. Ein ausgeschlafener Renatik, dessen Auge wie Kohle funkelt, beginnt wieder seinen Auftritt:

– Gawrila, zur Futterkrippe! Jetzt wirst du mir Schaschlik machen. Unterbrich Papa nicht! Hammelschaschlik. Aus der Nierengegend. Weißt du, wo bei dir die Nieren sind, Missgeburt? Dreh dich um. Umdrehen, sage ich! Da sind bei dir die Nieren. Beim Hammel sind sie auch da. Hast du verstanden, woraus du mir das Schaschlik machst? Zieh ab. Den Buben lass hier, er bleibt als Geisel…

Und so fort.

Und so jeden Tag, mindestens zwei Mal, mittags und abends. Morgens schläft Renatik. Solange er nicht hungrig wird. Er steht um zwölf auf und wirft seinen Körper in den Pool. Der Pool versteht nicht gleich, wie ihm geschieht, und wenn er versteht, ist es zu spät. Renatik tummelt sich ausgelassen, unschuldig und graziös im Wasser: er schreit ein bisschen, strampelt leicht mit den Beinen, platscht mit den Händen aufs Wasser. Selbstredend versammelt sich das ganze Hotel am Pool. Manchmal kommt der Hubschrauber der Küstenwache geflogen und kreist misstrauisch über dem Hotel.

Renatik winkt den Applaus ab, geht aufs Zimmer, kippt die ganze Minibar in ein Glas, trinkt aus, rülpst, die Schallwelle reißt das Bild von der Wand. Dann – der Gang zu Gawrila. Schlaf. Pool. Minibar. Gawrila. Schlaf…

Und so fort bis zum Abflug.

Abschied nahmen wir am Flughafen. Wir hatten unterschiedliche Flüge. Renatik und Olja flogen eine halbe Stunde früher. Renatik verabschiedete sich in etwa so:

– Also Kinder, bis dann. Gott sei Dank verlassen wir diese Kloake. Ich weiß nicht, wie es euch ging, aber ich für mein Teil habe nicht anständig zu essen bekommen. Zu trinken gab es auch nicht anständig. Ein saufender Moskauer Tatar hat in der Türkei nichts verloren. Lebt wohl! Ihr seid nette Leute. Esst und trinkt zwar etwas wenig. Aber ihr habt was. Also, bis dann. Wenn ich zurück nach Moskau komme, kann ich wenigstens essen, wie es sich gehört. Ich werde Tuborg trinken. Meine Marter hat ein Ende. Also, bleibt gesund! Vergesst uns nicht…

Nein, Renatik, wir werden dich niemals vergessen!

© Wladimir Jelistratow, Moskau 2004 – veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors

© Übersetzung: Friedemann Kohler 2010/13

Advertisements

Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
Dieser Beitrag wurde unter Literatur, Russland abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s