Die Moika – ein Selbstversuch in sengender Sonne

Über vierzehn Brücken musst Du geh’n – die Moika ist der kürzeste und grünste der Kanäle mitten in St. Petersburg. Doch sind die abgründigen Geschichten an ihren Ufern wahr  – oder eine Einbildung in der Hitze?

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Der Anfang ist unspektakulär. Mitten in St. Petersburg wird am Sommerpalast Peters des Großen aus der Newa die Fontanka abgeleitet  – und daraus zweihundert Meter weiter die Moika. Sie fließt unter der 1. Ingenieursbrücke hindurch, benannt nach dem benachbarten Ingenieurs- oder Michailowski-Schloss.

Auf dieser Brücke beginne ich meine Flusswanderung. 15 Brücken sollen es werden, bis die Moika wieder in die Newa fließt und damit fast die offene Ostsee erreicht.

Es sind vier Kanäle, die als Halbkreise das historische Stadtzentrum von St. Petersburg. umschließen. Die Moika ist der innerste und kürzeste von ihnen, nie ist die Newa weiter als ein paar hundert Meter entfernt. In den ersten Jahrzehnten nach der Stadtgründung von 1703 verlief hier die Stadtgrenze.

Die Moika ist deshalb älter als Gribojedow-Kanal, Fontanka und Obwodny Kanal. Ihre Uferstraßen sind flacher bebaut und grüner als die der anderen Kanäle. Die Moika hat sich am meisten von den Anfangsjahren der Stadt bewahrt.

Und die Überraschung: Mitten in den dichten Touristenströmen in St. Petersburg bin ich am Kanal ziemlich allein unterwegs.

Allerdings habe ich mir fürs Erkunden einen sehr heißen Tag ausgesucht. So sonnig und trocken ist es in Russlands nördlicher Hauptstadt eher selten! Hier heißt es sonst: Wie war der Sommer? – Nicht schlecht, aber ich habe an dem Tag arbeiten müssen.

IMG_5312Am grünen Ufer des  Michailowski-Parks gehen die Arbeiter in der Hitze geruhsam zu Werke beim Ausbaggern der Moika. Langsam bugsiert ein kleiner Schlepper eine mit Schlamm gefüllte Schute von dem Schwimmbagger weg. Ohne große Eile wird die nächste Schute leer an dem Bagger vertäut.

Grün ist es auch auf der anderen Seite auf dem Marsfeld. Wo früher der Zar die Parade seiner Truppen abnahm, kann man jetzt auf dem Rasen sitzen, lesen oder Frisbee spielen. Der Tipp für Besucher der Fußball-Weltmeisterschaft: Auf dem Marsfeld kann man sich wenige Meter von der offiziellen Fanzone entfernt auch mal eine Runde aufs Ohr legen!

Die Bebauung der zwei Uferstraßen beginnt – linkerhand der alte kaiserliche Marstall, rechts der „Runde Markt“. Die staatliche Reederei Sowkomflot zeigt in Schaufernstern Modelle ihrer künftigen Schiffe. Die Adressen hier in Nähe des Zarenpalasts sind vornehm: das niederländische Generalkonsulat, das japanische, auch das Goethe-Institut liegt an der Moika.

Nur der Name Moika ist nicht vornehm. Er klingt nach dem russischen Wort für Waschen, hat also mit Abwasser zu tun? Nein, sagt die Petersburger Enzyklopädie: Der Name des Flüsschens komme aus der Sprache der Ischoren. Das war der finnougrische Volkstamm, der vor Peter hier lebte.

Und auf Ischorisch bedeutet „Muja“ – na was? Dreckig! Auch nicht besser!

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Vielleicht unternimmt die Moika deshalb noch kurz vor dem Winterpalast einen Fluchtversuch Richtung Newa. Der kurze Stichkanal ist eine Hauptattraktion für die vielen Touristenboote.

Auf der Sängerbrücke wird der Blick auf einmal frei auf den Schlossplatz und den Winterpalast. Das Generalstabsgebäude läuft in einem derart spitzen Winkel auf den Betrachter zu, dass man das Gefühl hat, vor einer Pappkulisse zu stehen.

IMG_5345Nur an der Moika sind die Brücken nach Farben benannt. Als erstes kommt die Grüne Brücke. Hier quert der Newski-Prospekt, die von Autos und Fußgängern ständig überfüllte Lebensader von St. Petersburg.

Im heutigen Literaturcafé an der Brücke gab es vor 200 Jahren die Konditorei Wolff und Beranget. An der Wand eine traurige Inschrift: „Am 27. Januar 1837 brachen von hier aus A.S. Puschkin und sein Sekundant K.K. Dansas auf zum Duell an der Tschornaja Retschka.“ Das Duell endete für den russischen Nationaldichter tödlich.

An der Roten Brücke steht ein großes Kaufhaus im Jugendstil mit einer grandiosen Turmspitze. Von der Blauen Brücke, die so breit ist, dass man sie kaum als solche wahrnimmt, geht der Blick auf die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale.

IMG_5360Nächste Anlaufstation: Das Jussupow-Palais. Natürlich kann man hierherkommen und sich für Operettenvorführungen wie „Die Zirkusprinzessin“ interessieren. Doch eigentlich ist der Adelspalast für ein finsteres Kapitel russischer Geschichte bekannt: Hier versuchten Verschwörer im Januar 1917 den Mönch Grigori Rasputin zu ermorden, der einen unheilvollen Einfluss auf die Zarenfamilie ausübte. Den nur halbtoten Wunderheiler warf man in die eisige Moika, wo er ertrank.

Ich schaue über das Ufergeländer hinab ins Wasser: Keine Spur mehr! Braun und unergründlich liegt die Moika da, ihre Wellen schwappen leise.

Stadtgründer Peter der Große hat das Schiffbauerhandwerk in Holland gelernt. Deshalb erfüllte er sich auf einer kleinen dreieckigen Insel an der Moika seinen Traum vom fernen Lieblingsland und richtete das Werftgelände Neu-Holland ein.

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Lange lagen die Gebäude dort brach. Doch seit letztem Jahr ist Neu-Holland wieder offen und spielt für St. Petersburg dieselbe Rolle wie der sanierte Gorki-Park in Moskau – als Refugium der örtlichen Hipster.

Auf einem großen Holzschiff toben Dutzende Kinder herum, während die Eltern im Schatten einer langen überdachten Bank sitzen. In Neu-Holland gibt es Konzerte, Lesungen, Theater. In das kreisrunde ehemalige Marinegefängnis, genannt “Die Flasche“, sind Restaurants und schicke Designerläden eingezogen. Sogar einen Comicladen gibt es.

Ein reicher Adelspalast, aber abgesperrt, mit Kameras überwacht, Fotografieren und Filmen verboten? Das ist das Palais des Großfürsten Alexander Alexandrowitsch, heute das St. Petersburger Haus der Musik.

Moment mal, wird das nicht von Sergej Roldugin geleitet? Doch. Ist das nicht berühmte Cellist und Freund von Wladimir Putin? Genau.

Und haben die Panama Papers nicht über Roldugin geschrieben, dass er Milliarden…? Das hat der Kreml alles dementiert. Sehr heiß heute! Schau mal, wie unergründlich die Moika gerade schimmert!

14 Brücken sind geschafft, fast 4,7 Kilometer Strecke durch das Herz von St. Petersburg. Doch wie bei der Fontanka sperrt der Zaun der Admiralitäts-Werften auch hier für mich die letzten Meter ab. Unter der unerreichbaren Schiff-Brücke (Korabelny Most) hindurch fließt die die Moika in die Große Newa. Auf der anderen Seite ist die Silhouette eines neuen russischen Atomeisbrechers zu erkennen.

Ich kehre um. Vielleicht soll das so sein: Es bleibt immer noch eine Brücke zu gehen.

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Über friedemannkohler

Journalist in Moskau, interessiert an ganz Mittel- und Osteuropa. Kontakt: kohler.friedemann(at)outlook.com
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