Das Haus der unfrohen Dichter

Den „Wolkenkratzer der Schriftsteller“ kann man bis heute in St. Petersburg besuchen. Hier lebten lauter Literaten Tür an Tür. Eine ungewöhnliche, kreative WG – bis Stalins Großer Terror zuschlug.

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Standen damals auch Topfpflanzen auf dem Treppenabsatz? Hier zwischen der vierten und fünften Etage saß der Schriftsteller Michail Soschtschenko 1946 nächtelang und fürchtete, verhaftet zu werden.

Der Satiriker hat die ganze Sowjetunion zum Lachen gebracht, nun gilt er als Feind.

Die Partei hat ihn als vulgär, als Abschaum beschimpft, seine Autobiografie „Vor Sonnenaufgang“ verurteilt. Der ideologische Scharfmacher Andrej Schdanow ist über Soschtschenko und die Dichterin Anna Achmatowa hergefallen, der Schriftstellerverband hat ihn ausgeschlossen.

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Das kommt in den Jahren unter dem Diktator Josef Stalin einem Todesurteil gleich. Soschtschenko hat in dem „Wolkenkratzer der Schriftsteller“ am Gribojedow-Kanal in Leningrad zu viel erlebt. Freunde, Kollegen, Nachbarn sind verschwunden, sind verhaftet und ermordet worden.

Ihn sollen die Häscher nicht in seiner Wohnung finden. Bange Blicke nach unten: Fährt eine „schwarze Marusja“ in den Hof, das berüchtigte Auto der Verhaftungskommandos? Kommen schwere Schritte die Treppe hinauf?

Soschtschenkos Wohnung im Haus Malaja Konjuschennaja 4/2 in St. Petersburg ist heute ein Museum für ihn und seine Kollegen –  eins jener liebevoll gepflegten russischen Schriftstellermuseen, getragen von großer Verehrung für die Künstler des Wortes. Und zugleich gefangen in ihren sowjetischen Sichtweisen.

Soschtschenkos Arbeits- und Schlafzimmer ist genau rekonstruiert. Auf dem Schreibtisch die schwere Schreibmaschine. Auf dem Bett liegen drei abgewetzte Schlipse, der Gehstock lehnt an der Bettkante, davor auf dem Parkett die Schuhe. Der Raum wirkt bedrückend, und tatsächlich sagt die junge Museumsführerin, der große Humorist („Schlaf schneller, Genosse!“) sei persönlich ein eher unfroher Mensch gewesen.

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In dem dreigeschossigen Wohnhaus lebten vor der Revolution Musiker des Hoforchesters. Dann ließ der Leningrader Schriftstellerverband für seine Mitglieder zwei Stockwerke draufsetzen, so wurde das Haus zum Wolkenkratzer.

1934 bezieht das literarische Völkchen seine Wohnungen: Romanciers, Poeten, Dramatiker, Übersetzer. Lästermäuler und Freunde scharfer Epigramme. Aber auch Olga Frosch (Whg. 125), Funktionärin und Verfasserin betulicher Revolutionsromane. (Daniil Charms, kein Mitbewohner, aber häufiger Besucher, malt sich aus, wie Konstantin Fedin ihr „mit dem Spaten eins aufs Maul gibt“.)

Die literarischen Avantgarde-Gruppen Oberiu und Serapions-Brüder finden hier eine Heimstatt. Die Zensur wird schlimmer, deshalb retten sich viele Autoren mit ihren Witz in die weniger verdächtigen Kinder- und Jugendzeitschriften.

DSCN0276Das Leben im Wolkenkratzer ist privilegiert. Der  Märchenautor Jewgeni Schwarz (Whg. 79) schreibt später, dass es sogar kostenlosen Sprachunterricht gab. Ihm bringt morgens eine erschöpfte, aber fröhliche Blondine Deutsch bei, eine kleine schüchterne Brünette voller Sommersprossen unterrichtet Englisch.

Doch Stalins „Großer Terror“ ab 1937 trifft auch die Schriftsteller-WG.

Whg. 46: Der Poet Nikolai Olejnikow, Redakteur der Kinderzeitschrift „Josch“, wird 1937 verhaftet und erschossen.

Das Schicksal des Dichters Boris Kornilow (Whg. 123): 1936 Ausschluss aus dem Verband, 1937 Verhaftung, 1938 Tod.

Der Dichter und Essayist Valentin Stenitsch (Whg. 126): 1937 verhaftet und als Terrorist angeklagt, im Jahr darauf erschossen.

Nikolai Sabolozki (Whg. 45) ist einer der großen Namen der russischen Lyrik im 20. Jahrhundert. Er überlebt Folter und die Lagerhaft von 1938-53.

Der Dichter Alexander Wwedenski wird 1941 beim Vormarsch der Deutschen präventiv verhaftet und kommt auf dem Gefangenentransport um.

DSCN0242Russland ist in den sowjetischen Jahrzehnten brutal verschwenderisch umgegangen mit seinen literarischen Talenten. Das wird im Museum offen und mit Empathie und Trauer dargestellt. Nur manchmal ist der Zungenschlag merkwürdig. „Nach der Ermordung von Sergej Kirow (Parteichef in Leningrad) wurde energisch gearbeitet, um die Stadt von ‚feindlichen Elementen‘ zu säubern“, heißt es über das Vorgehen gegen Kornilow.

Was für „energische Arbeit“, was für „Säuberungen“? Die Sprache nimmt weiter die Sichtweise der Täter ein, nicht die der Opfer.

Der Kinderbuchautor und altgediente Revolutionär Boris Schitkow (Whg. 127) starb 1938 eines natürlichen Todes. Doch das Museum kennt ihn ausschließlich als beliebten Schriftsteller für Kinder. Kein Wort davon, dass schon vor über zwanzig Jahren sein lange verschollenes Meisterwerk  „Wiktor Wawitsch“ wiederentdeckt wurde – eine eindringliche Studie über Revolution, Jugend und Erotik.

Michail Sotschenko (Whg. 119) ist in jenen bangen Nächten zwischen Etage vier und fünf nicht verhaftet worden. Nach Stalins Tod 1953 wurde er neu in den Schriftstellerverband aufgenommen. „Ich habe viele Fehler und Verstöße begangen in 32 Jahren schriftstellerischer Arbeit, aber ich bin niemals ein anti-sowjetischer Schriftsteller gewesen“, schrieb er. Doch die Jahre der Verfolgung hatten ihn gezeichnet, er starb 1958.

Museum M.M. Soschtschenko, Malaja Konjuschennaja ul. 4/2, Whg. 119, St. Petersburg 197186, Russland, +7 (812) 571-78-19, geöffnet Dienstag, Donnerstag bis Sonntag  10.30 – 18.30, Mittwoch 12.00 – 20.00. Letzten Freitag im Monat geschlossen.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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