Humorvolle Erzählungen aus Russland: Das Mädchen mit den Chupa-Chups

Eine Moskauer Weihnachtsgeschichte

Von Igor Irtenjew – übersetzt von Friedemann Kohler

Ein wundervoller Weihnachtsabend legte sich wie ein Zaubermantel über die Stadt. Stille und Frieden herrschten auf Erden, große weiße Flocken fielen weich zu Boden. Die wenigen Menschen, die um diese Stunde noch unterwegs waren, eilten nach Hause, um am festlich gedeckten Tisch Platz zu nehmen.

Vor einem hell erleuchteten Kiosk stand zitternd vor Kälte ein kleines Mädchen und schaute wie verzaubert auf die Tüten mit gerösteten Erdnüssen, Fruchtbonbons und anderen Leckereien. Es kannte das alles nur aus der Fernsehreklame, wo sich fröhliche, gut gekleidete Kinder beide Backen damit vollstopften. Schneeflocken fielen auf die langen blonden Haare der Kleinen, tauten auf ihren Wangen, aber es war, als bemerkte sie sie nicht.

– Ach, warum, warum ist  mir all das versagt? – flüsterte das Mädchen kaum hörbar. – Bin ich denn schlechter als andere Kinder? Habe ich wirklich so schwer Unrecht getan? Sicher bin ich nicht immer artig und füge meinen armen Eltern mit meinen Streichen immer wieder Leid zu. Doch jedes Mal bete ich danach innig. Vielleicht nicht innig genug, wenn meine Gebete doch nicht erhört werden?

Und seine schönen blauen Augen füllten sich mit  Tränen.

Natürlich, – fuhr es fort, – könnte ich den guten Verkäufer bitten, mir ein kleines Tütchen Nüsse und einen Lutscher „Chupa-Chups“ zu geben. Aber das wäre nicht recht. Väterchen und Mütterchen lehren mich immer, dass man niemals auf der Straße fremde Leute ansprechen darf, wer weiß, was sie vorhaben. Neulich erst las Oma im „Moskowski Komsomolez“, dass ein Onkel für ein einziges Päckchen „Juicy Fruit“ sich an den Zöglingen von sieben Kindergärten einschließlich der Erzieherinnen und des technischen Personals vergangen hat. Nicht mal den Wellensittich hat er verschont. Dabei hätte ich so gerne etwas Süßes.

Und wieder füllten sich seine schönen blauen Augen mit Tränen.

Der alte Verkäufer sah der Kleinen durch das offene Fensterchen verstohlen schon seit einer Stunde zu. Sein gutes Herz zerriss es fast vor Mitleid.

– Wai, was für ein Läben, – wiederholte er mit Bitterkeit. – Ganz kleiner Mädchen. Wie meine Aschchen. Was tut es, dass Aschchen schwarze Augen hat und Haare wie Nacht in Karabach. Das hier hat blaue Augen wie Himmel über Etschmiadsin, Haar ist blond wie Sand am Sewan-See. Armer, armer Mädchen… Ganz kalt. Ich könnte sie zum Aufwärmen reinlassen. Und was wenn kommt dieser gierige Schakal von Polizist? Aha, wird er sagen, wolltest wohl ’ne Minderjährige? Nicht nur, dass ihr Schwarzärsche ganz Moskau überschwemmt, dass man nicht mehr treten kann, jetzt macht ihr euch auch noch an unsere Kinder ran. Lass mal fuffzig Dollar rüberwachsen und dank deinem nichtrussischen Gott, dass ich heut großzügig bin. Und was werde ich ihm sagen? Dass mir schade war um Kind? Und wie soll ich Familie ernähren? Was sag ich Frau und Schwiegermutter? Für das Geld muss ich eine Woche sitzen in diese verdammte Kiste. Ai, was musste ich dummes Kopf auch Historiker lernen?

– Hör mal, Mädchen, – hielt er es endlich nicht mehr aus, – was stehst du hier schon ganze Stunde und trittst auf meiner Seele rum. Ich geb dir ein Bonbon und du verschwindest, a? Sag welches du willst?

– „Chupa-Chups“ – bat die Kleine, und ihre erfrorenen Lippen konnten kaum flüstern – und ein Päckchen Erdnüsse, wenn sie so gut sein wollen.

– Nimm, – der Verkäufer streckte ihr durch das Fenster die schlichte Leckerei zu, – und dann lass dich hier nicht mehr blicken.

– Danke, – sagte das Mädchen, beugte sein Goldköpfchen und knickste leicht, – und frohe Weihnachten für sie! Möge das neue Jahr ihnen und ihrer Familie Glück bringen!

Plötzlich hielt mit quietschenden Bremsen ein riesiger schwarzer Jeep neben dem Kiosk. Ein kräftiger, kurz geschorener Mann sprang heraus.

– Wo treibst du dich rum? – stürmte er auf das Mädchen ein. – Deine Mutter und ich haben ganz Sjusino umgegraben, nach dir gesucht. Was haste da für’n Dreck in der Hand? Wer hat dir denn das Giftzeug gegeben?

– Der Onkel, – das Mädchen zeigte auf den erschrockenen Verkäufer . – Aber schimpf nicht mit ihm, Papa, er hat es gut gemeint.

– Was, bist du völlig übergeschnappt?! – der Mann stürzte zum Fensterchen. – Du bist mir so ein Nikolaus. Wofür zahl’ ich dich überhaupt? Dass du meine Tochter mit diesem Mist fütterst? Und du, was denkst du überhaupt in deinem Oberstübchen? – wandte er sich dem Mädchen zu. – Morgen schick ich dich wieder nach Lausanne, und dann is’ Sense mit den Ferien. Was nu, wolltest das Kind wohl umbringen? Die bekommt nur aus dem „Siebten Kontinent“ zu essen, Naturprodukte. Morgen wirst du abgelöst, und dann will ich dich hier nicht mehr seh’n.

– Papa, ich bitte dich, – flehte das Mädchen, – verschone ihn. Er hat bestimmt auch Kinder. Vielleicht auch so ein kleines Mädchen wie mich. Und außerdem, hast du vergessen? Heute ist doch Christi Geburt, das schönste Fest auf Erden.

– Ach, so eine Fürsprache, – sagte der Mann schon etwas milder. – Christus, sagst du. Christus das war n’ korrekter Typ. Wollte, dass die Leute sich an Gebote halten. Damit hat’s ihn dann verrissen. Also du, – wandte er sich an den Verkäufer, – ich sach mal, sei nicht böse, Brudern. Die Nerven, siehste ja … Alles klar, kleines Problem gehabt und vorbei. Gib’ mal was zu rauchen. Schluss, wir fahren. Mach deinen Job, so wie immer, und nimm’s dir nicht zu Herzen. Wart’ mal, – er griff in die Tasche und zog die Brieftasche heraus,- da haste fuffzig Grüne, trink einen auf meine Gesundheit. Also frohe, na wie gleich… Du weißt schon.

Das mächtige Auto heulte auf, schleuderte los und war im nächsten Augenblick in der Nacht verschwunden. Und der Schnee fiel immer noch, fiel in weichen weißen Flocken.

3942.jpg© Igor Irtenjew 2003

© Übersetzung: Friedemann Kohler 2003/13

Advertisements

Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
Dieser Beitrag wurde unter Literatur, Russland abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s