Die Kinder zahlen den Preis der Arbeitsmigration

Deutsch-ukrainisches Literaturprojekt „Skype Mama“ erkundet ein soziales Phänomen.

Wie ergeht es Kindern, wenn ihre Eltern fortgehen, oft über Jahre, weil es zuhause keine Arbeit gibt, sondern sich das Notwendigste nur im Ausland verdienen lässt? Dies Schicksal trifft hunderttausende Kinder in der Ukraine, aber auch in Moldawien, in Rumänien oder in Polen. Von den Waisen der großen osteuropäischen Arbeitsmigration nach Westen berichtet eindrücklich der Erzählband „Skype Mama“.

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Die Anthologie mit elf Kurzgeschichten junger ukrainischer Autorinnen und Autoren erschien auf Deutsch zur Leipziger Buchmesse im März und zeitgleich unter dem Titel „Mama po Skajpu“ in der Ukraine. Es ist das dritte Buchprojekt des Berliner Vereins Translit e.V., der sich der Literaturvermittlung mit Osteuropa, vor allem mit der Ukraine und Weißrussland verschrieben hat. Zur Europameisterschaft in Polen und der Ukraine 2012 veröffentlichte Translit die Sammlung „Wodka für den Torwart“ mit elf kauzigen Erzählungen aus der ukrainischen Fußballwelt.

Die Arbeitsmigration aus Sicht der Kinder ist ein weniger leichter, aber notwendiger literarischer Stoff. Nach Schätzungen auf einer Berliner Konferenz 2012 arbeiten 2,5 bis 3 Millionen Menschen aus der Ukraine im Ausland. Im Buch gehen die ukrainischen Mütter fast alle nach Italien, um dort ärmlich und rechtlos als Erntehelferinnen, Hausangestellte, Pflegerinnen, manchmal als Prostituierte zu arbeiten. In der Realität nimmt Russland knapp die Hälfte der ukrainischen Arbeitsmigranten auf. Weitere wichtige Ziele sind die Neu-EU-Mitglieder Polen und Tschechien und im Westen Deutschland und Italien. Fünf bis sieben Milliarden US-Dollar schicken ukrainische Gastarbeiter jährlich in die Heimat.

„Skype Mama“ erzählt aus der Sicht der Kinder, für die ihre Mutter nur noch ein Gesicht auf dem Computerbildschirm ist. Die Webtelefonate ziehen sich als roter Faden durch die Erzählungen. Die scheinbare Nähe überdeckt die wachsende Entfremdung. Die Mütter im Ausland werden zerrissen vom schlechten Gewissen, weil sie nicht zuhause sind, und der vagen Hoffnung auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder. Die Kinder, untergebracht bei den Großeltern oder ganz sich selbst überlassen, haben Sehnsucht nach ihren Müttern. Doch auch sie plagt ein schlechtes Gewissen wegen kleiner Illoyalitäten, weil die Mutter fremd wird, weil sie anders leben wollen. Auf beiden Seiten wird vor der Webcam gelogen.

Das immer gleiche soziale Elend bewirkt literarisch eine gewisse Ähnlichkeit der elf Erzählungen – nicht alle bleiben gleichermaßen im Gedächtnis haften. Es tut dem Buch deshalb gut, dass zwei Autoren nicht die Perspektive der Kinder, sondern der Erwachsenen wählen. Das erlaubt ein höheres Maß an Reflektion. In „Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen“ von Natalka Sniadanko erzählt eine ukrainische Musikdozentin von ihrer Putzstelle in deutschen Bürgerhaushalten – eine Geschichte, die an Doris Dörrie erinnert.   In „Stepan im Glück“ von Oleksandr Hawrosch verschlägt es einen Fußballtrainer als Illegalen nach Italien.

Absolut glaubhaft und herzzerreißend gelingt die Kinder-Sicht in „Das Familien-Finde-Spiel“ der Kinderbuchautorin Oksana Luschtschewska. Zwei Mädchen aus einem Kinderheim sitzen an der Bushaltestelle und halten Ausschau nach neuen Eltern – völlig unbekümmert die kleine Schwester, voll innerer Konflikte die ältere, weil sie überlegt, was wohl die echte Mutter dazu sagen wird. (Luschtschewskas Blog zu Kinderliteratur „Kaskarka“ (Märchenerzählerin)  http://kazkarka.com/)

Die gelungenste und auch sprachlich ungewöhnlichste Kurzgeschichte stammt von Tanja Maljartschuk. „Kinderland“ entwickelt die (Schreckens-)Vision eines Dorfes fast ohne Erwachsenen, in dem die verwaisten Kinder als Familienersatz eine ungestüme Bande bilden. In fast unbegrenzter Freiheit schlagen sie sich durchs Leben. (Leseprobe hier).

Im Nachwort zu „Skype Mama“ kommt die Lemberger Autorin Marjana Sawka zu zwei pessimistischen Schlussfolgerungen, die nicht unstrittig sind, die aber, wenn sie stimmen sollten, nichts Gutes für die Ukraine insgesamt bedeuten.

Das Opfer der Eltern sei umsonst, schreibt Sawka.

„Die Eltern leben im Ausland, bauen fremde Städte, putzen fremde Häuser und glauben fest und heilig daran, dass sie mit diesen bitter verdienten und auf Kosten der eigenen Gesundheit ersparten Kopeken ihren Kindern ein besseres Leben, eine Wohnung, ein Auto und eine gute Ausbildung erkaufen können. Doch das ist eine Illusion. Die Kinder können dieses Opfer nicht würdigen. Im Gegenteil sie setzen ihre Eltern häufig noch unter Druck und verlangen immer größere Summen.“

Das Geld aus dem Ausland versorge die Kinder nicht, es verziehe sie nur.

Zweitens hält Sawka den Arbeitsmigranten ihre Zukunftsangst vor.

„Sie sehen keinen Ausweg aus der Armut, sie vermögen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten nicht einzusetzen und verstehen es nicht, ihre Familien zu versorgen.“

Darum folgten sie dem „einfachsten Schema“, nämlich das Land als Gastarbeiter zu verlassen, statt in der Ukraine etwas aufzubauen und sich um die Kinder zu kümmern.

„Sie glauben an die Angst vor dem neuen Tag. Sie geben diese Angst weiter wie eine infizierte Spritze und stecken immer mehr Menschen damit an“

– auch die eigenen Kinder. Doch gibt es in der Ukraine, wie sie jetzt ist, wirklich eine Alternative zu dem Gastarbeiterschicksal?

SKYPE MAMA
Herausgegeben von Kati Brunner, Marjana Sawka und
Sofia Onufriv
Erzählungen aus der Ukraine
von Walentyn Berdt, Natascha Guzeeva,
Oleksandr Hawrosch, Serhij Hrydyn,
Marianna Kijanowska, Halyna Kruk,
Oksana Lutschewska, Oksana Luzyschyna,
Tanja Maljartschuk, Halyna Malyk,
Marjana Sawka, Natalka Sniadanko
Klappenbroschur, 13 x 22 cm
ca. 148 Seiten
ISBN: 978-3-940524-23-2
Preis: 12,80 € (D) | 13,10 € (A) | 15,40 SFR (CH)

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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