Interview: Ökologie ist in Polen ein mühsames Geschäft

In Sachen Ökologie wollen sich viele Polen keine Vorschriften von der EU machen lassen. Sie sehen das als Anschlag auf ihre Unabhängigkeit, klagt der Soziologe und Publizist Adam Ostolski. Er führt gemeinsam mit Agnieszka Grzybek die kleine grüne Partei Zieloni 2004 in Polen. Ich habe Ostolski (35) bei einem Besuch im Deutschen Polen-Institut in Darmstadt interviewt, während in Warschau die UN-Klimakonferenz zuendeging.

Adam_Ostolski

Herr Ostolski, war Polen ein guter Gastgeber für die Weltklimakonferenz?

Die Konferenz hat leider die Befürchtung der ökologischen Bewegung bestätigt, dass Polen in der Klimapolitik keine positive Rolle spielt. Die Regierung verfolgte ein Alles oder Nichts. Sie wollte erreichen, dass alle Staaten der Welt sich in der Klimapolitik einigen – sonst lohnt es sich nicht, etwas zu tun. Polen verwarf damit das Konzept von Vorreiterschaft, dass einige Staaten, zum Beispiel die Europäische Union ehrgeizigere Ziele verfolgen als andere. Zweitens hat Polen die Klimakonferenz benutzt, um Lobbyarbeit für Kohleenergie zu betreiben.

Warum ist Kohle so wichtig für die polnische Wirtschaft?

Es gibt Gründe, sich für polnische Kohle einzusetzen. Fast 90 Prozent unserer Energie stammt aus fossilen Brennstoffen. Polen hat eigene Braunkohle, und die Förderung lohnt sich. Steinkohle müssen auch wir importieren. Kohle zu beschränken würde große Verwerfungen in der Wirtschaft bedeuten, nicht nur im Bergbau, sondern auch in den Kraftwerken und anderen Branchen. Es fragt sich aber, ob die polnische Regierung zurecht so stark auf die Kohle setzt.

Selbst wir als polnische Grüne wollen keinen sofortigen und vollständigen Abschied von der Kohle. Wir wollen aber, dass die Regierung die ersten Schritte in die richtige Richtung macht. Das wäre ein Modernisierung des Leitungsnetzes, denn etwa die Hälfte der Energie geht beim Transport verloren.

Energiesparen ist überhaupt ein wichtiges Thema beim Klimaschutz, und das würde keineswegs einen sofortigen Ausstieg aus der Kohle bedeuten. Aber wenn man den Klimawandel leugnet und gar nichts tut, muss später alles auf einmal geschehen, und dann werden die gesellschaftlichen Kosten riesig sein.

Wie wichtig sind Umweltfragen derzeit in Polen?

Wenn Ökologie in Gesellschaft und Politik ein Thema ist, dann als Bedrohung, als etwas, das die Europäische Union uns aufdrückt. Nur manchmal kommt Ökologie als moderner Lebensstil für junge Leute vor.

Dabei gab es vor 20 Jahren in Polen eine starke ökologische Bewegung. Die Menschen haben die Umweltkrise am eigenen Leib gespürt. Sie haben schmutzige Luft eingeatmet, schlechtes Wasser getrunken. Seitdem hat sich vieles geändert. Das Benzin ist reiner geworden. Fabriken wurden geschlossen. Aber wir haben das Problem nur verlagert. Die Waren, die wir konsumieren, werden jetzt unter umweltschädlichen Bedingungen woanders produziert.

Die Bedeutung der Ökologie im täglichen Leben ist nicht sehr hoch. Und die Zunahme von Stürmen, Hochwassern oder Trockenzeiten ist im öffentlichen Bewusstsein nicht mit dem Klimawandel verbunden. Das passiert eben so!

Warum hat die damalige starke Ökobewegung nicht auch eine starke Ökopartei hervorgebracht?

Viele Ökoaktivisten haben ihr Schicksal erst mit der Demokratischen Union, dann mit der Freiheitsunion verknüpft. Aber es zeigte sich im Lauf der Zeit, dass deren ökologisches Denken doch nicht sehr weit entwickelt war. Ich will nicht unfair sein gegenüber meinen Vorgängern. Aber ich denke, es war ein Fehler, nicht früher eine eigenständige politische Kraft zu gründen.

Wie groß ist denn ihre grüne Partei Zieloni?

Zieloni stellen einige Abgeordnete in Stadtparlamenten oder in den Woiwodschaften. Auch in der Selbstverwaltung der Gemeinden gibt es Vertreter. Aber wir haben insgesamt nur einige hundert Mitglieder.

Was ist in Ihrer Sicht derzeit das größte ökologische Problem in Polen?

Donald Tusk.

Der Ministerpräsident?

Sein Kabinett verfolgt in vielerlei Hinsicht die am wenigsten ökologische Politik aller polnischen Regierungen. Er bremst die EU in ihren Klimazielen, das heißt, er wirkt nicht nur in unserem Land, sondern in Europa und mittelbar der Welt. Das Umweltministerium kümmert sich seit Jahren nicht mehr um Umwelt, es soll alles für die Förderung von Schiefergas tun. Dabei wissen wir noch gar nicht, wie viel wir davon tatsächlich haben und ob sich die Förderung lohnt.

Dann engagiert sich die Regierung für ein eigenes polnisches Atomkraftwerk, auch wenn diese Pläne vor drei Jahren noch lauter klangen als jetzt. Und es werden keine günstigen Bedingungen für erneuerbare Energien geschaffen.

Sehen Sie die deutsche Energiewende als mögliches Modell für Polen? Oder haben Sie andere Beispiele im Blick?

In Frankreich übernimmt der Staat Verantwortung dafür, dass niemand wegen seiner Energierechnung in Armut gerät. Es gibt gestaffelte Strompreise für Grundbedarf und Zusatzverbrauch. Das deutsche Modell führt dazu, dass die Energiearmut steigt – nicht viel, aber immerhin. Für ein armes Land wie Polen müsste das Problem der Energiearmut, der Ausgaben für Storm und Heizung, als dringendstes gelöst werden. Wichtig am französischen Ansatz ist auch, dass der Staat jährlich eine Million Wohnungen energetisch saniert.

Am deutschen Ansatz fasziniert mich das bürgerschaftliche Element, dass Gemeinden oder auch Genossenschaften Energie produzieren. Das könnte auch in Polen funktionieren. Aber leider liegt die genossenschaftliche Bewegung ziemlich brach.

Polen hat der Welt den Begriff Solidarność geschenkt, doch es gibt kein solidarisches Denken?

Solidarität ist nur noch ein Slogan. Wir sind eine sehr individualistische Gesellschaft geworden.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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