Der Zarenmord wurde zensiert

Was der Leser eines deutschen Lexikons im Russischen Reich nicht wissen durfte.

Diesen Fund habe ich vor einigen Jahren in einem großen St. Petersburger Antiquariat (Litejny Prospekt/Ecke Newski) gemacht: Ein guterhaltener Band des deutschen Brockhaus‘ Conversations-Lexikon, 13. Auflage, erschienen in Leipzig 1886. Und oh Wunder, bei näherem Hinsehen es ist genau der passende 14. Band mit den Stichworten „Rußland – Spahis“!

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Was haben die Lexikographen im Deutschen Reich vor etwa 125 Jahren über das große Nachbarland geschrieben? 33 eng bedruckte Seiten und 3 Landkarten widmeten sie Russland. Sie fingen mit Geografie an, arbeiteten sich über Bevölkerung und Wirtschaft vor zu Verkehr und politischer Verfassung des Zarenreiches. Der geschichtliche Abriss reicht von den Skythen und den Kiewer Herrschern bis in die damalige Gegenwart, die Zeit Alexanders III.

Doch auf einer Seite bietet sich folgendes Bild:

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Ein langer Absatz ist mit mehreren Stempelabdrucken geschwärzt, die Druckerfarbe trägt in dicken Schlieren auf. Der Text ist zensiert worden. Wann und von wem? Hinweise darauf gibt es nicht, aber vermutlich prüften die russischen Behörden das 16-bändige Lexikon bei der Einfuhr. Es ist der einzige Eingriff der Zensur in dem Artikel und in dem Band. Selbst kritische Bemerkungen über die Russifizierung in den baltischen Provinzen, die Beschneidung der Rechte des baltendeutschen Adels gehen ohne Beanstandung durch.

In den Absätzen vor der zensierten Passage geht es um die wachsende Terrorgefahr durch die revolutionäre Bewegung Narodnaja Wolja (Volksfreiheit), die Nihilisten, wie das Lexikon schreibt. Es ist klar, dass nun der Mord an Zar Alexander II. 1881 folgen muss. Unter der Druckschwärze verbirgt sich folgender Text, zitiert nach dem gleichen 14. Band der Enzyklopädie in einer deutschen Bibliothek:

„Kaiser Alexander II. feierte am 2. März 1880 sein 25jähriges Regierungsjubiläum unter der Teilnahme der großen Staatskörper und unter den Sympathiebezeigungen aller europäischen Monarchen. Die Kaiserin Maria Alexandrowna starb 3. Juni in Petersburg. Darauf ließ sich der Kaiser 31. Juli in aller Stille mit der Fürstin Dolgoruki trauen, welche ihm bereits mehrere Kinder geboren hatte, die nun den Namen „Fürsten Juriew“ erhielten. Am 13. März 1881 trat die längst befürchtete Katastrophe ein. Als der Kaiser nachmittags 3 Uhr nach dem Winterpalais zurückfuhr, wurde eine Sprengbombe gegen seinen Wagen geworfen, wodurch einige Personen verwundet wurden, und als er aus dem Wagen stieg, um nach den Verwundeten zu suchen, wurde eine zweite Bombe abgeworfen. Dem Kaiser wurden beide Beine zerschmettert, der Unterleib aufgerissen, das Gesicht verletzt. Er wurde bewusstlos nach dem Palais gebracht und starb dort gegen 4 Uhr. Unmittelbar darauf wurde der älteste Sohn als Kaiser Alexander III. proklamiert und die Truppen leisteten in den Kasernen den Eid. Der Beisetzung der kaiserlichen Leiche in der Peter-Pauls-Kathedrale 27. März wohnten viele fremde Fürstlichkeiten bei. Von den Attentätern kam einer bei der Explosion um, fünf wurden gehängt, eine Frau wurde mit lebenslanger Zwangsarbeit bestraft. Das nihilistische Exekutivkomitee warnte in einer Proklamation vom 14. März den neuen Kaiser, nicht Tyrann wie sein Vater zu werden. Daher setzte jener durch das Statut vom 26. März für den Fall seines Ablebens seinen ältesten Bruder Wladimir zum Regenten und die Kaiserin Maria Feodorowna zur Vormünderin der kaiserlichen Kinder ein. Unter den Papieren Kaiser Alexanders II. fand man einen von ihm am Tag des Attentats unterzeichneten Ukas über Einberufung einer Notabelnversammlung. Nach langem Schwanken und vielen Ministerberatungen, in welcher Melikow und andere Minister die liberalen Ideen vertraten, entschied Kaiser Alexander III sich für die Festhaltung am Cäsarismus. In seinem Manifest vom 11. März appellierte er an die ihm von Gott verliehene „selbstherrscherliche Gewalt“. Darauf gaben Melikow, der Kriegsminister Graf Miljutin, der Finanzminister Abasa ihre Entlassung ein und Graf Ignatjew wurde zum Minister des Inneren ernannt. Der einflussreichste Minister wurde der Oberprokuror des Heiligen Synod Pobedonoszew, durch ihn erlangte Katkow Zutritt und Einfluss beim Kaiser. Das nihilistische Exekutivkomitee erließ als Antwort auf das Manifest die Erklärung, dass es den ihm aufgedrängten Krieg annehme, und bedrohte den Kaiser mit dem Schicksal seines Vaters. Infolge dessen mussten die größten Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, und der Kaiser wechselte mehrfach rasch seinen Wohnsitz, residierte bald in Gatschina, bald in Peterhof, von Polizei und Militär bewacht.“

Was also wollte die zaristische Zensur vor dem Leser einer deutschen Enzyklopädie im Russischen Reich geheim halten?

–       Dass Zar Alexander II. in einer morganatischen Ehe lebte, aus der sogar Kinder hervorgingen – auch wenn dies für das informierte Petersburger Publikum wohl kaum ein Geheimnis war.

–       Den genauen Hergang des tödlichen Attentats auf den Zaren vom 1./13. März 1881, obwohl auch dieser bekannt gewesen sein durfte. Der Versuch, ein einschneidendes historisches Ereignis durch Schwärzen  gewissermaßen ungeschehen zu machen, wirkt eher hilflos.

–       Politisch brisant war der Plan des „Zar-Befreiers“ Alexanders II., zum Abschluss seiner Reformen eine Art Parlament, eine beratende Versammlung mit gewählten Vertretern einzuführen. Solche Überlegungen verschwanden bis nach der Revolution 1905 in der Versenkung. Der Leser sollte auch nicht erfahren, dass der Kurs des neuen Zaren Alexanders III. nicht  zwangsläufig so reaktionär ausfiel, sondern es anfangs durchaus liberalere Überlegungen gegeben hatte. Die Autokratie durfte nicht in Frage gestellt werden.

–       Schließlich sollte wohl verborgen bleiben, welchen Schrecken der Terror dem Herrscher und seiner Familie eingejagt hatte. Als der Lexikonartikel geschrieben wurde, war die Bedrohung immer noch gegenwärtig. Zar Alexander III. konnte sich im eigenen Land kaum bewegen, er saß als „Gefangener von Gatschina“ – so ein Spottname – in dem Palast außerhalb von St. Petersburg fest. Erst 1887 nach dem gescheiterten Attentat von Lenins Bruder Alexander ebbte die Gefahr ab.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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