Land ohne Frieden

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Osten der Ukraine, 27. Januar bis 4. Februar 2016 Aufnahmen aus Switlodarsk – Awdijiwka – Opytne – Pisky – Donezk Copyright: Friedemann Kohler Advertisements

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Frostige Fontanka – ein Selbstversuch in St. Petersburg

Flüsse und Brücken prägen Russlands nördliche Hauptstadt. Jeder Stein, jeder Meter Ufer birgt Geschichte. Wer hier flaniert, kommt nur mit Mühe wieder in der Neuzeit an.

DSCN0049Natürlich kann man die Fontanka im Sommer gemütlich vom Boot aus erkunden. Aber diesmal habe ich mir einen winterlichen Fußmarsch vorgenommen, eine Entdeckungsreise entlang des Innenstadtkanals, der für Geschichte und Literatur von St. Petersburg am wichtigsten ist. Außerdem verläuft die Fontanka quer zum Newski-Prospekt, der Hauptachse der Stadt. Wie viele meiner Besuche haben sich entlang des Newski abgespielt! Man soll gelegentlich auch etwas quer zu alten Gewohnheiten unternehmen.

Morgens gegen zehn gehe ich am Pratschetschny Most, der buckeligen Wäschereibrücke, los. Hier trennt sich die Fontanka als linker Seitenarm von der Großen Newa. Das Wasser ist fast zugefroren, Enten holen sich auf dem Eis kalte Füße. Ich bin da, ich bin wach, aber hallo, wo ist der Tag? Dämmerlicht liegt über der Newa, es ist noch immer nicht ganz hell. Neun Grad Frost zeigt das Thermometer. Aber später soll es ja wärmer werden – minus acht Grad.

DSCN0055Unwillkürlich frage ich mich, ob es wirklich eine gute Idee Peters des Großen war, seine neue Hauptstadt 1703 so weit im Norden zu gründen? Aber bei mir bleibt der frevlerische Gedanke ungerächt. Mich verfolgt kein zorniger „Eherner Reiter“ wie in Alexander Puschkins Gedicht. Meine Fußspuren bleiben die einzigen im Neuschnee.

Zusammen mit der Peter-und Pauls-Festung jenseits der Newa ist dies der älteste Teil der Stadt. Auf meiner Seite der Fontanka erstreckten sich vor drei Jahrhunderten die ersten Schiffswerften. Am anderen Ufer liegt der Letny Sad, (Sommergarten) mit Peters erster Behausung, dem gemütlichen kleinen Sommerpalast. Mit Wasser aus der Fontanka wurden die Fontänen im Sommergarten gespeist, von daher hat sie ihren Namen.

In Geschichte einzutauchen, macht den Reiz von St. Petersburg aus. Aber kommt man in diesem lebenden Museum auch wieder in der Neuzeit an? Ich suche nach Modernem an diesem ersten Streckenabschnitt. In einem Gebäude hat im November 1917 die Allrussische Versammlung der Bauernräte getagt. Auch das ist bald hundert Jahre her.

DSCN0066Die Ufer der Fontanka sind in Granitmauern mit prächtig geschmiedetem Geländer gefasst, die schönen klassizistischen Gebäude am Kanal ruhen in sich selbst. Trotzdem muss ich frösteln, was nicht nur an der Kälte liegt. Auf der einen Seite steht das Ingenieursschloss, in dem sich der misstrauische, vielleicht sogar wahnsinnige Zar Paul I. (1754-1801) einigelte. Er wurde von Verschwörern ermordet.

Auf dem anderen Ufer residierte im 19. Jahrhundert die berüchtigte 3. Abteilung, das „zentrale Spionagekontor“ (Alexander Herzen), der Vorläufer aller russischen Geheimpolizeien und Zensurbehörden.

Die Bebauung wird höher, üppige Adelspaläste und großzügige Bürgerhäuser wechseln sich ab. Ich komme am Palais der Fürsten Scheremetjew vorbei. Bei einem Besuch 1992 wurde hier renoviert, und ich bin mit einer Restauratorin über offene Balken balanciert, weil der Parkettboden fehlte. Heute erinnert ein Museum an die alte Adelskultur.

DSCN0081Zugleich ist dies das berühmte Fontanny Dom, das „Haus an der Fontanka“ der russischen Literaturgeschichte. In einem Seitenflügel lebte die große Dichterin Anna Achmatowa (1889-1966), bedroht von Stalins Kulturschergen.

Dann sind die Pferde los. An jeder Ecke der Anitschkow-Brücke bäumt sich ein mächtiges Bronzepferd, von Bronzejungen nur mühsam gezügelt (Bildhauer: der Deutschbalte Peter Clodt von Jürgensburg, 1805-67). Hier kreuzt der Newski-Prospekt unter den Fensteraugen eines kardinalsroten Palastes. Der wiederum gehörte einem Geschlecht mit dem klangvollen Doppelnamen Beloselski-Beloserski (zu Deutsch etwa: Weißendorf-Weißensee).DSCN0089

Ich marschiere weiter, Paläste, Behördengebäude, Wohnhäuser. Das Problem bei dieser Kanalwanderung ist nicht die Kälte, die Stiefel halten warm. Es nagt eher die Frage, ob nicht, wenn ich auf der einen Seite laufe, auf dem anderen Ufer die interessanteren Dinge zu sehen sind? Doch den Gedanken gewöhne ich mir ab: Was immer ich sehe, nehme ich als das Interessantere!

Auch die Brücken, die Verbindungen zwischen den Ufern, sind für mich heute eher ein Hindernis. Wo Autoverkehr über die Brücken fließt, muss ich erst mühsam eine Querung für mich suchen. Ich warte an vielen Ampeln. Viel Verkehr gibt es nicht an diesem Tag kurz nach Neujahr, doch die wenigen Autos verwandeln den weißen Schnee in schwarze Matschfontänen.

DSCN0101Aus der Vogelperspektive beschreibt die Fontanka einen Halbkreis. Langsam, aber beständig verschiebt sich die Perspektive. Und auf einmal wird die ebenmäßige Silhouette historischer Gebäude tatsächlich durch vier hässliche Industrieschornsteine gestört. Ein Zeichen für Neuzeit? Beim Näherkommen gehören die Ziegelschornsteine zu einem Heizkraftwerk und stehen geschätzt auch schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts.

Aber da ist ja noch das Dschagannat, ein vegetarisches Restaurant mit Supermarkt. Das kann ich als Beleg dafür gelten lassen, dass gesellschaftliche Großtrends des 21. Jahrhunderts auch in St. Petersburg Fuß fassen!DSCN0103

Sozial ist die Fontanka nach Zarentum und Adel nun an ihrem bürgerlichen Abschnitt angelangt. Die „Universität der Verbindungswege“ bildet russische Eisenbahningenieure und andere Verkehrsspezialisten aus. Ich passiere die Rückseite einer chirurgischen Akademie.

DSCN0128Mütter und Väter laufen zum „Jugendtheater an der Fontanka“ – an der einen Hand das dick eingemummelte Kind, in der anderen Hand die Tüte mit den Wechselschuhen. Als Weihnachtsmärchen läuft „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen. (Moderner russischer Witz: „Gerda, Gerda, wo ist mein Herz aus Eis?“ „Das habe ich mir in den Whiskey getan.“) Auch an einem Regentheater komme ich vorbei. Was dort wohl gespielt wird?

Das Barockschloss des klassischen russischen Dichters Gawril Derschawin (1743-1816) lag vor 200 Jahren außerhalb der Stadt. Nun ist der Schlossgarten eine stille Oase mitten in St. Petersburg. Die optischen Kontraste werden härter. Hinter den eleganten Sphinxen der Ägyptischen Brücke erhebt sich der abstoßende Betonklotz des Hotels „Asimut“ aus Sowjetzeiten.DSCN0137

Die Sonne schafft es gegen halb zwölf über den Horizont. Willkommen, Schlafmütze, bist du auch schon da!

Irgendwann denke ich beim Gehen: Eigentlich ist St. Petersburg eine ganz normale nordische Stadt! In Turku (Åbo) in Finnland läuft doch der Fluss Aurojoki genauso wie die Fontanka Richtung Hafen und Ostsee. Und tatsächlich tauchen hinter der nächsten Biegung die Kräne der Admiralitätswerft auf, des größten Schiffsbaubetriebes in St. Petersburg. Aber natürlich findet sich auch auf diesen letzten Metern noch ein Haus, in dem Puschkin einmal gewohnt hat.DSCN0144

Für mich endet der Weg bei Hausnummer 172 der Fontanka-Uferstraße, ab hier ist Werftgelände. Die Fontanka selbst muss nur noch unter einer Brücke hindurchfließen, um wieder die Große Newa und die Ostsee zu erreichen. Fast sieben Kilometer haben wir einander begleitet.

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Aus Kiew führt der Weg in viele Literaturen der Welt

Ist die ukrainische Hauptstadt der ideale Geburtsort für einen Schriftsteller? Hier kann er sich aussuchen, in welche Nationalliteratur er eingehen will.

Wer als Schriftsteller in Moskau geboren wird, wird russischer Schriftsteller. Die russische Sprache, die er hört, die Kultur, die ihn durchdringt, lassen kaum eine andere Wahl. (Gleiches gilt vermutlich für Rom, Paris oder London). In Kiew war und ist das anders. Aus der Hauptstadt der Ukraine führen die Wege in die unterschiedlichsten Richtungen und Literaturen. Über Jahrhunderte lag die Stadt am Rande (russ: u kraia) des Russischen Reiches. Hier mischten sich Völker, Sprachen und Kulturen, orthodoxe und westkirchliche Einflüsse.

Kiew reizt zur Literatur. „Im Frühling konnte man nicht anders, als sich in Gymnasiastinnen mit schweren Zöpfen zu verlieben und Gedichte zu schreiben“, erinnerte sich der russische Autor Konstantin Paustowski (1892-1968) an seine Kiewer Jugend vor dem Ersten Weltkrieg.

Macht die Vielfalt Kiew zum idealen Geburtsort für einen Schriftsteller? Oft genug litt die Grenzstadt unter Krieg und Verheerung. Die Wahl der Sprache, der Weg in die Fremde war für Kiewer Schriftsteller nicht immer freiwillig. Doch gerade in dieser Zeit ist es wichtig, an die literarische Vielstimmigkeit aus Kiew zu erinnern. Sie ist ein Beleg, warum Kiew nicht Moskau und die Ukraine nicht Russland ist.

RUSSISCH: Natürlich kann man in Kiew russischer Schriftsteller werden, in meiner Sicht ist Kiew hinter Moskau und St. Petersburg die dritte Hauptstadt der russischen Literatur. In den Klöstern von Kiew, der „Mutter der russischen Städte“, liegen die Anfänge des russischen Schrifttums.

IMG_0640Michail Bulgakow (1891-1940) ist wohl der bedeutendste russische Autor aus Kiew. Er schrieb über zwei Großstädte den jeweils gültigen Stadtroman: „Die Weiße Garde“ über seine Heimatstadt Kiew und „Der Meister und Margarita“ über Moskau. Auch Nikolai Leskow, Sergej Kuprin oder Konstantin Paustowski sind in Leben und Werk eng mit Kiew verbunden. Anna Achmatowa veröffentlichte als Gymnasiastin in Kiew ihre ersten Gedichte.

UKRAINISCH: Die ukrainische Literatur wurzelt bis heute eher im Westen des Landes. Doch der Nationalschriftsteller Taras Schewtschenko (1814-61) wurde in einem Dorf nahe Kiew geboren, er verbrachte einige Jahre in der Stadt und liegt 150 Kilometer südlich in Kaniw am Dnepr begraben. Von den wichtigen zeitgenössischen Autoren der Ukraine lebt Oksana Sabuschko („Feldstudien über ukrainischen Sex“, „Museum der vergessenen Geheimnisse“) in Kiew. Maria Matios („Darina, die Süße“) aus der Bukowina ist Parlamentsabgeordnete in der Hauptstadt.

IMG_0815JIDDISCH: Scholem Alejchem (1859-1916, „Tewje, der Milchmann“), einer der Begründer der jiddischen Literatur, wurde 90 Kilometer von Kiew entfernt in Perejaslaw geboren. Der „jüdische Mark Twain“ war humorvoller Chronist des jüdischen Lebens in Osteuropa. Alejchem lebte einige Jahre in Kiew, in denen er als Geschäftsmann scheiterte, aber literarisch erfolgreich war.

POLNISCH: In der polnischen Literatur ist Jarosław Iwaszkiewicz (1894-1980, „Das Birkenwäldchen“) besonders mit Kiew verbunden. Er machte dort zu Zarenzeiten 1912 Abitur, studierte Jura, veröffentlichte erste Gedichte und leitete ein polnisches Theater. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Iwaszkiewicz als Dichter und Diplomat in Polen, nach dem Zweiten Weltkrieg war er lange Präsident des polnischen Schriftstellerverbandes. Er schrieb neben seiner Muttersprache auch auf Russisch.

IMG_0793In Gegenrichtung von Krakau nach Kiew führte das Leben die kommunistische Schriftstellerin Wanda Wasilewska (1905-64), die mit dem ukrainischen Dramatiker und Funktionär Oleksandr Kornijtschuk verheiratet war. Der polnische Kinderarzt, Pädagoge und Schriftsteller Janusz Korczak (1887-1942), Schöpfer von „König Hänschen“, war im Ersten Weltkrieg in Kiew stationiert.

TSCHECHISCH: Ein großer Schelm der Weltliteratur, der brave Soldat Schwejk, verdankt der ukrainischen Hauptstadt seine Existenz. Erste Entwürfe des Romans entstanden, als sein Schöpfer Jaroslav Hašek (1883-1923) im Ersten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft in Kiew saß.001ENGLISCH: Für die Ukraine als Grenzland steht auch das ungewöhnliche Schicksal von Józef Korzeniowski, geboren 1857 im Städtchen Berdytschiw westlich von Kiew. Der Pole floh vor der Unterdrückung im Zarenreich, fuhr zur See. In der neuerlernten englischen Sprache erschrieb er sich Weltruhm unter dem neuen Namen Joseph Conrad (gest. 1924). „Lord Jim“, „Nostromo“ und „Das Herz der Finsternis“ sind Conrads Meisterwerke.

FRANZÖSISCH: Für Irène Némirovsky (1903-42) gibt es in Kiew leider noch keine Gedenktafel. Sie wurde in eine jüdische Bankiersfamilie geboren, deren Flucht vor der Oktoberrevolution in Frankreich endete. Dort wurde Némirovsky zur bekannten Autorin. Im Zweiten Weltkrieg schrieb sie aus einem Versteck ihr Hauptwerk „Suite Franςaise“, ein umfassendes Panorama der französischen Gesellschaft unter deutscher Besatzung. Némirovsky starb in Auschwitz.

DEUTSCH: Zwei Literaten aus Kiew haben ihr Werk der Vermittlung zwischen russischer und deutscher Kultur gewidmet. Der Germanist und sowjetische Dissident Lew Kopelew (1912-97) lebte die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens in Köln und forschte über die Bilder, die Deutsche und Russen von einander haben. Im Buch „Und schuf mir einen Götzen“ erzählte er von seiner dreisprachigen Jugend in Kiew mit Russisch, Ukrainisch und Deutsch.

In Kiew geboren und aus den Wirren des Zweiten Weltkriegs nach Freiburg gerettet wurde auch die Übersetzerin Swetlana Geier (1923-2010, mein Porträt). Sie war eine Russin, die in der perfekt erlernten, aber doch fremden Sprache Deutsch dem deutschen Leser den genauesten und frischesten Dostojewski schenkte.

Und der Kulturtransfer geht weiter. Katja Petrowskaja, die „West-östliche Diva“ im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, stammt aus Kiew. 2013 erhielt sie den Bachmann-Preis. In diesem Frühjahr erschien ihr erster Roman „Vielleicht Esther“: In der Familiengeschichte geht es um die Vernichtung der Kiewer Juden in Babi Jar. Auch die deutsche Piraten-Politikerin Marina Weisband, geboren in Kiew, hat eine künstlerische und essayistische Ader.

IMG_0798Wird es nach dem Übergriff des großen Bruders Russland auf die Ukraine noch russische Literatur aus Kiew geben? Es steht zu befürchten, dass eine Tradition zu Ende geht. Immerhin hat sich der polyglotte Petersburger Russe Andrej Kurkow („Picknick auf dem Eis“, „Die letzte Liebe des Präsidenten“) vor Jahrzehnten in Kiew niedergelassen. Er hat bewusst das liberale politische Klima in der Ukraine gewählt. Kurkow verbittet es sich als Russe, von Wladimir Putin gerettet zu werden. Doch auch wenn er auf Russisch schreibt, zielen seine Bücher weniger auf den russischen Leser. Seine Leser leben im Westen Europas.

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Fünf kluge Gedanken über die Ukraine

Die Ukraine ist von innen und außen bedroht. Lehren aus einem Sammelband: Was kann Europas zweitgrößtem Land helfen?

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Selten war ein Buch so aktuell, selten war es so schnell überholt. Der Sammelband „Majdan!“ (edition.fotoTAPETA Berlin) erschien Mitte März. Mehr als 30 ukrainische und internationale Autoren beschreiben darin, wie sie den Euromajdan sehen – die Dauerdemonstration auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz für eine Annäherung an Europa und gegen das autoritäre Regime von Präsident Viktor Janukowitsch. Zeitlich reichen die Artikel, Essays und Reportagen bis Mitte Februar: Die ersten tödlichen Schüsse in Kiew waren gefallen, aber die katastrophale Eskalation der Gewalt am 21. Februar war noch nicht absehbar.

Seitdem hat sich die Lage rasend schnell verändert. „Die Geschichte wird in der Ukraine Stunde um Stunde vor Ort geschrieben“, heißt es im Beitrag des britischen Historikers Timothy Garton Ash. Auf den unerwarteten Sieg, die Flucht des verhassten Janukowitsch folgte der große Schrecken: Russland verleibte sich die Krim ein. Die schwache Übergangsregierung muss hilflos zusehen, wie ukrainische Soldaten auf der Halbinsel erst belagert, dann vertrieben werden. Rechtsextreme Kräfte sind in die neue Führung eingezogen. Im Osten der Ukraine schürt Russland separatistische Stimmungen, um eventuell einen Vorwand für ein militärisches Eingreifen zu bekommen. Ein neuer kalter Krieg hat begonnen.

Hat sich damit das Buch mit seinem Jubel über den Majdan erledigt? Ich habe aus den Beiträgen fünf Überlegungen herausgesucht, die über den Tag hinausreichen und für die Ukraine jetzt und in Zukunft wichtig sein könnten.

1. Der Majdan war ein zivilgesellschaftlicher Durchbruch für die Ukraine

Bei aller Kritik gerade an der Rolle rechter Kräfte in den Protesten stimmt doch die Einschätzung der grünen Europa-Abgeordneten Rebecca Harms: Der Euromajdan war die stärkste Bürgerrechtsbewegung auf diesem Kontinent seit 1989.

„Es ist ein Aufstand gegen Ungerechtigkeit, Korruption, fehlende Rechtsstaatlichkeit und gegen die Verletzung der Menschenwürde.“ (Maria Matios, Schriftstellerin und Abgeordnete)

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„Ich halte für die wichtigste Errungenschaft des Majdan, dass die Menschen in der Ukraine gelernt haben, für ihre Rechte einzustehen, dass die Menschen aus den verschiedensten Sphären der Gesellschaft verstanden haben, dass die Einstellung, die noch aus der Sowjetzeit stammt, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist und wir uns die Hände nicht schmutzig machen wollen, uns auch der realen Chance beraubt, Einfluss zu nehmen, und dass das nicht so bleiben kann.“ (Halyna Kruk, Lyrikerin)

2. Die Ukraine muss Rücksicht auf ihre Fragilität nehmen

„Die Spannungen, sowohl psychologische wie geografische, zwischen Ost und West sind in der nationalen Identität der Ukraine tief verwurzelt. Die Ukrainer, die um die Zukunft ihres Landes am meisten besorgt sind, würden gut daran tun, die Zerbrechlichkeit dieser Identität anzuerkennen.“ (Orlando Figes, Historiker)

Ein Beispiel bringt der Historiker Andrij Portnov: In der parlamentarischen Opposition (und mittlerweile stellt sie die Regierung!) gebe es keine Kraft, die versucht, die russischsprachige Wählerschaft im Osten und Süden des Landes anzusprechen und zu gewinnen.

3. Im Wunsch nach Unabhängigkeit ist die Ukraine einiger als gedacht

„Seit 20 Jahren führen wir vergleichende Untersuchungen zu Lviv und Donezk durch. Das sind die Städte, die die beiden politisch entgegengesetzten Regionen in der Ukraine repräsentieren. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass die Unterschiede zwischen den beiden Städten dramatisch sind, aber nicht tragisch. Trotz starker Unterschiede verbindet beide Städte der Wunsch, in einem Land zu leben. Seit Beginn der 1990er Jahre gibt es in der Ukraine Meinungsumfragen, in denen unter anderem folgendes erfragt wird: Wenn das Referendum vom 1. Dezember 1991 über die Unabhängigkeit der Ukraine heute wiederholt werden würde, würde das Ergebnis gleich ausfallen? Seit jener Zeit hat es bis zum heutigen Tag kein einziges Jahr und keinen einzigen Monat gegeben, in dem die Mehrzahl der Ukrainer die Idee der nationalen Unabhängigkeit abgelehnt hätte.“ (Yaroslav Hrtsyak, Historiker)

Hoffnung macht Hrytsyak auch, dass sich die ukrainische Jugend in Ost und West in ihren an Europa ausgerichteten Werten sehr ähnlich sei.

4. Europa muss sich in der Ukraine einmischen

„Am Euromajdan wird nicht allein das Schicksal der Ukraine entschieden. Dort geht es um Europa. Um die Seele Europas, das nicht an der Schengengrenze endet.“ (Martin Pollack, Übersetzer)

„Egal, was die kommenden Monate bringen werden, die Lage in der Ukraine bleibt eine der grundlegenden Herausforderungen für die internationale Politik. Und das Schicksal eines großen europäischen Staates außerhalb der Europäischen Union darf letzterer nicht egal sein.“ (Andrij Portnov, Historiker)

5. Die Ukraine braucht eine europäische Zukunft

2015 zum 70. Jahrestag der Konferenz von Jalta solle die Ukraine ein halbwegs funktionierender Staat sein – das wünscht ihr Timothy Garton Ash. Sie solle die Assoziierung mit der EU unterschrieben haben. Dieser Wunsch ist erfüllt. Doch von gleichzeitigen engen Beziehungen zu Russland, wie er sie erhofft, wird wegen der Krim in Jahresfrist keine Rede sein können. Doch das entwertet nicht Garton Ashs langfristige Vision:

„Im Februar 2045, zum 100. Jahrestag der Konferenz von Jalta, sollte die Ukraine ein liberales, demokratisches, rechtsstaatliches Land sein, das zwar Mitglied der EU ist, aber eine besondere Beziehung zu Russland hat. (…) Das ist jedenfalls das Ziel, das wir uns vornehmen sollten.“

Majdan! Ukraine.Europa, herausgegeben von Claudia Dathe und Andreas Rostek, Übersetzt durch translit e.V. und andere, edition.fotoTAPETA_Flugschrift Berlin 2014, 160 S., ISBN 978-3-940524-28-7, 9,90 Euro

Texte von
Anastasija Afanasjewa | Juri Andruchowytsch | Yevgenia Belorusets | Elmar Brok | Roman Dubasevych | Kai Ehlers | Orlando Figes | Jörg Forbrig | Timothy Garton Ash | Rebecca Harms | Yaroslaw Hrytsak | Tamara Hundorowa | Olexandr Irwanez | Halyna Kruk | Wolodymyr Kulyk | Andrij Ljubka | Maria Matios | Adam Michnik | Switlana Oleschko | Martin Pollack | Andrij Portnov | Taras Prochasko | Roman Rak | Mykola Rjabtschuk | Konrad Schuller | Ostap Slyvynsky | Natalka Sniadanko | Timothy Snyder | Olexandr Stukalo | Natalia Yeryomenko | Serhij Zhadan

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Humorvolle Erzählungen aus Russland: Das Mädchen mit den Chupa-Chups

Eine Moskauer Weihnachtsgeschichte

Von Igor Irtenjew – übersetzt von Friedemann Kohler

Ein wundervoller Weihnachtsabend legte sich wie ein Zaubermantel über die Stadt. Stille und Frieden herrschten auf Erden, große weiße Flocken fielen weich zu Boden. Die wenigen Menschen, die um diese Stunde noch unterwegs waren, eilten nach Hause, um am festlich gedeckten Tisch Platz zu nehmen.

Vor einem hell erleuchteten Kiosk stand zitternd vor Kälte ein kleines Mädchen und schaute wie verzaubert auf die Tüten mit gerösteten Erdnüssen, Fruchtbonbons und anderen Leckereien. Es kannte das alles nur aus der Fernsehreklame, wo sich fröhliche, gut gekleidete Kinder beide Backen damit vollstopften. Schneeflocken fielen auf die langen blonden Haare der Kleinen, tauten auf ihren Wangen, aber es war, als bemerkte sie sie nicht.

– Ach, warum, warum ist  mir all das versagt? – flüsterte das Mädchen kaum hörbar. – Bin ich denn schlechter als andere Kinder? Habe ich wirklich so schwer Unrecht getan? Sicher bin ich nicht immer artig und füge meinen armen Eltern mit meinen Streichen immer wieder Leid zu. Doch jedes Mal bete ich danach innig. Vielleicht nicht innig genug, wenn meine Gebete doch nicht erhört werden?

Und seine schönen blauen Augen füllten sich mit  Tränen.

Natürlich, – fuhr es fort, – könnte ich den guten Verkäufer bitten, mir ein kleines Tütchen Nüsse und einen Lutscher „Chupa-Chups“ zu geben. Aber das wäre nicht recht. Väterchen und Mütterchen lehren mich immer, dass man niemals auf der Straße fremde Leute ansprechen darf, wer weiß, was sie vorhaben. Neulich erst las Oma im „Moskowski Komsomolez“, dass ein Onkel für ein einziges Päckchen „Juicy Fruit“ sich an den Zöglingen von sieben Kindergärten einschließlich der Erzieherinnen und des technischen Personals vergangen hat. Nicht mal den Wellensittich hat er verschont. Dabei hätte ich so gerne etwas Süßes.

Und wieder füllten sich seine schönen blauen Augen mit Tränen.

Der alte Verkäufer sah der Kleinen durch das offene Fensterchen verstohlen schon seit einer Stunde zu. Sein gutes Herz zerriss es fast vor Mitleid.

– Wai, was für ein Läben, – wiederholte er mit Bitterkeit. – Ganz kleiner Mädchen. Wie meine Aschchen. Was tut es, dass Aschchen schwarze Augen hat und Haare wie Nacht in Karabach. Das hier hat blaue Augen wie Himmel über Etschmiadsin, Haar ist blond wie Sand am Sewan-See. Armer, armer Mädchen… Ganz kalt. Ich könnte sie zum Aufwärmen reinlassen. Und was wenn kommt dieser gierige Schakal von Polizist? Aha, wird er sagen, wolltest wohl ’ne Minderjährige? Nicht nur, dass ihr Schwarzärsche ganz Moskau überschwemmt, dass man nicht mehr treten kann, jetzt macht ihr euch auch noch an unsere Kinder ran. Lass mal fuffzig Dollar rüberwachsen und dank deinem nichtrussischen Gott, dass ich heut großzügig bin. Und was werde ich ihm sagen? Dass mir schade war um Kind? Und wie soll ich Familie ernähren? Was sag ich Frau und Schwiegermutter? Für das Geld muss ich eine Woche sitzen in diese verdammte Kiste. Ai, was musste ich dummes Kopf auch Historiker lernen?

– Hör mal, Mädchen, – hielt er es endlich nicht mehr aus, – was stehst du hier schon ganze Stunde und trittst auf meiner Seele rum. Ich geb dir ein Bonbon und du verschwindest, a? Sag welches du willst?

– „Chupa-Chups“ – bat die Kleine, und ihre erfrorenen Lippen konnten kaum flüstern – und ein Päckchen Erdnüsse, wenn sie so gut sein wollen.

– Nimm, – der Verkäufer streckte ihr durch das Fenster die schlichte Leckerei zu, – und dann lass dich hier nicht mehr blicken.

– Danke, – sagte das Mädchen, beugte sein Goldköpfchen und knickste leicht, – und frohe Weihnachten für sie! Möge das neue Jahr ihnen und ihrer Familie Glück bringen!

Plötzlich hielt mit quietschenden Bremsen ein riesiger schwarzer Jeep neben dem Kiosk. Ein kräftiger, kurz geschorener Mann sprang heraus.

– Wo treibst du dich rum? – stürmte er auf das Mädchen ein. – Deine Mutter und ich haben ganz Sjusino umgegraben, nach dir gesucht. Was haste da für’n Dreck in der Hand? Wer hat dir denn das Giftzeug gegeben?

– Der Onkel, – das Mädchen zeigte auf den erschrockenen Verkäufer . – Aber schimpf nicht mit ihm, Papa, er hat es gut gemeint.

– Was, bist du völlig übergeschnappt?! – der Mann stürzte zum Fensterchen. – Du bist mir so ein Nikolaus. Wofür zahl’ ich dich überhaupt? Dass du meine Tochter mit diesem Mist fütterst? Und du, was denkst du überhaupt in deinem Oberstübchen? – wandte er sich dem Mädchen zu. – Morgen schick ich dich wieder nach Lausanne, und dann is’ Sense mit den Ferien. Was nu, wolltest das Kind wohl umbringen? Die bekommt nur aus dem „Siebten Kontinent“ zu essen, Naturprodukte. Morgen wirst du abgelöst, und dann will ich dich hier nicht mehr seh’n.

– Papa, ich bitte dich, – flehte das Mädchen, – verschone ihn. Er hat bestimmt auch Kinder. Vielleicht auch so ein kleines Mädchen wie mich. Und außerdem, hast du vergessen? Heute ist doch Christi Geburt, das schönste Fest auf Erden.

– Ach, so eine Fürsprache, – sagte der Mann schon etwas milder. – Christus, sagst du. Christus das war n’ korrekter Typ. Wollte, dass die Leute sich an Gebote halten. Damit hat’s ihn dann verrissen. Also du, – wandte er sich an den Verkäufer, – ich sach mal, sei nicht böse, Brudern. Die Nerven, siehste ja … Alles klar, kleines Problem gehabt und vorbei. Gib’ mal was zu rauchen. Schluss, wir fahren. Mach deinen Job, so wie immer, und nimm’s dir nicht zu Herzen. Wart’ mal, – er griff in die Tasche und zog die Brieftasche heraus,- da haste fuffzig Grüne, trink einen auf meine Gesundheit. Also frohe, na wie gleich… Du weißt schon.

Das mächtige Auto heulte auf, schleuderte los und war im nächsten Augenblick in der Nacht verschwunden. Und der Schnee fiel immer noch, fiel in weichen weißen Flocken.

3942.jpg© Igor Irtenjew 2003

© Übersetzung: Friedemann Kohler 2003/13

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Interview: Ökologie ist in Polen ein mühsames Geschäft

In Sachen Ökologie wollen sich viele Polen keine Vorschriften von der EU machen lassen. Sie sehen das als Anschlag auf ihre Unabhängigkeit, klagt der Soziologe und Publizist Adam Ostolski. Er führt gemeinsam mit Agnieszka Grzybek die kleine grüne Partei Zieloni 2004 in Polen. Ich habe Ostolski (35) bei einem Besuch im Deutschen Polen-Institut in Darmstadt interviewt, während in Warschau die UN-Klimakonferenz zuendeging.

Adam_OstolskiHerr Ostolski, war Polen ein guter Gastgeber für die Weltklimakonferenz?

Die Konferenz hat leider die Befürchtung der ökologischen Bewegung bestätigt, dass Polen in der Klimapolitik keine positive Rolle spielt. Die Regierung verfolgte ein Alles oder Nichts. Sie wollte erreichen, dass alle Staaten der Welt sich in der Klimapolitik einigen – sonst lohnt es sich nicht, etwas zu tun. Polen verwarf damit das Konzept von Vorreiterschaft, dass einige Staaten, zum Beispiel die Europäische Union ehrgeizigere Ziele verfolgen als andere. Zweitens hat Polen die Klimakonferenz benutzt, um Lobbyarbeit für Kohleenergie zu betreiben.

Warum ist Kohle so wichtig für die polnische Wirtschaft?

Es gibt Gründe, sich für polnische Kohle einzusetzen. Fast 90 Prozent unserer Energie stammt aus fossilen Brennstoffen. Polen hat eigene Braunkohle, und die Förderung lohnt sich. Steinkohle müssen auch wir importieren. Kohle zu beschränken würde große Verwerfungen in der Wirtschaft bedeuten, nicht nur im Bergbau, sondern auch in den Kraftwerken und anderen Branchen. Es fragt sich aber, ob die polnische Regierung zurecht so stark auf die Kohle setzt.

Selbst wir als polnische Grüne wollen keinen sofortigen und vollständigen Abschied von der Kohle. Wir wollen aber, dass die Regierung die ersten Schritte in die richtige Richtung macht. Das wäre ein Modernisierung des Leitungsnetzes, denn etwa die Hälfte der Energie geht beim Transport verloren.

Energiesparen ist überhaupt ein wichtiges Thema beim Klimaschutz, und das würde keineswegs einen sofortigen Ausstieg aus der Kohle bedeuten. Aber wenn man den Klimawandel leugnet und gar nichts tut, muss später alles auf einmal geschehen, und dann werden die gesellschaftlichen Kosten riesig sein.

Wie wichtig sind Umweltfragen derzeit in Polen?

Wenn Ökologie in Gesellschaft und Politik ein Thema ist, dann als Bedrohung, als etwas, das die Europäische Union uns aufdrückt. Nur manchmal kommt Ökologie als moderner Lebensstil für junge Leute vor.

Dabei gab es vor 20 Jahren in Polen eine starke ökologische Bewegung. Die Menschen haben die Umweltkrise am eigenen Leib gespürt. Sie haben schmutzige Luft eingeatmet, schlechtes Wasser getrunken. Seitdem hat sich vieles geändert. Das Benzin ist reiner geworden. Fabriken wurden geschlossen. Aber wir haben das Problem nur verlagert. Die Waren, die wir konsumieren, werden jetzt unter umweltschädlichen Bedingungen woanders produziert.

Die Bedeutung der Ökologie im täglichen Leben ist nicht sehr hoch. Und die Zunahme von Stürmen, Hochwassern oder Trockenzeiten ist im öffentlichen Bewusstsein nicht mit dem Klimawandel verbunden. Das passiert eben so!

Warum hat die damalige starke Ökobewegung nicht auch eine starke Ökopartei hervorgebracht?

Viele Ökoaktivisten haben ihr Schicksal erst mit der Demokratischen Union, dann mit der Freiheitsunion verknüpft. Aber es zeigte sich im Lauf der Zeit, dass deren ökologisches Denken doch nicht sehr weit entwickelt war. Ich will nicht unfair sein gegenüber meinen Vorgängern. Aber ich denke, es war ein Fehler, nicht früher eine eigenständige politische Kraft zu gründen.

Wie groß ist denn ihre grüne Partei Zieloni?

Zieloni stellen einige Abgeordnete in Stadtparlamenten oder in den Woiwodschaften. Auch in der Selbstverwaltung der Gemeinden gibt es Vertreter. Aber wir haben insgesamt nur einige hundert Mitglieder.

Was ist in Ihrer Sicht derzeit das größte ökologische Problem in Polen?

Donald Tusk.

Der Ministerpräsident?

Sein Kabinett verfolgt in vielerlei Hinsicht die am wenigsten ökologische Politik aller polnischen Regierungen. Er bremst die EU in ihren Klimazielen, das heißt, er wirkt nicht nur in unserem Land, sondern in Europa und mittelbar der Welt. Das Umweltministerium kümmert sich seit Jahren nicht mehr um Umwelt, es soll alles für die Förderung von Schiefergas tun. Dabei wissen wir noch gar nicht, wie viel wir davon tatsächlich haben und ob sich die Förderung lohnt.

Dann engagiert sich die Regierung für ein eigenes polnisches Atomkraftwerk, auch wenn diese Pläne vor drei Jahren noch lauter klangen als jetzt. Und es werden keine günstigen Bedingungen für erneuerbare Energien geschaffen.

Sehen Sie die deutsche Energiewende als mögliches Modell für Polen? Oder haben Sie andere Beispiele im Blick?

In Frankreich übernimmt der Staat Verantwortung dafür, dass niemand wegen seiner Energierechnung in Armut gerät. Es gibt gestaffelte Strompreise für Grundbedarf und Zusatzverbrauch. Das deutsche Modell führt dazu, dass die Energiearmut steigt – nicht viel, aber immerhin. Für ein armes Land wie Polen müsste das Problem der Energiearmut, der Ausgaben für Strom und Heizung, als dringendstes gelöst werden. Wichtig am französischen Ansatz ist auch, dass der Staat jährlich eine Million Wohnungen energetisch saniert.

Am deutschen Ansatz fasziniert mich das bürgerschaftliche Element, dass Gemeinden oder auch Genossenschaften Energie produzieren. Das könnte auch in Polen funktionieren. Aber leider liegt die genossenschaftliche Bewegung ziemlich brach.

Polen hat der Welt den Begriff Solidarność geschenkt, doch es gibt kein solidarisches Denken?

Solidarität ist nur noch ein Slogan. Wir sind eine sehr individualistische Gesellschaft geworden.

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Der Moskauer Boulevardring – ein Selbstversuch im Herbstregen

Ein grünes Band von Parkanlagen umringt das Herz der russischen Hauptstadt. Darauf zu wandern, hat etwas von Inselspringen.

Für Elisabeth, die leider nicht dabei sein konnte.

Es nieselt, als wir aus der Metrostation „Kropotkinskaja“ kommen. Der graue Moskauer Herbsthimmel hängt tief. Doch das soll uns, Vater und Tochter, nicht hindern, den Boulevardring der russischen Hauptstadt abzulaufen. Sieben Jahre haben wir in Moskau gelebt, doch nie dieses Abenteuer unternommen. Vom Ufer der Moskwa zum Ufer der Moskwa einmal rund um den Kreml, doch mit Abstand. Abstand ist gut, denke ich, zum Zentrum der Macht in Russland. Stattdessen eintauchen in das alte Moskau, wie es zu sowjetischen Zeiten oder vor der Oktoberrevolution war. Und zugleich neue Seiten der Stadt erleben.

DSCN1324Deshalb gehe ich den hufeisenförmigen Weg auch lieber von West nach Ost. Die pompöse neue Christ-Erlöser-Kathedrale, dies Symbol der Anbiederung von Kirche und Staat im heutigen Russland, will ich nicht als Ziel haben, sondern lieber gleich hinter mir lassen.

Wir laufen den ersten von zehn Boulevards entlang, den Gogolewski-Boulevard. „Der Boulevardring ist der Lieblingsort der Moskauer für Erholung und Spaziergänge“, heißt es im Stadtlexikon. An diesem regnerischen Werktagsmorgen ist der breite, gepflegte Weg fast menschenleer. Verlassen stehen die Gestelle, an denen Künstler im Sommer ihre Bilder zum Verkauf präsentieren. Die Bäume haben ihr Laub längst verloren.

DSCN1256Dass mir die Wanderung gefällt, ist klar. Aber was kann der herbstliche Boulevardring einem fast achtzehnjährigen Mädchen bieten? Weniger als erhofft, und doch entdecken wir mit jedem Schritt mehr als erwartet. Der vollelektronische Fahrradverleih ist neu, den gab es zu unseren Moskauer Zeiten noch nicht. Eine Fotoausstellung unter freiem Himmel zeigt Aufnahmen russischer Fotografen aus der arktischen Welt – gewaltige Gletscher, bullige Moschusochsen, schwarzäugige Robbenbabys.

Neu ist auch das Denkmal für den Schriftsteller Michail Scholochow (1905-84). Ein Kahn, Pferde schwimmen durch einen Fluss – Motive aus dem Kosakenepos „Der stille Don“. Auf dem Weg werden uns noch weitere Schriftsteller begegnen – Puschkin, Gogol, Gribojedow, Jesenin… Wir laufen auf dem Ring auch die russische Literaturgeschichte ab.

DSCN1263Als erste Querstraße hemmt der Arbat unseren Weg, und wir üben zum ersten Mal eine mühevolle Passage. Wir verlassen den Boulevard, unsere langgestreckte Insel in der Straßenmitte, und retten uns seitlich ans Ufer. Dann müssen wir die gigantische Querströmung an Autos, Bussen und Lastwagen überwinden. Schließlich flüchten wir auf die nächste Insel. Unerwartet bremst ein Auto und lässt uns Fußgänger auf den Nikitski-Boulevard passieren. Ein wenig scheint sich der Moskauer Verkehr zu zivilisieren. Doch dieses Insel-Hopping wird uns bis zum Ende der Wanderung begleiten.

Wie die Ringstraßen in Wien, Krakau und anderen europäischen Städten entstand der Moskauer Boulevardring, als Stadtmauern ihren militärischen Sinn verloren. Die Wälle rund um die alte Stadt wurden geschleift. 1796 wurde der erste Boulevard angelegt, der Twerskoj-Boulevard. Als Moskau nach dem großen Brand unter dem Besatzer Napoleon 1812 wieder aufgebaut wurde, rundete sich der Kreis. Nur auf dem anderen Ufer der Moskwa, im Samoskwaretschje, klafft eine Lücke. Das Moskau des Boulevardringes ist nicht die Stadt der Hochhäuser, es ist – zumal auf der Westseite – das niedriggebaute Moskau der klassizistischen Adelspaläste und Bürgerhäuser aus der Gründerzeit.

Unerwartet verstummt die Stadt…

Manchmal wird es am Ring still, ganz still. Es dauert einige Sekunden, bis mir bewusst wird, dass der allgegenwärtige Moskauer Lärm tatsächlich verstummt ist. Aber nicht ich bin taub. Der Verkehr steht. Es ist der seltene Glücksfall, dass Ampeln die Autos auf beiden Seiten unserer Insel gestoppt haben. Was für ein Unterschied zum ewig dröhnenden, immer bewegten Gartenring einige hundert Meter stadtauswärts!

Für uns neu in der Stadt sind die Ampeln, die rückwärts die Sekunden bis zur nächsten Phase zählen. Wir Fußgänger werden schlecht behandelt. 120 Sekunden Grün für unsere Feinde, die Autos, nur 11 Sekunden für uns, notieren wir als schlimmste Ungerechtigkeit.

DSCN1273Wir laufen an vielen Theatern vorbei, am Theater am Nikitski-Tor, der neuen Bühne des Moskauer Künstlertheaters MChaT, am Puschkintheater… Auch Pressegeschichte begleitet uns. Erst taucht die Zentrale der sowjetischen Agentur TASS (heute Itar-Tass) auf, dann am Puschkinplatz das „Iswestija“-Gebäude und die einstige Redaktion der Wochenzeitung „Moskowskije Nowosti“, des Zentralorgans der Perestroika.

DSCN1284Die Unterführung unter der Hauptstraße Twerskaja am Puschkin-Platz ist ein trauriger Ort. Ein Gedenkstein erinnert an den Bombenanschlag vom 8. August 2000. Dreizehn Menschen starben hier, neunzig wurden verletzt. Es war der erste Terroranschlag in Moskau, über den ich damals zu schreiben hatte.

Mittlerweile gießt es, und kurz vor der halben Wegstrecke müssen wir uns in einem Café aufwärmen. Hinter dem gigantischen Kino „Rossija“ kommt der kurze Strastnoj-Boulevard. An seinem Ende breitet Wladimir Wysotzki die Arme aus. Ein Künstler, der beim Applaus sein Publikum und die Welt umarmt, ein gekreuzigter Christus? In diesem Teil von Moskau ist der Schauspieler und rebellische Liedermacher (1938-80) aufgewachsen.

Hier im Norden wird der Boulevardring frommer. Strastnoj hängt mit der Passionszeit zusammen, die Abschnitte Roschdestwenski- (Mariä Geburt), Sretenski- (Darstellung im Tempel) und Pokrowski-Boulevard (Schutz und Fürbitte) liegen noch voraus. Wir kommen in das Moskau der alten Klöster und kleinen Kirchen. So weit von der Moskwa entfernt, wird die Gegend hügeliger. Die Boulevards laufen bald bergauf, bald bergab.

An manchen Bäumen hängt eine Art Starenkasten, „Biblioteka“ steht darauf. Auch das ist für uns neu, dass der Spaß des Büchertauschens bis nach Moskau gekommen ist. Wer will, hinterlässt ein Buch; wer lesen will, nimmt sich eins. Und was bietet diese Bibliothek? In einem Kasten finde ich Billigkrimis von Darja Donzowa. Dazu den Hollywood-Roman „Die Exhibitionisten“ von Henry Sutton, auf Russisch verlegt in Vilnius 1993 und schamvoll in Zeitungspapier eingeschlagen. So, so!

DSCN1301Immer wieder kreuzen brutal die großen Ausfallstraßen unseren Weg und zwingen uns zum Verlassen unserer Inseln. Wir kämpfen uns über den Trubnaja-Platz, dann über den Turgenjew-Platz. Dort steht die gigantisch hässliche Firmenzentrale der großen russischen Ölfirma Lukoil.

DSCN1305aDie Querstraße heißt im neuen Moskau nach dem Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow (1921-89). Nach dem Ende der Sowjetunion sind in Moskau viele Straßen umbenannt worden. Aber mir ist kein anderer Fall bekannt, dass ein sowjetischer Dissident zu der Ehre gekommen wäre, Namensgeber zu werden. Zu kurz war der demokratische Frühling.

Der Regen hat aufgehört, doch es bleibt ein kalter Wind, der frösteln macht. An der Metro „Tschistije Prudy“ bricht eine Kolonne von Gastarbeitern den Asphalt auf, um Straßenbahnschienen neu zu verlegen – alles unter den wachsamen Augen des Dichters Alexander Gribojedow.

Zwischen den Bäumen flattert die blaue Fahne Kasachstans. Sind wir unbemerkt tausende Kilometer weit nach Osten abgekommen? Nein, dort steht nur die Botschaft von Kasachstan. Ein Denkmal seines Nationaldichters Abaj Kunanbajew (Abai Qunanbajuly/1845-1904) hat der neue Nachbarstaat den Moskauern auch verehrt.

Der Osten ist ärmer…

Trotzdem sind wir unverkennbar im Osten angekommen, im Moskauer Eastend. Hier geht es nicht mehr so wohlanständig, so reich zu wie im Westend. Keine klassizistischen Adelspaläste, dafür Mietshäuser. Östlich vom Kreml lagen in vergangenen Jahrhunderten die Viertel der Handwerker und Soldaten, die Vorstädte der Ausländer. Hier wurde gehandelt und gearbeitet, und das hat sich bis heute erhalten. Hier ist das alte Moskau noch nicht auf Hochglanz restauriert, das neue Moskau noch nicht fertig. Auf den Parkbänken sitzen Obdachlose.

DSCN1318Doch der „saubere Teich“, der dem Tschistoprudny-Boulevard den Namen gegeben hat, ist schön. Still und dunkel liegt sein Wasser da, goldgelbe Blätter treiben an der Oberfläche. Das weiße Zeltdach eines Restaurants erinnert an den vergangenen Sommer. Ein junges holländisches Touristenpaar ist seit einiger Zeit vor uns her gegangen – auch sie Wanderer auf dem Ring. Jetzt küssen sie sich und sehen dann einem Maler zu, der am Teich seine Staffelei aufgestellt hat.

Nebenan tschilpt es. Ein blattloser Busch vibriert, auf seinen Ästen plustern sich zahllose Spatzen. In Deutschland sind sie vom Aussterben bedroht, hier in Moskau gibt es noch ganze Schwärme der kleinen Stadtvögel.

Das Ende unseres Weges kommt in Sicht. Lässigen Schrittes laufen wir den Jauski-Boulevard hinunter, benannt nach dem Flüsschen Jausa. Die zehnte und letzte grüne Insel endet jäh in einer Baustelle. Sand, Steine und unförmiges Metall liegen durcheinander. Liebes Moskau, hier musst du noch arbeiten!

Das flache Moskau strebt nach Höhe…

Doch auch dieses Ende des Rings hat ein architektonisches Ausrufezeichen. Wo die Jausa in die Moskwa mündet, liegt ein grauer Gigant, das Haus an der Kotelnitscheskaja. Eins der sieben Stalin-Hochhäuser, mit denen das Streben der Stadt nach Höhe begann. Der Stern auf der Spitze ragt fast in die Herbstwolken hinein. Und auf der Moskwa-Brücke öffnet sich im Dunst auch der Blick auf den Kreml. Seine Mauern sind nur wenige hundert Meter entfernt, und doch sind wir einen ganzen Tag in einer anderen Welt unterwegs gewesen.

PS: Erst im Nachhinein haben wir im Moskauer Stadtlexikon gelesen, wie lang der komplette Boulevardring ist: neun Kilometer.

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