„Stalingrad“ jagt junge Russen in die alten Schützengräben

Vom Zweiten Weltkrieg kommt der russische Film nicht los – er wird darin festgehalten.

Das russische Kino hat wieder einen Blockbuster: „Stalingrad“ von Regisseur Fjodor Bondartschuk ist dieser Tage in Moskau angelaufen. Ein Werk der Superlative: Der erste russische Film in IMAX-3D, offizieller Moskauer Vorschlag für den nächsten Auslands-Oscar, spielte am Startwochenende 12 Millionen seiner 22 Millionen Euro Produktionskosten ein.

DSCN1219Trotzdem glaubt sich der Kinobesucher in den ersten Minuten im falschen Film. Denn das gezeigte brennende Ufer ist nicht die Wolga bei Stalingrad 1942, sondern die vom Tsunami zerstörte japanische Küste 2011. Retter des russischen Katastrophenschutzministeriums MTschS fliegen ein, und wen finden sie eingeklemmt unter den Trümmern? Deutsche Touristen. Um den Kontakt zu einer Verschütteten zu halten, erzählt ihr ein alter russischer Offizier die Geschichte seiner fünf Väter, die in der Schlacht um Stalingrad getötet wurden.

Die angekündigte „dramatische Liebesgeschichte zu Kriegszeiten“ kurz gefasst: Im Herbst 1942 verteidigen fünf tapfere sowjetische Aufklärer ein halb zerstörtes Haus in Stalingrad gegen wiederholte deutsche Angriffe. In der Ruine lebt ein schüchternes, stilles Mädchen, in das jeder der fünf sich auf seine Art verliebt. Trotz Dauerbeschuss wird das Leben in dem Haus fast idyllisch mit Badewanne und Geburtstagskuchen. Vor dem letzten Angriff, den sie nicht überleben werden, bringen die Fünf ihre Katja in Sicherheit….

Die Attacken auf das Haus leitet ein deutscher Offizier, der seine Ehre wiederherstellen muss: Er hat sich mit einer Russin eingelassen. Zwar versucht er, sie vor der Feindschaft beider Seiten zu retten. Doch natürlich kann der sowjetische Scharfschütze der jungen Frau ihr (erzwungenes) Verhältnis mit dem Feind nicht durchgehen lassen…

Also unschuldige Leidenschaften auf der sowjetischen, schuldige Leidenschaften auf der deutschen Seite des 3D-Schützengrabens.

Als Begleitmusik zu diesem Drama lässt Regisseur Bondartschuk mit allem ballern, was die Waffentechnik hergibt (wie an anderer Stelle gesagt: Kriegsfilm können die Russen).

Doch diese Mischung aus Schwulst und Brutalität habe ich schwer verträglich gefunden. (Die Einstufung 12+ nach dem neuen russischen Jugendschutzgesetz ist zynisch: Sex gibt es für Jugendliche natürlich nicht zu sehen, Kopfschüsse und Blut aus durchgeschnittenen Kehlen sehr wohl.)

Den deutschen Offizier spielt Thomas Kretschmann (Stalingrad-Veteran seit dem 1993-er Film von Joseph Vilsmair), seinen arroganten Vorgesetzten gibt Heiner Lauterbach – ich weiß nicht, wie stolz die beiden auf diese Episode ihrer Filmografie sind. Vielleicht haben die russischen Filmemacher die Deutschen nicht nur eingeladen, damit auf der Tonspur der deutsche Akzent stimmt. Sie wollten womöglich auch ein Zeichen setzen: Schaut her, 70 Jahre nach dieser schlimmsten Schlacht der Menschheitsgeschichte drehen wir sogar zusammen einen Film darüber!

Doch was nützt die beste Absicht, wenn die Geschichte und ihre Figuren flach und vorhersehbar sind – und die Spezialeffekte alles überlagern? Am Ende siegt der russische Opfermut für die große Sache. Irgendwo auf dem Kinoplakat versteckt sich der Hinweis „Nach Motiven von „Leben und Schicksal“ von Wassili Grossman“. An der tief empfundenen Menschlichkeit von dessen großen Stalingrad-Epos geht der Film völlig vorbei.

Stilles, kluges Pathos sei in Filmen über den Zweiten Weltkrieg angebracht, schrieb die russische Rezensentin Sabina Babajewa auf „Yugopolis.ru“: „Leider ist das Pathos im neuen Film von Fjodor Bondartschuk anders. Es ist unangebracht, schreit und verstört den Zuschauer.“ Es gebe „große Filme über den großen Krieg“. Aber das seien alte sowjetische Kriegsfilme wie „Wenn die Kraniche ziehen“ oder „Die Ballade vom Soldaten“.

Bondartschuk will erklärtermaßen die alten Geschichten für eine neue Generation erzählen – mit großer Unterstützung der offiziellen Kulturpolitik. Doch er jagt die jungen Russen wieder in den alten Schützengraben.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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