Frostige Fontanka – ein Selbstversuch in St. Petersburg

Flüsse und Brücken prägen Russlands nördliche Hauptstadt. Jeder Stein, jeder Meter Ufer birgt Geschichte. Wer hier flaniert, kommt nur mit Mühe wieder in der Neuzeit an.

DSCN0049Natürlich kann man die Fontanka im Sommer gemütlich vom Boot aus erkunden. Aber diesmal habe ich mir einen winterlichen Fußmarsch vorgenommen, eine Entdeckungsreise entlang des Innenstadtkanals, der für Geschichte und Literatur von St. Petersburg am wichtigsten ist. Außerdem verläuft die Fontanka quer zum Newski-Prospekt, der Hauptachse der Stadt. Wie viele meiner Besuche haben sich entlang des Newski abgespielt! Man soll gelegentlich auch etwas quer zu alten Gewohnheiten unternehmen.

Morgens gegen zehn gehe ich am Pratschetschny Most, der buckeligen Wäschereibrücke, los. Hier trennt sich die Fontanka als linker Seitenarm von der Großen Newa. Das Wasser ist fast zugefroren, Enten holen sich auf dem Eis kalte Füße. Ich bin da, ich bin wach, aber hallo, wo ist der Tag? Dämmerlicht liegt über der Newa, es ist noch immer nicht ganz hell. Neun Grad Frost zeigt das Thermometer. Aber später soll es ja wärmer werden – minus acht Grad.

DSCN0055Unwillkürlich frage ich mich, ob es wirklich eine gute Idee Peters des Großen war, seine neue Hauptstadt 1703 so weit im Norden zu gründen? Aber bei mir bleibt der frevlerische Gedanke ungerächt. Mich verfolgt kein zorniger „Eherner Reiter“ wie in Alexander Puschkins Gedicht. Meine Fußspuren bleiben die einzigen im Neuschnee.

Zusammen mit der Peter-und Pauls-Festung jenseits der Newa ist dies der älteste Teil der Stadt. Auf meiner Seite der Fontanka erstreckten sich vor drei Jahrhunderten die ersten Schiffswerften. Am anderen Ufer liegt der Letny Sad, (Sommergarten) mit Peters erster Behausung, dem gemütlichen kleinen Sommerpalast. Mit Wasser aus der Fontanka wurden die Fontänen im Sommergarten gespeist, von daher hat sie ihren Namen.

In Geschichte einzutauchen, macht den Reiz von St. Petersburg aus. Aber kommt man in diesem lebenden Museum auch wieder in der Neuzeit an? Ich suche nach Modernem an diesem ersten Streckenabschnitt. In einem Gebäude hat im November 1917 die Allrussische Versammlung der Bauernräte getagt. Auch das ist bald hundert Jahre her.

DSCN0066Die Ufer der Fontanka sind in Granitmauern mit prächtig geschmiedetem Geländer gefasst, die schönen klassizistischen Gebäude am Kanal ruhen in sich selbst. Trotzdem muss ich frösteln, was nicht nur an der Kälte liegt. Auf der einen Seite steht das Ingenieursschloss, in dem sich der misstrauische, vielleicht sogar wahnsinnige Zar Paul I. (1754-1801) einigelte. Er wurde von Verschwörern ermordet.

Auf dem anderen Ufer residierte im 19. Jahrhundert die berüchtigte 3. Abteilung, das „zentrale Spionagekontor“ (Alexander Herzen), der Vorläufer aller russischen Geheimpolizeien und Zensurbehörden.

Die Bebauung wird höher, üppige Adelspaläste und großzügige Bürgerhäuser wechseln sich ab. Ich komme am Palais der Fürsten Scheremetjew vorbei. Bei einem Besuch 1992 wurde hier renoviert, und ich bin mit einer Restauratorin über offene Balken balanciert, weil der Parkettboden fehlte. Heute erinnert ein Museum an die alte Adelskultur.

DSCN0081Zugleich ist dies das berühmte Fontanny Dom, das „Haus an der Fontanka“ der russischen Literaturgeschichte. In einem Seitenflügel lebte die große Dichterin Anna Achmatowa (1889-1966), bedroht von Stalins Kulturschergen.

Dann sind die Pferde los. An jeder Ecke der Anitschkow-Brücke bäumt sich ein mächtiges Bronzepferd, von Bronzejungen nur mühsam gezügelt (Bildhauer: der Deutschbalte Peter Clodt von Jürgensburg, 1805-67). Hier kreuzt der Newski-Prospekt unter den Fensteraugen eines kardinalsroten Palastes. Der wiederum gehörte einem Geschlecht mit dem klangvollen Doppelnamen Beloselski-Beloserski (zu Deutsch etwa: Weißendorf-Weißensee).DSCN0089

Ich marschiere weiter, Paläste, Behördengebäude, Wohnhäuser. Das Problem bei dieser Kanalwanderung ist nicht die Kälte, die Stiefel halten warm. Es nagt eher die Frage, ob nicht, wenn ich auf der einen Seite laufe, auf dem anderen Ufer die interessanteren Dinge zu sehen sind? Doch den Gedanken gewöhne ich mir ab: Was immer ich sehe, nehme ich als das Interessantere!

Auch die Brücken, die Verbindungen zwischen den Ufern, sind für mich heute eher ein Hindernis. Wo Autoverkehr über die Brücken fließt, muss ich erst mühsam eine Querung für mich suchen. Ich warte an vielen Ampeln. Viel Verkehr gibt es nicht an diesem Tag kurz nach Neujahr, doch die wenigen Autos verwandeln den weißen Schnee in schwarze Matschfontänen.

DSCN0101Aus der Vogelperspektive beschreibt die Fontanka einen Halbkreis. Langsam, aber beständig verschiebt sich die Perspektive. Und auf einmal wird die ebenmäßige Silhouette historischer Gebäude tatsächlich durch vier hässliche Industrieschornsteine gestört. Ein Zeichen für Neuzeit? Beim Näherkommen gehören die Ziegelschornsteine zu einem Heizkraftwerk und stehen geschätzt auch schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts.

Aber da ist ja noch das Dschagannat, ein vegetarisches Restaurant mit Supermarkt. Das kann ich als Beleg dafür gelten lassen, dass gesellschaftliche Großtrends des 21. Jahrhunderts auch in St. Petersburg Fuß fassen!DSCN0103

Sozial ist die Fontanka nach Zarentum und Adel nun an ihrem bürgerlichen Abschnitt angelangt. Die „Universität der Verbindungswege“ bildet russische Eisenbahningenieure und andere Verkehrsspezialisten aus. Ich passiere die Rückseite einer chirurgischen Akademie.

DSCN0128Mütter und Väter laufen zum „Jugendtheater an der Fontanka“ – an der einen Hand das dick eingemummelte Kind, in der anderen Hand die Tüte mit den Wechselschuhen. Als Weihnachtsmärchen läuft „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen. (Moderner russischer Witz: „Gerda, Gerda, wo ist mein Herz aus Eis?“ „Das habe ich mir in den Whiskey getan.“) Auch an einem Regentheater komme ich vorbei. Was dort wohl gespielt wird?

Das Barockschloss des klassischen russischen Dichters Gawril Derschawin (1743-1816) lag vor 200 Jahren außerhalb der Stadt. Nun ist der Schlossgarten eine stille Oase mitten in St. Petersburg. Die optischen Kontraste werden härter. Hinter den eleganten Sphinxen der Ägyptischen Brücke erhebt sich der abstoßende Betonklotz des Hotels „Asimut“ aus Sowjetzeiten.DSCN0137

Die Sonne schafft es gegen halb zwölf über den Horizont. Willkommen, Schlafmütze, bist du auch schon da!

Irgendwann denke ich beim Gehen: Eigentlich ist St. Petersburg eine ganz normale nordische Stadt! In Turku (Åbo) in Finnland läuft doch der Fluss Aurojoki genauso wie die Fontanka Richtung Hafen und Ostsee. Und tatsächlich tauchen hinter der nächsten Biegung die Kräne der Admiralitätswerft auf, des größten Schiffsbaubetriebes in St. Petersburg. Aber natürlich findet sich auch auf diesen letzten Metern noch ein Haus, in dem Puschkin einmal gewohnt hat.DSCN0144

Für mich endet der Weg bei Hausnummer 172 der Fontanka-Uferstraße, ab hier ist Werftgelände. Die Fontanka selbst muss nur noch unter einer Brücke hindurchfließen, um wieder die Große Newa und die Ostsee zu erreichen. Fast sieben Kilometer haben wir einander begleitet.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: efkohler(at)hotmail.com
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Eine Antwort zu Frostige Fontanka – ein Selbstversuch in St. Petersburg

  1. J. Haag schreibt:

    St. Petersburg – ein Reiseziel auf meiner Wunschliste. Danke für die Einblicke.

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