Aus Kiew führt der Weg in viele Literaturen der Welt

Ist die ukrainische Hauptstadt der ideale Geburtsort für einen Schriftsteller? Hier kann er sich aussuchen, in welche Nationalliteratur er eingehen will.

Wer als Schriftsteller in Moskau geboren wird, wird russischer Schriftsteller. Die russische Sprache, die er hört, die Kultur, die ihn durchdringt, lassen kaum eine andere Wahl. (Gleiches gilt vermutlich für Rom, Paris oder London). In Kiew war und ist das anders. Aus der Hauptstadt der Ukraine führen die Wege in die unterschiedlichsten Richtungen und Literaturen. Über Jahrhunderte lag die Stadt am Rande (russ: u kraia) des Russischen Reiches. Hier mischten sich Völker, Sprachen und Kulturen, orthodoxe und westkirchliche Einflüsse.

Kiew reizt zur Literatur. „Im Frühling konnte man nicht anders, als sich in Gymnasiastinnen mit schweren Zöpfen zu verlieben und Gedichte zu schreiben“, erinnerte sich der russische Autor Konstantin Paustowski (1892-1968) an seine Kiewer Jugend vor dem Ersten Weltkrieg.

Macht die Vielfalt Kiew zum idealen Geburtsort für einen Schriftsteller? Oft genug litt die Grenzstadt unter Krieg und Verheerung. Die Wahl der Sprache, der Weg in die Fremde war für Kiewer Schriftsteller nicht immer freiwillig. Doch gerade in dieser Zeit ist es wichtig, an die literarische Vielstimmigkeit aus Kiew zu erinnern. Sie ist ein Beleg, warum Kiew nicht Moskau und die Ukraine nicht Russland ist.

RUSSISCH: Natürlich kann man in Kiew russischer Schriftsteller werden, in meiner Sicht ist Kiew hinter Moskau und St. Petersburg die dritte Hauptstadt der russischen Literatur. In den Klöstern von Kiew, der „Mutter der russischen Städte“, liegen die Anfänge des russischen Schrifttums.

IMG_0640Michail Bulgakow (1891-1940) ist wohl der bedeutendste russische Autor aus Kiew. Er schrieb über zwei Großstädte den jeweils gültigen Stadtroman: „Die Weiße Garde“ über seine Heimatstadt Kiew und „Der Meister und Margarita“ über Moskau. Auch Nikolai Leskow, Sergej Kuprin oder Konstantin Paustowski sind in Leben und Werk eng mit Kiew verbunden. Anna Achmatowa veröffentlichte als Gymnasiastin in Kiew ihre ersten Gedichte.

UKRAINISCH: Die ukrainische Literatur wurzelt bis heute eher im Westen des Landes. Doch der Nationalschriftsteller Taras Schewtschenko (1814-61) wurde in einem Dorf nahe Kiew geboren, er verbrachte einige Jahre in der Stadt und liegt 150 Kilometer südlich in Kaniw am Dnepr begraben. Von den wichtigen zeitgenössischen Autoren der Ukraine lebt Oksana Sabuschko („Feldstudien über ukrainischen Sex“, „Museum der vergessenen Geheimnisse“) in Kiew. Maria Matios („Darina, die Süße“) aus der Bukowina ist Parlamentsabgeordnete in der Hauptstadt.

IMG_0815JIDDISCH: Scholem Alejchem (1859-1916, „Tewje, der Milchmann“), einer der Begründer der jiddischen Literatur, wurde 90 Kilometer von Kiew entfernt in Perejaslaw geboren. Der „jüdische Mark Twain“ war humorvoller Chronist des jüdischen Lebens in Osteuropa. Alejchem lebte einige Jahre in Kiew, in denen er als Geschäftsmann scheiterte, aber literarisch erfolgreich war.

POLNISCH: In der polnischen Literatur ist Jarosław Iwaszkiewicz (1894-1980, „Das Birkenwäldchen“) besonders mit Kiew verbunden. Er machte dort zu Zarenzeiten 1912 Abitur, studierte Jura, veröffentlichte erste Gedichte und leitete ein polnisches Theater. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Iwaszkiewicz als Dichter und Diplomat in Polen, nach dem Zweiten Weltkrieg war er lange Präsident des polnischen Schriftstellerverbandes. Er schrieb neben seiner Muttersprache auch auf Russisch.

IMG_0793In Gegenrichtung von Krakau nach Kiew führte das Leben die kommunistische Schriftstellerin Wanda Wasilewska (1905-64), die mit dem ukrainischen Dramatiker und Funktionär Oleksandr Kornijtschuk verheiratet war. Der polnische Kinderarzt, Pädagoge und Schriftsteller Janusz Korczak (1887-1942), Schöpfer von „König Hänschen“, war im Ersten Weltkrieg in Kiew stationiert.

TSCHECHISCH: Ein großer Schelm der Weltliteratur, der brave Soldat Schwejk, verdankt der ukrainischen Hauptstadt seine Existenz. Erste Entwürfe des Romans entstanden, als sein Schöpfer Jaroslav Hašek (1883-1923) im Ersten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft in Kiew saß.001ENGLISCH: Für die Ukraine als Grenzland steht auch das ungewöhnliche Schicksal von Józef Korzeniowski, geboren 1857 im Städtchen Berdytschiw westlich von Kiew. Der Pole floh vor der Unterdrückung im Zarenreich, fuhr zur See. In der neuerlernten englischen Sprache erschrieb er sich Weltruhm unter dem neuen Namen Joseph Conrad (gest. 1924). „Lord Jim“, „Nostromo“ und „Das Herz der Finsternis“ sind Conrads Meisterwerke.

FRANZÖSISCH: Für Irène Némirovsky (1903-42) gibt es in Kiew leider noch keine Gedenktafel. Sie wurde in eine jüdische Bankiersfamilie geboren, deren Flucht vor der Oktoberrevolution in Frankreich endete. Dort wurde Némirovsky zur bekannten Autorin. Im Zweiten Weltkrieg schrieb sie aus einem Versteck ihr Hauptwerk „Suite Franςaise“, ein umfassendes Panorama der französischen Gesellschaft unter deutscher Besatzung. Némirovsky starb in Auschwitz.

DEUTSCH: Zwei Literaten aus Kiew haben ihr Werk der Vermittlung zwischen russischer und deutscher Kultur gewidmet. Der Germanist und sowjetische Dissident Lew Kopelew (1912-97) lebte die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens in Köln und forschte über die Bilder, die Deutsche und Russen von einander haben. Im Buch „Und schuf mir einen Götzen“ erzählte er von seiner dreisprachigen Jugend in Kiew mit Russisch, Ukrainisch und Deutsch.

In Kiew geboren und aus den Wirren des Zweiten Weltkriegs nach Freiburg gerettet wurde auch die Übersetzerin Swetlana Geier (1923-2010, mein Porträt). Sie war eine Russin, die in der perfekt erlernten, aber doch fremden Sprache Deutsch dem deutschen Leser den genauesten und frischesten Dostojewski schenkte.

Und der Kulturtransfer geht weiter. Katja Petrowskaja, die „West-östliche Diva“ im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, stammt aus Kiew. 2013 erhielt sie den Bachmann-Preis. In diesem Frühjahr erschien ihr erster Roman „Vielleicht Esther“: In der Familiengeschichte geht es um die Vernichtung der Kiewer Juden in Babi Jar. Auch die deutsche Piraten-Politikerin Marina Weisband, geboren in Kiew, hat eine künstlerische und essayistische Ader.

IMG_0798Wird es nach dem Übergriff des großen Bruders Russland auf die Ukraine noch russische Literatur aus Kiew geben? Es steht zu befürchten, dass eine Tradition zu Ende geht. Immerhin hat sich der polyglotte Petersburger Russe Andrej Kurkow („Picknick auf dem Eis“, „Die letzte Liebe des Präsidenten“) vor Jahrzehnten in Kiew niedergelassen. Er hat bewusst das liberale politische Klima in der Ukraine gewählt. Kurkow verbittet es sich als Russe, von Wladimir Putin gerettet zu werden. Doch auch wenn er auf Russisch schreibt, zielen seine Bücher weniger auf den russischen Leser. Seine Leser leben im Westen Europas.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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