Der Panzerflüsterer

„White Tiger“ – der russische Mystery-Kriegsfilm rettet sich in eine verquere politische Botschaft.

Schwer verletzt überlebt ein sowjetischer Panzerfahrer 1943 den Angriff eines Phantoms. Ein weißgestrichener deutscher Panzer mit magischer Feuerkraft und Treffsicherheit reibt im Alleingang ganze sowjetische Verbände auf. Das Ungetüm erscheint aus dem Nichts in den Sümpfen Weißrusslands und verschwindet ohne Spur. Gibt es ihn überhaupt?

Der russische Film „Bely Tigr“ (White Tiger) von Karen Schachnasarow kam 2012 in die Kinos und lief auf vielen internationalen Festivals. Ich habe ihn beim Osteuropafilmfest goEast in Wiesbaden gesehen, wo er außerhalb des Wettbewerbs lief. Doch was versteckt sich hinter dem deutschen Geisterpanzer? Der Film erzählt davon in zwei Teilen, und so will ihn auch aufschlüsseln.

Seinen Namen hat der verletzte Panzerfahrer vergessen – Iwan Najdjonow (der Gefundene) tauft die Armee ihn und schickt ihn wieder an die Front. Der Auferstandene entwickelt ein untrügliches Gespür für Panzer. Er redet sogar mit ihnen. Die Panzer spüren, dass der tödliche Schuss kommt; sie sagen es dem Fahrer, doch der kann sie nicht hören – das erläutert Najdjonow einem verdutzten Major der sowjetischen Aufklärung.

Auf beiden Seiten der Front wird vom Weißen Tiger nur als Legende berichtet. Aber weil er ganz real tötet, machen sich Najdjonow und der Major auf die Jagd.

Der Panzerflüsterer legt einen ersten Hinterhalt – das Monstrum stellt sich, und nur knapp kommen Najdjonow und seine Mannschaft mit dem Leben davon. Bei der zweiten Begegnung beschädigt der Russe den Weißen Tiger. Doch den entscheidenden Treffer kann er nicht setzen…

Wer als Zuschauer die Grundannahme eines deutschen Panzers aus dem Jenseits so leicht akzeptiert wie die sowjetischen Soldaten im Film, wird bis dahin spannend unterhalten. Kriegsfilm können die Russen – da stimmen die Details, der Aufwand an Mensch und Material ist dank Hilfe aus dem Verteidigungsministerium groß. Für die mystische, manchmal sogar religiöse Übersteigerung des Kriegsgeschehens gibt es im russischen Film Vorbilder –  zum Beispiel die Apokalypse-Motive in Elem Klimows „Idi i smotri“ (Geh und sieh) von 1985.

Allerdings mögen vielleicht Geisterschiffe oder Geisterautos filmisch als Auslöser großen Schreckens taugen – der emotionale Wert von Panzern ist begrenzt. Da hilft auch die Musik von Richard Wagner nicht, die Auftritte des Phantoms ankündigt. Panzer bleiben tumbe Stahlbüchsen mit eingeschränkten Bewegungen: Der Diesel heult auf, Ketten mahlen im Schlamm, der Turm dreht sich, es donnert. Die Kampfszenen erinnern an Computerspiele – und für die Gamerszene und die Militaristen wird der Film in Deutschland auch vermarktet unter dem Titel „White Tiger – Die große Panzerschlacht“.

Der zweite Teil zeigt erst die unwillige Kapitulation der letzten Wehrmachtsgeneräle im Mai 1945 in Berlin-Karlshorst. Dann dürfen drinnen die deutschen Generäle dekadent speisen, während ihre einfachen Soldaten draußen in die Gefangenschaft marschieren. Der Krieg ist vorbei, nur Najdjonow schraubt noch unentwegt an seinem Panzer. Der Weiße Tiger sei nicht vernichtet, er bleibe auch auf Jahre und Jahrzehnte gefährlich, sagt er seinem Freund.

In der letzten Szene rechtfertigt sich ein Hitler, der augenscheinlich überlebt hat. Er habe doch nur den heimlichen Wunsch aller Europäer erfüllt und zwei Feinde bekämpft: die Juden und den Bolschewismus…

Also hat der Panzerflüsterer weder gegen etwas Diesseitiges, noch Jenseitiges gekämpft, sondern gegen eine Metapher? Der Regisseur und Ko-Autor Schachnasarow macht aus dem Weißen Tiger ein Sinnbild für den ewigen deutschen Militarismus nach dem Motto: Seid wachsam, der Schoss ist fruchtbar noch… Im Film nennt ein gefangener SS-Offizier im Verhör den Panzer die Verkörperung des deutschen Geistes.

Als Ausweg aus der Mystery-Falle des Drehbuchs finde ich das oberfaul.

Aber auch politisch scheint es mir nicht mehr zu passen. Natürlich kann es nach den Verheerungen, die Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion angerichtet hat, keinen Anspruch auf ein neutrales Bild der Deutschen geben. Schachnasarows Film steht auch in einer Traditionslinie des sowjetischen und russischen Films. Vor der Gefahr des deutschen Faschismus hat schon Sergej Eisensteins „Alexander Newski“ von 1938 gewarnt.

Doch es hat in den vergangenen Jahren auch schon differenziertere Kriegsfilme oder besser Antikriegsfilme aus Russland gegeben – bis hin zu dem zutiefst humanen „Polumgla“ (2005) von Artjom Antonow. Für das Jahr 2012, fast siebzig Jahre nach dem Ende des Kriegs, ist Schachnasarows „White Tiger“ ein ideologischer Rückschritt, der eher die Frage aufkommen lässt, warum das heutige Russland solche Filme braucht?

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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Eine Antwort zu Der Panzerflüsterer

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