Humorvolle Erzählungen aus Russland: Anweisungen eines Arztes

Ich veröffentliche diese bitter-komische Geschichte aus einem traurigen Anlass. Ihr Verfasser Michail Sadornow ist am 10. November 2017 mit 69 Jahren in Moskau gestorben. Der Satiriker war seit Sowjetzeiten bei Millionen Zuhörern und Lesern beliebt, nahm ihren schwierigen Alltag auf die Schippe. In den letzten Jahren legte er sich leider darauf fest, die Schuld an allen Widrigkeiten im Westen zu suchen.

800px-Mikhail_Nikolayevich_ZadornovDie Erzählung stammt aus dem Umbruchsjahrzehnt, das die Russen heute „die wilden 90-er“ nennen:

Von Michail Sadornow

Geehrte Diebe!

Diese Notiz lege ich gut sichtbar in den Flur. Ich verreise.

Wenn Sie beschließen, in meine Wohnung einzudringen, während ich fort bin, bitte ich sehr: Benehmen Sie sich anständig! Beim Nachbarn sah die Wohnung fürchterlich aus, nachdem man ihn ausgeraubt hatte: Es war eine derartige  Unordnung! Nicht gut. Dabei heißt es, dass die Intelligenz unter die Diebe gegangen sei. Enttäuschen Sie mich nicht!  Und bitte, treten Sie sich die Schuhe ab, wie es sich gehört!

Große Bitte! Der Läufer im Korridor ist nur schwer auszuwaschen. Der Laden hat mich betrogen. Es hieß, der Läufer sei aus einem modernen Material, das Dreck abstößt. Es zeigt sich, dass an dem Stoff nicht nur alles hängenbleibt. Er riecht beim Waschen auch faul nach Synthetik. Offenbar setzt die Verbindung eines spanischen Läufers mit unserem Wasser irgendeine chemische Reaktion in Gang. Deshalb rate ich Ihnen, den Läufer nicht zu nehmen: Sie leben nicht in Spanien. Hier haben Sie nichts davon außer Kopfschmerzen.

Also, nachdem Sie sich die Schuhe abgetreten haben, bitte ich höflich in das linke Zimmer. Im rechten, Ehrenwort, gibt es nichts für Sie zu holen.

Die Möbel? Sind Schrott! Nur Furnier, Sägespäne… Fallen ihnen schon vor dem Lift auseinander. Das wieder zusammenzubauen wünsche ich nicht einmal Spezialisten, wie Sie es sind. Ich habe damals zwei Monate gebraucht, als sie neu waren. Haben Sie Lust, so lange vor unserem Lift festzuhängen?

Dafür habe ich im linken Zimmer einen Videorecorder. Den habe ich gebraucht gekauft –  kein Geld für einen neuen. Ich bin nämlich Arzt. Nebenverdienste sind selten, Schmiergeld gibt es immer häufiger in Form von Pralinen, also musste ich den Videorecorder von einem Freund kaufen, abgenutzt. Ich sollte sagen, dass ich ihn einige Male selbst behandelt habe. Wenn man ihn einschaltet, fällt im linken Flügel unseres Hauses das Licht aus. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee auszuprobieren, ob er funktioniert oder nicht – nehmen Sie ihn ausgeschaltet mit! Doch bevor Sie ihn mitnehmen, würde ich an Ihrer Stelle schwer überlegen. Er hat auch schon vor der „Behandlung“ die Kassette meterweit ausgespuckt. Meine Frau lag deswegen einmal mit Gehirnerschütterung nieder. Brauchen Sie das wirklich?

Übrigens… Während Sie überlegen, ob es einen Kühlschrank gibt, können Sie hören, dass hinter Ihnen etwas durch das Zimmer läuft. Erschrecken Sie nicht! Das ist der Kühlschrank. Er ist im Alter toll geworden, nehmen Sie es ihm nicht übel – die Wechseljahre: Plötzlich schüttelt er sich, springt und heult los. Für einen neuen Kühlschrank habe ich leider noch nicht genug gespart. Und dieser – ich streichele ihn, rede ihm gut zu, dann beruhigt er sich. Sie würden nicht mit ihm zurechtkommen – er läuft Ihnen einfach weg.

Ich verstehe, dass man in unseren Zeiten sogar ein Auge auf den Gasherd wirft. Aber ich warne Sie: Auch mit meinem Gasherd muss man umgehen können, er braucht besonders viel Feingefühl, sonst erstickt er einen. Wenn ich zu Hause wäre, würde ich genau erklären, wie man sich ihm nähert, was man tut, wie man ihn anspricht. Aber leider bin ich verreist, deshalb rate ich allen, die Finger von ihm zu lassen.

Was noch? Der Plattenspieler. Ich schätze ihn, auch wenn er viel älter ist als der Kühlschrank. Wenn man eine Platte auflegt, hört es sich an, als würde sie auf einer Nähmaschine abgespielt. Aber ich werfe ihn nicht hinaus. Solange sich der Plattenteller dreht, kann ich meine Skalpelle daran schärfen.

Der Teppich ist auf den ersten Blick ganz ordentlich. Aber ich muss Sie zur Vorsicht mahnen: Er wird nicht täglich, sondern stündlich kahler. Sie werden ihn ja nicht wie meine Frau dreimal täglich mit einem Anti-Glatzen-Mittel behandeln und ihn massieren.

Die Lampe ist wirklich schön, tschechisch. Es ist aber gefährlich, sie anzufassen. Die Decken sind altersschwach und könnten über Ihnen zusammenbrechen mitsamt der Lampe. Deshalb habe ich auf ihr schon zehn Jahre keinen Staub mehr gewischt.

Gehen Sie überhaupt vorsichtig durch die Wohnung! Das Haus ist auf Sand gebaut.

Ich verstehe, dass meine Wertsachen sie interessieren, die Steine… Steine habe ich zwei, beide in der Niere. Leider nehme ich sie mit.

Was gibt es noch an Wertsachen? Drei Bernsteinsplitter, die ich im Baltikum selbst gefunden habe. Eine Muschel mit Meeresrauschen, die mir mein einziger geheilter Patient geschenkt hat. Und das wertvollste Stück – die Postkarte auf dem Regal mit dem Foto meines besten Freundes, der in Amerika lebt. Er ist ebenfalls Arzt. Wir haben zusammen studiert. Das Foto zeigt ihn vor seiner eigenen Klinik in Oklahoma. Auf der Rückseite (überzeugen Sie sich selbst) die Widmung: „Meinem talentierten Freund, der mir stets ein Vorbild war im Studium.“ Wissen Sie, er hat Glück gehabt, seine Nationalität war in Amerika gefragt, im Gegensatz zu meiner.

Aber denken Sie nicht schlecht von mir! Ich verstehe schon: Bald gehe ich in Rente, und nicht einmal für Diebe gibt es bei mir etwas zu holen. Auch mein Erbe würde ihnen wohl nichts bringen. Das einzig Teure, das ich von meiner Mutter geerbt habe, ist Prinzipientreue und ein Gespür für Gastfreundschaft.

Meinen Sohn würde ich Ihnen bereitwillig geben. Er macht mir so viel Kopfzerbrechen, das braucht heutzutage kein Mensch.

Meine Frau? Sie ist in diesem Leben völlig hilflos, sie kann nicht einmal am Telefon lügen. Wenn ich sage: „Sag‘, dass ich nicht zu Hause bin!“, antwortet sie: „Er lässt Ihnen ausrichten, dass er nicht zu Hause ist.“

Mein Wissen nützt jetzt nicht einmal mir selbst etwas. Ach Gottchen, Sie hätten mehr davon, einen Zeitungskiosk auszurauben!

Das einzige, womit ich Sie erfreuen kann, ist ein Fläschchen Cognac in der Bar.  Armenischer, aber – um die Wahrheit zu sagen – nur drei Sterne. Doch er steht schon sieben Jahre, deshalb kann man sagen, dass er zehn Sterne hat.

Dort in der Bar gibt es auch viele Pralinenschachteln. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, davon zu essen – bei allen ist die Haltbarkeit abgelaufen. Mit solchen Schachteln bezahlen die Patienten die Ärzte für die Behandlung. Sie verstehen: Wie die Behandlung, so die Bezahlung. Die Schachteln können Sie alle mitnehmen. Verschenken Sie sie an jemanden! Zum Beispiel an die Kripo…

Nun, das wäre alles. Mit mehr kann ich nicht dienen. Ich umarme Sie. Und bitte sehr darum, dass Sie beim Rausgehen das Licht ausschalten. Der Strompreis steigt  schneller als mein Gehalt.

Legen Sie diese Notiz wieder an ihren Ort für den Fall, dass noch jemand auf die unsinnige Idee kommt, meine Wohnung auszurauben.

@Michail Sadornow

@ Übersetzung: Friedemann Kohler

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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