Georg Büchner und die osteuropäischen Dissidenten

Vor 200 Jahren wurde der deutsche Schriftsteller und Revolutionär geboren. Dass Büchner aktuell ist, wollte das bedrohte Deutsche Polen-Institut zeigen.

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Georg Büchner (1813-37) mit dem rot-weißen Symbol der Solidarność am Revers – das passt! An dem deutschen Schriftsteller und Kämpfer gegen die Ungerechtigkeit hätten die Dissidenten im Osten Europas ihre Freude gehabt. Büchners Flugschrift „Der Hessische Landbote“ von 1834 war klassischer Samisdat oder „drugi obieg“ (zweiter Umlauf), wie die Untergrundpresse im kommunistischen Polen hieß. Und hätte er etwa 150 Jahre später und 800 Kilometer weiter nordöstlich gelebt – er wäre nicht zu Fuß durch die Wetterau vor hessischen Behörden geflüchtet, sondern aus Danzig vor dem Kriegsrecht des Generals Jaruzelski.

Es war also eine gute Idee des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, Deutsche und Polen im Büchner-Gedenkjahr über dessen gesellschaftliche Aktualität reden zu lassen. Allerdings litt die Podiumsdiskussion am 5. November darunter, dass sie in langen Monologen der Teilnehmer thematisch ausuferte. Es ging von den deutschen Koalitionsverhandlungen über die polnische Flugzeugkatastrophe von Smolensk und solidarische Stadtteilpolitik bis zum wirtschaftlichen Aufstieg Chinas und Brasiliens.

Immerhin ein roter Faden ließ sich ausmachen: Was bedeutet Büchners aufrührerische Parole „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ heute, im Europa der sozialen Spannungen, der Finanz- und Schuldenkrise?

Ich möchte Deutschland „Woyzeck“ ersparen“, sagte die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, heute Präsidentin des Deutschen Polen-Instituts. Büchners Drama vom armen Soldaten Woyzeck – eine Oberschicht ohne Unrechtsbewusstsein beutet die verzweifelte Unterschicht aus. Immerhin wächst in Deutschland seit Jahren die Kluft zwischen Arm und Reich.

Auch Polen, wirtschaftlich erfolgreichstes Neumitglied der EU, leide unter sozialen Spannungen, sagte der Publizist Michał Sutowski von der Zeitschrift „Krytyka Polityczna“. „In Berlin gibt es viel weniger „gated communities“ als in Warschau.“

Noch viel verzweifelter und explosiver sei die Lage im Süden der Europäischen Union, in Griechenland, Spanien oder Portugal, waren sich die Diskutanten einig.

Und der Ausweg? Die Solidarität, also der Kampfbegriff, den die polnischen Arbeiter 1980 wieder in die politische Diskussion einführten und an dem vermutlich auch Büchner seine Freude gehabt hätte.

Auf eine „dramatische Schwäche der Solidarität“ führte Aleksander Smolar, Präsident der Stefan-Batory-Stiftung, die gegenwärtige Lage zurück. Auch die frühere Polen-Beauftragte der Bundesregierung, Gesine Schwan, kritisierte den „klaren Mangel an Empathie“, der gerade in Deutschland gegenüber den Problemen der Südländer herrsche. Deutschland und speziell Bundeskanzlerin Angela Merkel sollten in Europa führen, wie es der polnische Außenminister Radosław Sikorski gefordert habe – allerdings nicht um eigener Interessen, sondern um des großen Ganzen willen.

Georg Büchner ist leider tatsächlich ziemlich aktuell“ – fasste Moderator Piotr Buras vom European Council on Foreign Relations zusammen.

Büchner starb mit nur 23 Jahren, sein literarisches wie politisches Werk blieb unvollendet. Er durfte nicht wie die Dissidenten im Osten die Erfahrung eines erfolgreichen Umbruchs machen. Wer weiß, vielleicht wäre auch sein „Hessischer Landbote“ aus dem Untergrund zur führenden Tageszeitung des Landes aufgestiegen – so wie es der „Gazeta“ von Adam Michnik in Polen ging. Oder der Dramatiker Büchner wäre Präsident einer befreiten Republik geworden wie der Tscheche Vaclav Havel.

PS.: Die Veranstaltung in der Darmstädter Orangerie war gut besucht, was auch einen Beweis der Solidarität mit dem Polen-Institut bedeutet. Denn für die renommierte Einrichtung ging es in den vergangenen Woche „nur um das eine, über das wir heute nicht sprechen werden“, wie Institutsdirektor Dieter Bingen sagte. Die rheinland-pfälzische Regierung will ihren Zuschuss von jährlich 216 000 Euro streichen – etwa ein Viertel des festen Budgets. Trotz des außenpolitischen Schadens, der damit angerichtet wird, ist die Existenzkrise des Deutschen Polen-Instituts noch nicht abgewendet.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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