Der Moskauer Boulevardring – ein Selbstversuch im Herbstregen

Ein grünes Band von Parkanlagen umringt das Herz der russischen Hauptstadt. Darauf zu wandern, hat etwas von Inselspringen.

Für Elisabeth, die leider nicht dabei sein konnte.

Es nieselt, als wir aus der Metrostation „Kropotkinskaja“ kommen. Der graue Moskauer Herbsthimmel hängt tief. Doch das soll uns, Vater und Tochter, nicht hindern, den Boulevardring der russischen Hauptstadt abzulaufen. Sieben Jahre haben wir in Moskau gelebt, doch nie dieses Abenteuer unternommen. Vom Ufer der Moskwa zum Ufer der Moskwa einmal rund um den Kreml, doch mit Abstand. Abstand ist gut, denke ich, zum Zentrum der Macht in Russland. Stattdessen eintauchen in das alte Moskau, wie es zu sowjetischen Zeiten oder vor der Oktoberrevolution war. Und zugleich neue Seiten der Stadt erleben.

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Deshalb gehe ich den hufeisenförmigen Weg auch lieber von West nach Ost. Die pompöse neue Christ-Erlöser-Kathedrale, dies Symbol der Anbiederung von Kirche und Staat im heutigen Russland, will ich nicht als Ziel haben, sondern lieber gleich hinter mir lassen.

Wir laufen den ersten von zehn Boulevards entlang, den Gogolewski-Boulevard. „Der Boulevardring ist der Lieblingsort der Moskauer für Erholung und Spaziergänge“, heißt es im Stadtlexikon. An diesem regnerischen Werktagsmorgen ist der breite, gepflegte Weg fast menschenleer. Verlassen stehen die Gestelle, an denen Künstler im Sommer ihre Bilder zum Verkauf präsentieren. Die Bäume haben ihr Laub längst verloren.

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Dass mir die Wanderung gefällt, ist klar. Aber was kann der herbstliche Boulevardring einem fast achtzehnjährigen Mädchen bieten? Weniger als erhofft, und doch entdecken wir mit jedem Schritt mehr als erwartet. Der vollelektronische Fahrradverleih ist neu, den gab es zu unseren Moskauer Zeiten noch nicht. Eine Fotoausstellung unter freiem Himmel zeigt Aufnahmen russischer Fotografen aus der arktischen Welt – gewaltige Gletscher, bullige Moschusochsen, schwarzäugige Robbenbabys.

Neu ist auch das Denkmal für den Schriftsteller Michail Scholochow (1905-84). Ein Kahn, Pferde schwimmen durch einen Fluss – Motive aus dem Kosakenepos „Der stille Don“. Auf dem Weg werden uns noch weitere Schriftsteller begegnen – Puschkin, Gogol, Gribojedow, Jesenin… Wir laufen auf dem Ring auch die russische Literaturgeschichte ab.

DSCN1263Als erstes Querstraße hemmt der Arbat unseren Weg, und wir üben zum ersten Mal eine mühevolle Passage. Wir verlassen den Boulevard, unsere langgestreckte Insel in der Straßenmitte, und retten uns seitlich ans Ufer. Dann müssen wir die gigantische Querströmung an Autos, Bussen und Lastwagen überwinden. Schließlich flüchten wir auf die nächste Insel. Unerwartet bremst ein Auto und lässt uns Fußgänger auf den Nikitski-Boulevard passieren. Ein wenig scheint sich der Moskauer Verkehr zu zivilisieren. Doch dieses Insel-Hopping wird uns bis zum Ende der Wanderung begleiten.

Wie die Ringstraßen in Wien, Krakau und anderen europäischen Städten entstand der Moskauer Boulevardring, als Stadtmauern ihren militärischen Sinn verloren. Die Wälle rund um die alte Stadt wurden geschleift. 1796 wurde der erste Boulevard angelegt, der Twerskoj-Boulevard. Als Moskau nach dem großen Brand unter dem Besatzer Napoleon 1812 wieder aufgebaut wurde, rundete sich der Kreis. Nur auf dem anderen Ufer der Moskwa, im Samoskwaretschje, klafft eine Lücke. Das Moskau des Boulevardringes ist nicht die Stadt der Hochhäuser, es ist – zumal auf der Westseite – das niedriggebaute Moskau der klassizistischen Adelspaläste und Bürgerhäuser aus der Gründerzeit.

Unerwartet verstummt die Stadt…

Manchmal wird es am Ring still, ganz still. Es dauert einige Sekunden, bis mir bewusst wird, dass der allgegenwärtige Moskauer Lärm tatsächlich verstummt ist. Aber nicht ich bin taub. Der Verkehr steht. Es ist der seltene Glücksfall, dass Ampeln die Autos auf beiden Seiten unserer Insel gestoppt haben. Was für ein Unterschied zum ewig dröhnenden, immer bewegten Gartenring einige hundert Meter stadtauswärts!

Für uns neu in der Stadt sind die Ampeln, die rückwärts die Sekunden bis zur nächsten Phase zählen. Wir Fußgänger werden schlecht behandelt. 120 Sekunden Grün für unsere Feinde, die Autos, nur 11 Sekunden für uns, notieren wir als schlimmste Ungerechtigkeit.

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Wir laufen an vielen Theatern vorbei, am Theater am Nikitski-Tor, der neuen Bühne des Moskauer Künstlertheaters MChaT, am Puschkintheater… Auch Pressegeschichte begleitet uns. Erst taucht die Zentrale der sowjetischen Agentur TASS (heute Itar-Tass) auf, dann am Puschkinplatz das „Iswestija“-Gebäude und die einstige Redaktion der Wochenzeitung „Moskowskije Nowosti“, des Zentralorgans der Perestroika.

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Die Unterführung unter der Hauptstraße Twerskaja am Puschkin-Platz ist ein trauriger Ort. Ein Gedenkstein erinnert an den Bombenanschlag vom 8. August 2000. Dreizehn Menschen starben hier, neunzig wurden verletzt. Es war der erste Terroranschlag in Moskau, über den ich damals zu schreiben hatte.

Mittlerweile gießt es, und kurz vor der halben Wegstrecke müssen wir uns in einem Café aufwärmen. Hinter dem gigantischen Kino „Rossija“ kommt der kurze Strastnoj-Boulevard. An seinem Ende breitet Wladimir Wysotzki die Arme aus. Ein Künstler, der beim Applaus sein Publikum und die Welt umarmt, ein gekreuzigter Christus? In diesem Teil von Moskau ist der Schauspieler und rebellische Liedermacher (1938-80) aufgewachsen.

Hier im Norden wird der Boulevardring frommer. Strastnoj hängt mit der Passionszeit zusammen, die Abschnitte Roschdestwenski- (Mariä Geburt), Sretenski- (Darstellung im Tempel) und Pokrowski-Boulevard (Schutz und Fürbitte) liegen noch voraus. Wir kommen in das Moskau der alten Klöster und kleinen Kirchen. So weit von der Moskwa entfernt, wird die Gegend hügeliger. Die Boulevards laufen bald bergauf, bald bergab.

An manchen Bäumen hängt eine Art Starenkasten, „Biblioteka“ steht darauf. Auch das ist für uns neu, dass der Spaß des Büchertauschens bis nach Moskau gekommen ist. Wer will, hinterlässt ein Buch; wer lesen will, nimmt sich eins. Und was bietet diese Bibliothek? In einem Kasten finde ich Billigkrimis von Darja Donzowa. Dazu den Hollywood-Roman „Die Exhibitionisten“ von Henry Sutton, auf Russisch verlegt in Vilnius 1993 und schamvoll in Zeitungspapier eingeschlagen. So, so!

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Immer wieder kreuzen brutal die großen Ausfallstraßen unseren Weg und zwingen uns zum Verlassen unserer Inseln. Wir kämpfen uns über den Trubnaja-Platz, dann über den Turgenjew-Platz. Dort steht die gigantisch hässliche Firmenzentrale der großen russischen Ölfirma Lukoil.

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Die Querstraße heißt im neuen Moskau nach dem Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow (1921-89). Nach dem Ende der Sowjetunion sind in Moskau viele Straßen umbenannt worden. Aber mir ist kein anderer Fall bekannt, dass ein sowjetischer Dissident zu der Ehre gekommen wäre, Namensgeber zu werden. Zu kurz war der demokratische Frühling.

Der Regen hat aufgehört, doch es bleibt ein kalter Wind, der frösteln macht. An der Metro „Tschistije Prudy“ bricht eine Kolonne von Gastarbeitern den Asphalt auf, um Straßenbahnschienen neu zu verlegen – alles unter den wachsamen Augen des Dichters Alexander Gribojedow.

Zwischen den Bäumen flattert die blaue Fahne Kasachstans. Sind wir unbemerkt tausende Kilometer weit nach Osten abgekommen? Nein, dort steht nur die Botschaft von Kasachstan. Ein Denkmal seines Nationaldichters Abaj Kunanbajew (Abai Qunanbajuly/1845-1904) hat der neue Nachbarstaat den Moskauern auch verehrt.

Der Osten ist ärmer…

Trotzdem sind wir unverkennbar im Osten angekommen, im Moskauer Eastend. Hier geht es nicht mehr so wohlanständig, so reich zu wie im Westend. Keine klassizistischen Adelspaläste, dafür Mietshäuser. Östlich vom Kreml lagen in vergangenen Jahrhunderten die Viertel der Handwerker und Soldaten, die Vorstädte der Ausländer. Hier wurde gehandelt und gearbeitet, und das hat sich bis heute erhalten. Hier ist das alte Moskau noch nicht auf Hochglanz restauriert, das neue Moskau noch nicht fertig. Auf den Parkbänken sitzen Obdachlose.

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Doch der „saubere Teich“, der dem Tschistoprudny-Boulevard den Namen gegeben hat, ist schön. Still und dunkel liegt sein Wasser da, goldgelbe Blätter treiben an der Oberfläche. Das weiße Zeltdach eines Restaurants erinnert an den vergangenen Sommer. Ein junges holländisches Touristenpaar ist seit einiger Zeit vor uns her gegangen – auch sie Wanderer auf dem Ring. Jetzt küssen sie sich und sehen dann einem Maler zu, der am Teich seine Staffelei aufgestellt hat.

Nebenan tschilpt es. Ein blattloser Busch vibriert, auf seinen Ästen plustern sich zahllose Spatzen. In Deutschland sind sie vom Aussterben bedroht, hier in Moskau gibt es noch ganze Schwärme der kleinen Stadtvögel.

Das Ende unseres Weges kommt in Sicht. Lässigen Schrittes laufen wir den Jauski-Boulevard hinunter, benannt nach dem Flüsschen Jausa. Die zehnte und letzte grüne Insel endet jäh in einer Baustelle. Sand, Steine und unförmiges Metall liegen durcheinander. Liebes Moskau, hier musst du noch arbeiten!

Das flache Moskau strebt nach Höhe…

Doch auch dieses Ende des Rings hat ein architektonisches Ausrufezeichen. Wo die Jausa in die Moskwa mündet, liegt ein grauer Gigant, das Haus an der Kotelnitscheskaja. Eins der sieben Stalin-Hochhäuser, mit denen das Streben der Stadt nach Höhe begann. Der Stern auf der Spitze ragt fast in die Herbstwolken hinein. Und auf der Moskwa-Brücke öffnet sich im Dunst auch der Blick auf den Kreml. Seine Mauern sind nur wenige hundert Meter entfernt, und doch sind wir einen ganzen Tag in einer anderen Welt unterwegs gewesen.

PS: Erst im Nachhinein haben wir im Moskauer Stadtlexikon gelesen, wie lang der komplette Boulevardring ist: neun Kilometer.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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4 Antworten zu Der Moskauer Boulevardring – ein Selbstversuch im Herbstregen

  1. Wilfried Willutzki schreibt:

    Eine Lust, dies zu lesen.

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  2. J. Haag schreibt:

    Sollte ich mal nach Moskau kommen, werde ich mich hoffentlich daran erinnern und den Boulevardring in gleicher Richtung ablaufen.

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