Interview: Ökologie ist in Polen ein mühsames Geschäft

In Sachen Ökologie wollen sich viele Polen keine Vorschriften von der EU machen lassen. Sie sehen das als Anschlag auf ihre Unabhängigkeit, klagt der Soziologe und Publizist Adam Ostolski. Er führt gemeinsam mit Agnieszka Grzybek die kleine grüne Partei Zieloni 2004 in Polen. Ich habe Ostolski (35) bei einem Besuch im Deutschen Polen-Institut in Darmstadt interviewt, während in Warschau die UN-Klimakonferenz zuendeging.

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Herr Ostolski, war Polen ein guter Gastgeber für die Weltklimakonferenz?

Die Konferenz hat leider die Befürchtung der ökologischen Bewegung bestätigt, dass Polen in der Klimapolitik keine positive Rolle spielt. Die Regierung verfolgte ein Alles oder Nichts. Sie wollte erreichen, dass alle Staaten der Welt sich in der Klimapolitik einigen – sonst lohnt es sich nicht, etwas zu tun. Polen verwarf damit das Konzept von Vorreiterschaft, dass einige Staaten, zum Beispiel die Europäische Union ehrgeizigere Ziele verfolgen als andere. Zweitens hat Polen die Klimakonferenz benutzt, um Lobbyarbeit für Kohleenergie zu betreiben.

Warum ist Kohle so wichtig für die polnische Wirtschaft?

Es gibt Gründe, sich für polnische Kohle einzusetzen. Fast 90 Prozent unserer Energie stammt aus fossilen Brennstoffen. Polen hat eigene Braunkohle, und die Förderung lohnt sich. Steinkohle müssen auch wir importieren. Kohle zu beschränken würde große Verwerfungen in der Wirtschaft bedeuten, nicht nur im Bergbau, sondern auch in den Kraftwerken und anderen Branchen. Es fragt sich aber, ob die polnische Regierung zurecht so stark auf die Kohle setzt.

Selbst wir als polnische Grüne wollen keinen sofortigen und vollständigen Abschied von der Kohle. Wir wollen aber, dass die Regierung die ersten Schritte in die richtige Richtung macht. Das wäre ein Modernisierung des Leitungsnetzes, denn etwa die Hälfte der Energie geht beim Transport verloren.

Energiesparen ist überhaupt ein wichtiges Thema beim Klimaschutz, und das würde keineswegs einen sofortigen Ausstieg aus der Kohle bedeuten. Aber wenn man den Klimawandel leugnet und gar nichts tut, muss später alles auf einmal geschehen, und dann werden die gesellschaftlichen Kosten riesig sein.

Wie wichtig sind Umweltfragen derzeit in Polen?

Wenn Ökologie in Gesellschaft und Politik ein Thema ist, dann als Bedrohung, als etwas, das die Europäische Union uns aufdrückt. Nur manchmal kommt Ökologie als moderner Lebensstil für junge Leute vor.

Dabei gab es vor 20 Jahren in Polen eine starke ökologische Bewegung. Die Menschen haben die Umweltkrise am eigenen Leib gespürt. Sie haben schmutzige Luft eingeatmet, schlechtes Wasser getrunken. Seitdem hat sich vieles geändert. Das Benzin ist reiner geworden. Fabriken wurden geschlossen. Aber wir haben das Problem nur verlagert. Die Waren, die wir konsumieren, werden jetzt unter umweltschädlichen Bedingungen woanders produziert.

Die Bedeutung der Ökologie im täglichen Leben ist nicht sehr hoch. Und die Zunahme von Stürmen, Hochwassern oder Trockenzeiten ist im öffentlichen Bewusstsein nicht mit dem Klimawandel verbunden. Das passiert eben so!

Warum hat die damalige starke Ökobewegung nicht auch eine starke Ökopartei hervorgebracht?

Viele Ökoaktivisten haben ihr Schicksal erst mit der Demokratischen Union, dann mit der Freiheitsunion verknüpft. Aber es zeigte sich im Lauf der Zeit, dass deren ökologisches Denken doch nicht sehr weit entwickelt war. Ich will nicht unfair sein gegenüber meinen Vorgängern. Aber ich denke, es war ein Fehler, nicht früher eine eigenständige politische Kraft zu gründen.

Wie groß ist denn ihre grüne Partei Zieloni?

Zieloni stellen einige Abgeordnete in Stadtparlamenten oder in den Woiwodschaften. Auch in der Selbstverwaltung der Gemeinden gibt es Vertreter. Aber wir haben insgesamt nur einige hundert Mitglieder.

Was ist in Ihrer Sicht derzeit das größte ökologische Problem in Polen?

Donald Tusk.

Der Ministerpräsident?

Sein Kabinett verfolgt in vielerlei Hinsicht die am wenigsten ökologische Politik aller polnischen Regierungen. Er bremst die EU in ihren Klimazielen, das heißt, er wirkt nicht nur in unserem Land, sondern in Europa und mittelbar der Welt. Das Umweltministerium kümmert sich seit Jahren nicht mehr um Umwelt, es soll alles für die Förderung von Schiefergas tun. Dabei wissen wir noch gar nicht, wie viel wir davon tatsächlich haben und ob sich die Förderung lohnt.

Dann engagiert sich die Regierung für ein eigenes polnisches Atomkraftwerk, auch wenn diese Pläne vor drei Jahren noch lauter klangen als jetzt. Und es werden keine günstigen Bedingungen für erneuerbare Energien geschaffen.

Sehen Sie die deutsche Energiewende als mögliches Modell für Polen? Oder haben Sie andere Beispiele im Blick?

In Frankreich übernimmt der Staat Verantwortung dafür, dass niemand wegen seiner Energierechnung in Armut gerät. Es gibt gestaffelte Strompreise für Grundbedarf und Zusatzverbrauch. Das deutsche Modell führt dazu, dass die Energiearmut steigt – nicht viel, aber immerhin. Für ein armes Land wie Polen müsste das Problem der Energiearmut, der Ausgaben für Storm und Heizung, als dringendstes gelöst werden. Wichtig am französischen Ansatz ist auch, dass der Staat jährlich eine Million Wohnungen energetisch saniert.

Am deutschen Ansatz fasziniert mich das bürgerschaftliche Element, dass Gemeinden oder auch Genossenschaften Energie produzieren. Das könnte auch in Polen funktionieren. Aber leider liegt die genossenschaftliche Bewegung ziemlich brach.

Polen hat der Welt den Begriff Solidarność geschenkt, doch es gibt kein solidarisches Denken?

Solidarität ist nur noch ein Slogan. Wir sind eine sehr individualistische Gesellschaft geworden.

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Der Moskauer Boulevardring – ein Selbstversuch im Herbstregen

Ein grünes Band von Parkanlagen umringt das Herz der russischen Hauptstadt. Darauf zu wandern, hat etwas von Inselspringen.

Für Elisabeth, die leider nicht dabei sein konnte.

Es nieselt, als wir aus der Metrostation „Kropotkinskaja“ kommen. Der graue Moskauer Herbsthimmel hängt tief. Doch das soll uns, Vater und Tochter, nicht hindern, den Boulevardring der russischen Hauptstadt abzulaufen. Sieben Jahre haben wir in Moskau gelebt, doch nie dieses Abenteuer unternommen. Vom Ufer der Moskwa zum Ufer der Moskwa einmal rund um den Kreml, doch mit Abstand. Abstand ist gut, denke ich, zum Zentrum der Macht in Russland. Stattdessen eintauchen in das alte Moskau, wie es zu sowjetischen Zeiten oder vor der Oktoberrevolution war. Und zugleich neue Seiten der Stadt erleben.

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Deshalb gehe ich den hufeisenförmigen Weg auch lieber von West nach Ost. Die pompöse neue Christ-Erlöser-Kathedrale, dies Symbol der Anbiederung von Kirche und Staat im heutigen Russland, will ich nicht als Ziel haben, sondern lieber gleich hinter mir lassen.

Wir laufen den ersten von zehn Boulevards entlang, den Gogolewski-Boulevard. „Der Boulevardring ist der Lieblingsort der Moskauer für Erholung und Spaziergänge“, heißt es im Stadtlexikon. An diesem regnerischen Werktagsmorgen ist der breite, gepflegte Weg fast menschenleer. Verlassen stehen die Gestelle, an denen Künstler im Sommer ihre Bilder zum Verkauf präsentieren. Die Bäume haben ihr Laub längst verloren.

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Dass mir die Wanderung gefällt, ist klar. Aber was kann der herbstliche Boulevardring einem fast achtzehnjährigen Mädchen bieten? Weniger als erhofft, und doch entdecken wir mit jedem Schritt mehr als erwartet. Der vollelektronische Fahrradverleih ist neu, den gab es zu unseren Moskauer Zeiten noch nicht. Eine Fotoausstellung unter freiem Himmel zeigt Aufnahmen russischer Fotografen aus der arktischen Welt – gewaltige Gletscher, bullige Moschusochsen, schwarzäugige Robbenbabys.

Neu ist auch das Denkmal für den Schriftsteller Michail Scholochow (1905-84). Ein Kahn, Pferde schwimmen durch einen Fluss – Motive aus dem Kosakenepos „Der stille Don“. Auf dem Weg werden uns noch weitere Schriftsteller begegnen – Puschkin, Gogol, Gribojedow, Jesenin… Wir laufen auf dem Ring auch die russische Literaturgeschichte ab.

DSCN1263Als erstes Querstraße hemmt der Arbat unseren Weg, und wir üben zum ersten Mal eine mühevolle Passage. Wir verlassen den Boulevard, unsere langgestreckte Insel in der Straßenmitte, und retten uns seitlich ans Ufer. Dann müssen wir die gigantische Querströmung an Autos, Bussen und Lastwagen überwinden. Schließlich flüchten wir auf die nächste Insel. Unerwartet bremst ein Auto und lässt uns Fußgänger auf den Nikitski-Boulevard passieren. Ein wenig scheint sich der Moskauer Verkehr zu zivilisieren. Doch dieses Insel-Hopping wird uns bis zum Ende der Wanderung begleiten.

Wie die Ringstraßen in Wien, Krakau und anderen europäischen Städten entstand der Moskauer Boulevardring, als Stadtmauern ihren militärischen Sinn verloren. Die Wälle rund um die alte Stadt wurden geschleift. 1796 wurde der erste Boulevard angelegt, der Twerskoj-Boulevard. Als Moskau nach dem großen Brand unter dem Besatzer Napoleon 1812 wieder aufgebaut wurde, rundete sich der Kreis. Nur auf dem anderen Ufer der Moskwa, im Samoskwaretschje, klafft eine Lücke. Das Moskau des Boulevardringes ist nicht die Stadt der Hochhäuser, es ist – zumal auf der Westseite – das niedriggebaute Moskau der klassizistischen Adelspaläste und Bürgerhäuser aus der Gründerzeit.

Unerwartet verstummt die Stadt…

Manchmal wird es am Ring still, ganz still. Es dauert einige Sekunden, bis mir bewusst wird, dass der allgegenwärtige Moskauer Lärm tatsächlich verstummt ist. Aber nicht ich bin taub. Der Verkehr steht. Es ist der seltene Glücksfall, dass Ampeln die Autos auf beiden Seiten unserer Insel gestoppt haben. Was für ein Unterschied zum ewig dröhnenden, immer bewegten Gartenring einige hundert Meter stadtauswärts!

Für uns neu in der Stadt sind die Ampeln, die rückwärts die Sekunden bis zur nächsten Phase zählen. Wir Fußgänger werden schlecht behandelt. 120 Sekunden Grün für unsere Feinde, die Autos, nur 11 Sekunden für uns, notieren wir als schlimmste Ungerechtigkeit.

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Wir laufen an vielen Theatern vorbei, am Theater am Nikitski-Tor, der neuen Bühne des Moskauer Künstlertheaters MChaT, am Puschkintheater… Auch Pressegeschichte begleitet uns. Erst taucht die Zentrale der sowjetischen Agentur TASS (heute Itar-Tass) auf, dann am Puschkinplatz das „Iswestija“-Gebäude und die einstige Redaktion der Wochenzeitung „Moskowskije Nowosti“, des Zentralorgans der Perestroika.

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Die Unterführung unter der Hauptstraße Twerskaja am Puschkin-Platz ist ein trauriger Ort. Ein Gedenkstein erinnert an den Bombenanschlag vom 8. August 2000. Dreizehn Menschen starben hier, neunzig wurden verletzt. Es war der erste Terroranschlag in Moskau, über den ich damals zu schreiben hatte.

Mittlerweile gießt es, und kurz vor der halben Wegstrecke müssen wir uns in einem Café aufwärmen. Hinter dem gigantischen Kino „Rossija“ kommt der kurze Strastnoj-Boulevard. An seinem Ende breitet Wladimir Wysotzki die Arme aus. Ein Künstler, der beim Applaus sein Publikum und die Welt umarmt, ein gekreuzigter Christus? In diesem Teil von Moskau ist der Schauspieler und rebellische Liedermacher (1938-80) aufgewachsen.

Hier im Norden wird der Boulevardring frommer. Strastnoj hängt mit der Passionszeit zusammen, die Abschnitte Roschdestwenski- (Mariä Geburt), Sretenski- (Darstellung im Tempel) und Pokrowski-Boulevard (Schutz und Fürbitte) liegen noch voraus. Wir kommen in das Moskau der alten Klöster und kleinen Kirchen. So weit von der Moskwa entfernt, wird die Gegend hügeliger. Die Boulevards laufen bald bergauf, bald bergab.

An manchen Bäumen hängt eine Art Starenkasten, „Biblioteka“ steht darauf. Auch das ist für uns neu, dass der Spaß des Büchertauschens bis nach Moskau gekommen ist. Wer will, hinterlässt ein Buch; wer lesen will, nimmt sich eins. Und was bietet diese Bibliothek? In einem Kasten finde ich Billigkrimis von Darja Donzowa. Dazu den Hollywood-Roman „Die Exhibitionisten“ von Henry Sutton, auf Russisch verlegt in Vilnius 1993 und schamvoll in Zeitungspapier eingeschlagen. So, so!

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Immer wieder kreuzen brutal die großen Ausfallstraßen unseren Weg und zwingen uns zum Verlassen unserer Inseln. Wir kämpfen uns über den Trubnaja-Platz, dann über den Turgenjew-Platz. Dort steht die gigantisch hässliche Firmenzentrale der großen russischen Ölfirma Lukoil.

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Die Querstraße heißt im neuen Moskau nach dem Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow (1921-89). Nach dem Ende der Sowjetunion sind in Moskau viele Straßen umbenannt worden. Aber mir ist kein anderer Fall bekannt, dass ein sowjetischer Dissident zu der Ehre gekommen wäre, Namensgeber zu werden. Zu kurz war der demokratische Frühling.

Der Regen hat aufgehört, doch es bleibt ein kalter Wind, der frösteln macht. An der Metro „Tschistije Prudy“ bricht eine Kolonne von Gastarbeitern den Asphalt auf, um Straßenbahnschienen neu zu verlegen – alles unter den wachsamen Augen des Dichters Alexander Gribojedow.

Zwischen den Bäumen flattert die blaue Fahne Kasachstans. Sind wir unbemerkt tausende Kilometer weit nach Osten abgekommen? Nein, dort steht nur die Botschaft von Kasachstan. Ein Denkmal seines Nationaldichters Abaj Kunanbajew (Abai Qunanbajuly/1845-1904) hat der neue Nachbarstaat den Moskauern auch verehrt.

Der Osten ist ärmer…

Trotzdem sind wir unverkennbar im Osten angekommen, im Moskauer Eastend. Hier geht es nicht mehr so wohlanständig, so reich zu wie im Westend. Keine klassizistischen Adelspaläste, dafür Mietshäuser. Östlich vom Kreml lagen in vergangenen Jahrhunderten die Viertel der Handwerker und Soldaten, die Vorstädte der Ausländer. Hier wurde gehandelt und gearbeitet, und das hat sich bis heute erhalten. Hier ist das alte Moskau noch nicht auf Hochglanz restauriert, das neue Moskau noch nicht fertig. Auf den Parkbänken sitzen Obdachlose.

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Doch der „saubere Teich“, der dem Tschistoprudny-Boulevard den Namen gegeben hat, ist schön. Still und dunkel liegt sein Wasser da, goldgelbe Blätter treiben an der Oberfläche. Das weiße Zeltdach eines Restaurants erinnert an den vergangenen Sommer. Ein junges holländisches Touristenpaar ist seit einiger Zeit vor uns her gegangen – auch sie Wanderer auf dem Ring. Jetzt küssen sie sich und sehen dann einem Maler zu, der am Teich seine Staffelei aufgestellt hat.

Nebenan tschilpt es. Ein blattloser Busch vibriert, auf seinen Ästen plustern sich zahllose Spatzen. In Deutschland sind sie vom Aussterben bedroht, hier in Moskau gibt es noch ganze Schwärme der kleinen Stadtvögel.

Das Ende unseres Weges kommt in Sicht. Lässigen Schrittes laufen wir den Jauski-Boulevard hinunter, benannt nach dem Flüsschen Jausa. Die zehnte und letzte grüne Insel endet jäh in einer Baustelle. Sand, Steine und unförmiges Metall liegen durcheinander. Liebes Moskau, hier musst du noch arbeiten!

Das flache Moskau strebt nach Höhe…

Doch auch dieses Ende des Rings hat ein architektonisches Ausrufezeichen. Wo die Jausa in die Moskwa mündet, liegt ein grauer Gigant, das Haus an der Kotelnitscheskaja. Eins der sieben Stalin-Hochhäuser, mit denen das Streben der Stadt nach Höhe begann. Der Stern auf der Spitze ragt fast in die Herbstwolken hinein. Und auf der Moskwa-Brücke öffnet sich im Dunst auch der Blick auf den Kreml. Seine Mauern sind nur wenige hundert Meter entfernt, und doch sind wir einen ganzen Tag in einer anderen Welt unterwegs gewesen.

PS: Erst im Nachhinein haben wir im Moskauer Stadtlexikon gelesen, wie lang der komplette Boulevardring ist: neun Kilometer.

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Georg Büchner und die osteuropäischen Dissidenten

Vor 200 Jahren wurde der deutsche Schriftsteller und Revolutionär geboren. Dass Büchner aktuell ist, wollte das bedrohte Deutsche Polen-Institut zeigen.

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Georg Büchner (1813-37) mit dem rot-weißen Symbol der Solidarność am Revers – das passt! An dem deutschen Schriftsteller und Kämpfer gegen die Ungerechtigkeit hätten die Dissidenten im Osten Europas ihre Freude gehabt. Büchners Flugschrift „Der Hessische Landbote“ von 1834 war klassischer Samisdat oder „drugi obieg“ (zweiter Umlauf), wie die Untergrundpresse im kommunistischen Polen hieß. Und hätte er etwa 150 Jahre später und 800 Kilometer weiter nordöstlich gelebt – er wäre nicht zu Fuß durch die Wetterau vor hessischen Behörden geflüchtet, sondern aus Danzig vor dem Kriegsrecht des Generals Jaruzelski.

Es war also eine gute Idee des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, Deutsche und Polen im Büchner-Gedenkjahr über dessen gesellschaftliche Aktualität reden zu lassen. Allerdings litt die Podiumsdiskussion am 5. November darunter, dass sie in langen Monologen der Teilnehmer thematisch ausuferte. Es ging von den deutschen Koalitionsverhandlungen über die polnische Flugzeugkatastrophe von Smolensk und solidarische Stadtteilpolitik bis zum wirtschaftlichen Aufstieg Chinas und Brasiliens.

Immerhin ein roter Faden ließ sich ausmachen: Was bedeutet Büchners aufrührerische Parole „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ heute, im Europa der sozialen Spannungen, der Finanz- und Schuldenkrise?

Ich möchte Deutschland „Woyzeck“ ersparen“, sagte die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, heute Präsidentin des Deutschen Polen-Instituts. Büchners Drama vom armen Soldaten Woyzeck – eine Oberschicht ohne Unrechtsbewusstsein beutet die verzweifelte Unterschicht aus. Immerhin wächst in Deutschland seit Jahren die Kluft zwischen Arm und Reich.

Auch Polen, wirtschaftlich erfolgreichstes Neumitglied der EU, leide unter sozialen Spannungen, sagte der Publizist Michał Sutowski von der Zeitschrift „Krytyka Polityczna“. „In Berlin gibt es viel weniger „gated communities“ als in Warschau.“

Noch viel verzweifelter und explosiver sei die Lage im Süden der Europäischen Union, in Griechenland, Spanien oder Portugal, waren sich die Diskutanten einig.

Und der Ausweg? Die Solidarität, also der Kampfbegriff, den die polnischen Arbeiter 1980 wieder in die politische Diskussion einführten und an dem vermutlich auch Büchner seine Freude gehabt hätte.

Auf eine „dramatische Schwäche der Solidarität“ führte Aleksander Smolar, Präsident der Stefan-Batory-Stiftung, die gegenwärtige Lage zurück. Auch die frühere Polen-Beauftragte der Bundesregierung, Gesine Schwan, kritisierte den „klaren Mangel an Empathie“, der gerade in Deutschland gegenüber den Problemen der Südländer herrsche. Deutschland und speziell Bundeskanzlerin Angela Merkel sollten in Europa führen, wie es der polnische Außenminister Radosław Sikorski gefordert habe – allerdings nicht um eigener Interessen, sondern um des großen Ganzen willen.

Georg Büchner ist leider tatsächlich ziemlich aktuell“ – fasste Moderator Piotr Buras vom European Council on Foreign Relations zusammen.

Büchner starb mit nur 23 Jahren, sein literarisches wie politisches Werk blieb unvollendet. Er durfte nicht wie die Dissidenten im Osten die Erfahrung eines erfolgreichen Umbruchs machen. Wer weiß, vielleicht wäre auch sein „Hessischer Landbote“ aus dem Untergrund zur führenden Tageszeitung des Landes aufgestiegen – so wie es der „Gazeta“ von Adam Michnik in Polen ging. Oder der Dramatiker Büchner wäre Präsident einer befreiten Republik geworden wie der Tscheche Vaclav Havel.

PS.: Die Veranstaltung in der Darmstädter Orangerie war gut besucht, was auch einen Beweis der Solidarität mit dem Polen-Institut bedeutet. Denn für die renommierte Einrichtung ging es in den vergangenen Woche „nur um das eine, über das wir heute nicht sprechen werden“, wie Institutsdirektor Dieter Bingen sagte. Die rheinland-pfälzische Regierung will ihren Zuschuss von jährlich 216 000 Euro streichen – etwa ein Viertel des festen Budgets. Trotz des außenpolitischen Schadens, der damit angerichtet wird, ist die Existenzkrise des Deutschen Polen-Instituts noch nicht abgewendet.

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„Stalingrad“ jagt junge Russen in die alten Schützengräben

Vom Zweiten Weltkrieg kommt der russische Film nicht los – er wird darin festgehalten.

Das russische Kino hat wieder einen Blockbuster: „Stalingrad“ von Regisseur Fjodor Bondartschuk ist dieser Tage in Moskau angelaufen. Ein Werk der Superlative: Der erste russische Film in IMAX-3D, offizieller Moskauer Vorschlag für den nächsten Auslands-Oscar, spielte am Startwochenende 12 Millionen seiner 22 Millionen Euro Produktionskosten ein.

DSCN1219Trotzdem glaubt sich der Kinobesucher in den ersten Minuten im falschen Film. Denn das gezeigte brennende Ufer ist nicht die Wolga bei Stalingrad 1942, sondern die vom Tsunami zerstörte japanische Küste 2011. Retter des russischen Katastrophenschutzministeriums MTschS fliegen ein, und wen finden sie eingeklemmt unter den Trümmern? Deutsche Touristen. Um den Kontakt zu einer Verschütteten zu halten, erzählt ihr ein alter russischer Offizier die Geschichte seiner fünf Väter, die in der Schlacht um Stalingrad getötet wurden.

Die angekündigte „dramatische Liebesgeschichte zu Kriegszeiten“ kurz gefasst: Im Herbst 1942 verteidigen fünf tapfere sowjetische Aufklärer ein halb zerstörtes Haus in Stalingrad gegen wiederholte deutsche Angriffe. In der Ruine lebt ein schüchternes, stilles Mädchen, in das jeder der fünf sich auf seine Art verliebt. Trotz Dauerbeschuss wird das Leben in dem Haus fast idyllisch mit Badewanne und Geburtstagskuchen. Vor dem letzten Angriff, den sie nicht überleben werden, bringen die Fünf ihre Katja in Sicherheit….

Die Attacken auf das Haus leitet ein deutscher Offizier, der seine Ehre wiederherstellen muss: Er hat sich mit einer Russin eingelassen. Zwar versucht er, sie vor der Feindschaft beider Seiten zu retten. Doch natürlich kann der sowjetische Scharfschütze der jungen Frau ihr (erzwungenes) Verhältnis mit dem Feind nicht durchgehen lassen…

Also unschuldige Leidenschaften auf der sowjetischen, schuldige Leidenschaften auf der deutschen Seite des 3D-Schützengrabens.

Als Begleitmusik zu diesem Drama lässt Regisseur Bondartschuk mit allem ballern, was die Waffentechnik hergibt (wie an anderer Stelle gesagt: Kriegsfilm können die Russen).

Doch diese Mischung aus Schwulst und Brutalität habe ich schwer verträglich gefunden. (Die Einstufung 12+ nach dem neuen russischen Jugendschutzgesetz ist zynisch: Sex gibt es für Jugendliche natürlich nicht zu sehen, Kopfschüsse und Blut aus durchgeschnittenen Kehlen sehr wohl.)

Den deutschen Offizier spielt Thomas Kretschmann (Stalingrad-Veteran seit dem 1993-er Film von Joseph Vilsmair), seinen arroganten Vorgesetzten gibt Heiner Lauterbach – ich weiß nicht, wie stolz die beiden auf diese Episode ihrer Filmografie sind. Vielleicht haben die russischen Filmemacher die Deutschen nicht nur eingeladen, damit auf der Tonspur der deutsche Akzent stimmt. Sie wollten womöglich auch ein Zeichen setzen: Schaut her, 70 Jahre nach dieser schlimmsten Schlacht der Menschheitsgeschichte drehen wir sogar zusammen einen Film darüber!

Doch was nützt die beste Absicht, wenn die Geschichte und ihre Figuren flach und vorhersehbar sind – und die Spezialeffekte alles überlagern? Am Ende siegt der russische Opfermut für die große Sache. Irgendwo auf dem Kinoplakat versteckt sich der Hinweis „Nach Motiven von „Leben und Schicksal“ von Wassili Grossman“. An der tief empfundenen Menschlichkeit von dessen großen Stalingrad-Epos geht der Film völlig vorbei.

Stilles, kluges Pathos sei in Filmen über den Zweiten Weltkrieg angebracht, schrieb die russische Rezensentin Sabina Babajewa auf „Yugopolis.ru“: „Leider ist das Pathos im neuen Film von Fjodor Bondartschuk anders. Es ist unangebracht, schreit und verstört den Zuschauer.“ Es gebe „große Filme über den großen Krieg“. Aber das seien alte sowjetische Kriegsfilme wie „Wenn die Kraniche ziehen“ oder „Die Ballade vom Soldaten“.

Bondartschuk will erklärtermaßen die alten Geschichten für eine neue Generation erzählen – mit großer Unterstützung der offiziellen Kulturpolitik. Doch er jagt die jungen Russen wieder in den alten Schützengraben.

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Der Zarenmord wurde zensiert

Was der Leser eines deutschen Lexikons im Russischen Reich nicht wissen durfte.

Diesen Fund habe ich vor einigen Jahren in einem großen St. Petersburger Antiquariat (Litejny Prospekt/Ecke Newski) gemacht: Ein guterhaltener Band des deutschen Brockhaus‘ Conversations-Lexikon, 13. Auflage, erschienen in Leipzig 1886. Und oh Wunder, bei näherem Hinsehen es ist genau der passende 14. Band mit den Stichworten „Rußland – Spahis“!

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Was haben die Lexikographen im Deutschen Reich vor etwa 125 Jahren über das große Nachbarland geschrieben? 33 eng bedruckte Seiten und 3 Landkarten widmeten sie Russland. Sie fingen mit Geografie an, arbeiteten sich über Bevölkerung und Wirtschaft vor zu Verkehr und politischer Verfassung des Zarenreiches. Der geschichtliche Abriss reicht von den Skythen und den Kiewer Herrschern bis in die damalige Gegenwart, die Zeit Alexanders III.

Doch auf einer Seite bietet sich folgendes Bild:

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Ein langer Absatz ist mit mehreren Stempelabdrucken geschwärzt, die Druckerfarbe trägt in dicken Schlieren auf. Der Text ist zensiert worden. Wann und von wem? Hinweise darauf gibt es nicht, aber vermutlich prüften die russischen Behörden das 16-bändige Lexikon bei der Einfuhr. Es ist der einzige Eingriff der Zensur in dem Artikel und in dem Band. Selbst kritische Bemerkungen über die Russifizierung in den baltischen Provinzen, die Beschneidung der Rechte des baltendeutschen Adels gehen ohne Beanstandung durch.

In den Absätzen vor der zensierten Passage geht es um die wachsende Terrorgefahr durch die revolutionäre Bewegung Narodnaja Wolja (Volksfreiheit), die Nihilisten, wie das Lexikon schreibt. Es ist klar, dass nun der Mord an Zar Alexander II. 1881 folgen muss. Unter der Druckschwärze verbirgt sich folgender Text, zitiert nach dem gleichen 14. Band der Enzyklopädie in einer deutschen Bibliothek:

„Kaiser Alexander II. feierte am 2. März 1880 sein 25jähriges Regierungsjubiläum unter der Teilnahme der großen Staatskörper und unter den Sympathiebezeigungen aller europäischen Monarchen. Die Kaiserin Maria Alexandrowna starb 3. Juni in Petersburg. Darauf ließ sich der Kaiser 31. Juli in aller Stille mit der Fürstin Dolgoruki trauen, welche ihm bereits mehrere Kinder geboren hatte, die nun den Namen „Fürsten Juriew“ erhielten. Am 13. März 1881 trat die längst befürchtete Katastrophe ein. Als der Kaiser nachmittags 3 Uhr nach dem Winterpalais zurückfuhr, wurde eine Sprengbombe gegen seinen Wagen geworfen, wodurch einige Personen verwundet wurden, und als er aus dem Wagen stieg, um nach den Verwundeten zu suchen, wurde eine zweite Bombe abgeworfen. Dem Kaiser wurden beide Beine zerschmettert, der Unterleib aufgerissen, das Gesicht verletzt. Er wurde bewusstlos nach dem Palais gebracht und starb dort gegen 4 Uhr. Unmittelbar darauf wurde der älteste Sohn als Kaiser Alexander III. proklamiert und die Truppen leisteten in den Kasernen den Eid. Der Beisetzung der kaiserlichen Leiche in der Peter-Pauls-Kathedrale 27. März wohnten viele fremde Fürstlichkeiten bei. Von den Attentätern kam einer bei der Explosion um, fünf wurden gehängt, eine Frau wurde mit lebenslanger Zwangsarbeit bestraft. Das nihilistische Exekutivkomitee warnte in einer Proklamation vom 14. März den neuen Kaiser, nicht Tyrann wie sein Vater zu werden. Daher setzte jener durch das Statut vom 26. März für den Fall seines Ablebens seinen ältesten Bruder Wladimir zum Regenten und die Kaiserin Maria Feodorowna zur Vormünderin der kaiserlichen Kinder ein. Unter den Papieren Kaiser Alexanders II. fand man einen von ihm am Tag des Attentats unterzeichneten Ukas über Einberufung einer Notabelnversammlung. Nach langem Schwanken und vielen Ministerberatungen, in welcher Melikow und andere Minister die liberalen Ideen vertraten, entschied Kaiser Alexander III sich für die Festhaltung am Cäsarismus. In seinem Manifest vom 11. März appellierte er an die ihm von Gott verliehene „selbstherrscherliche Gewalt“. Darauf gaben Melikow, der Kriegsminister Graf Miljutin, der Finanzminister Abasa ihre Entlassung ein und Graf Ignatjew wurde zum Minister des Inneren ernannt. Der einflussreichste Minister wurde der Oberprokuror des Heiligen Synod Pobedonoszew, durch ihn erlangte Katkow Zutritt und Einfluss beim Kaiser. Das nihilistische Exekutivkomitee erließ als Antwort auf das Manifest die Erklärung, dass es den ihm aufgedrängten Krieg annehme, und bedrohte den Kaiser mit dem Schicksal seines Vaters. Infolge dessen mussten die größten Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, und der Kaiser wechselte mehrfach rasch seinen Wohnsitz, residierte bald in Gatschina, bald in Peterhof, von Polizei und Militär bewacht.“

Was also wollte die zaristische Zensur vor dem Leser einer deutschen Enzyklopädie im Russischen Reich geheim halten?

–       Dass Zar Alexander II. in einer morganatischen Ehe lebte, aus der sogar Kinder hervorgingen – auch wenn dies für das informierte Petersburger Publikum wohl kaum ein Geheimnis war.

–       Den genauen Hergang des tödlichen Attentats auf den Zaren vom 1./13. März 1881, obwohl auch dieser bekannt gewesen sein durfte. Der Versuch, ein einschneidendes historisches Ereignis durch Schwärzen  gewissermaßen ungeschehen zu machen, wirkt eher hilflos.

–       Politisch brisant war der Plan des „Zar-Befreiers“ Alexanders II., zum Abschluss seiner Reformen eine Art Parlament, eine beratende Versammlung mit gewählten Vertretern einzuführen. Solche Überlegungen verschwanden bis nach der Revolution 1905 in der Versenkung. Der Leser sollte auch nicht erfahren, dass der Kurs des neuen Zaren Alexanders III. nicht  zwangsläufig so reaktionär ausfiel, sondern es anfangs durchaus liberalere Überlegungen gegeben hatte. Die Autokratie durfte nicht in Frage gestellt werden.

–       Schließlich sollte wohl verborgen bleiben, welchen Schrecken der Terror dem Herrscher und seiner Familie eingejagt hatte. Als der Lexikonartikel geschrieben wurde, war die Bedrohung immer noch gegenwärtig. Zar Alexander III. konnte sich im eigenen Land kaum bewegen, er saß als „Gefangener von Gatschina“ – so ein Spottname – in dem Palast außerhalb von St. Petersburg fest. Erst 1887 nach dem gescheiterten Attentat von Lenins Bruder Alexander ebbte die Gefahr ab.

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Der Panzerflüsterer

„White Tiger“ – der russische Mystery-Kriegsfilm rettet sich in eine verquere politische Botschaft.

Schwer verletzt überlebt ein sowjetischer Panzerfahrer 1943 den Angriff eines Phantoms. Ein weißgestrichener deutscher Panzer mit magischer Feuerkraft und Treffsicherheit reibt im Alleingang ganze sowjetische Verbände auf. Das Ungetüm erscheint aus dem Nichts in den Sümpfen Weißrusslands und verschwindet ohne Spur. Gibt es ihn überhaupt?

Der russische Film „Bely Tigr“ (White Tiger) von Karen Schachnasarow kam 2012 in die Kinos und lief auf vielen internationalen Festivals. Ich habe ihn beim Osteuropafilmfest goEast in Wiesbaden gesehen, wo er außerhalb des Wettbewerbs lief. Doch was versteckt sich hinter dem deutschen Geisterpanzer? Der Film erzählt davon in zwei Teilen, und so will ihn auch aufschlüsseln.

Seinen Namen hat der verletzte Panzerfahrer vergessen – Iwan Najdjonow (der Gefundene) tauft die Armee ihn und schickt ihn wieder an die Front. Der Auferstandene entwickelt ein untrügliches Gespür für Panzer. Er redet sogar mit ihnen. Die Panzer spüren, dass der tödliche Schuss kommt; sie sagen es dem Fahrer, doch der kann sie nicht hören – das erläutert Najdjonow einem verdutzten Major der sowjetischen Aufklärung.

Auf beiden Seiten der Front wird vom Weißen Tiger nur als Legende berichtet. Aber weil er ganz real tötet, machen sich Najdjonow und der Major auf die Jagd.

Der Panzerflüsterer legt einen ersten Hinterhalt – das Monstrum stellt sich, und nur knapp kommen Najdjonow und seine Mannschaft mit dem Leben davon. Bei der zweiten Begegnung beschädigt der Russe den Weißen Tiger. Doch den entscheidenden Treffer kann er nicht setzen…

Wer als Zuschauer die Grundannahme eines deutschen Panzers aus dem Jenseits so leicht akzeptiert wie die sowjetischen Soldaten im Film, wird bis dahin spannend unterhalten. Kriegsfilm können die Russen – da stimmen die Details, der Aufwand an Mensch und Material ist dank Hilfe aus dem Verteidigungsministerium groß. Für die mystische, manchmal sogar religiöse Übersteigerung des Kriegsgeschehens gibt es im russischen Film Vorbilder –  zum Beispiel die Apokalypse-Motive in Elem Klimows „Idi i smotri“ (Geh und sieh) von 1985.

Allerdings mögen vielleicht Geisterschiffe oder Geisterautos filmisch als Auslöser großen Schreckens taugen – der emotionale Wert von Panzern ist begrenzt. Da hilft auch die Musik von Richard Wagner nicht, die Auftritte des Phantoms ankündigt. Panzer bleiben tumbe Stahlbüchsen mit eingeschränkten Bewegungen: Der Diesel heult auf, Ketten mahlen im Schlamm, der Turm dreht sich, es donnert. Die Kampfszenen erinnern an Computerspiele – und für die Gamerszene und die Militaristen wird der Film in Deutschland auch vermarktet unter dem Titel „White Tiger – Die große Panzerschlacht“.

Der zweite Teil zeigt erst die unwillige Kapitulation der letzten Wehrmachtsgeneräle im Mai 1945 in Berlin-Karlshorst. Dann dürfen drinnen die deutschen Generäle dekadent speisen, während ihre einfachen Soldaten draußen in die Gefangenschaft marschieren. Der Krieg ist vorbei, nur Najdjonow schraubt noch unentwegt an seinem Panzer. Der Weiße Tiger sei nicht vernichtet, er bleibe auch auf Jahre und Jahrzehnte gefährlich, sagt er seinem Freund.

In der letzten Szene rechtfertigt sich ein Hitler, der augenscheinlich überlebt hat. Er habe doch nur den heimlichen Wunsch aller Europäer erfüllt und zwei Feinde bekämpft: die Juden und den Bolschewismus…

Also hat der Panzerflüsterer weder gegen etwas Diesseitiges, noch Jenseitiges gekämpft, sondern gegen eine Metapher? Der Regisseur und Ko-Autor Schachnasarow macht aus dem Weißen Tiger ein Sinnbild für den ewigen deutschen Militarismus nach dem Motto: Seid wachsam, der Schoss ist fruchtbar noch… Im Film nennt ein gefangener SS-Offizier im Verhör den Panzer die Verkörperung des deutschen Geistes.

Als Ausweg aus der Mystery-Falle des Drehbuchs finde ich das oberfaul.

Aber auch politisch scheint es mir nicht mehr zu passen. Natürlich kann es nach den Verheerungen, die Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion angerichtet hat, keinen Anspruch auf ein neutrales Bild der Deutschen geben. Schachnasarows Film steht auch in einer Traditionslinie des sowjetischen und russischen Films. Vor der Gefahr des deutschen Faschismus hat schon Sergej Eisensteins „Alexander Newski“ von 1938 gewarnt.

Doch es hat in den vergangenen Jahren auch schon differenziertere Kriegsfilme oder besser Antikriegsfilme aus Russland gegeben – bis hin zu dem zutiefst humanen „Polumgla“ (2005) von Artjom Antonow. Für das Jahr 2012, fast siebzig Jahre nach dem Ende des Kriegs, ist Schachnasarows „White Tiger“ ein ideologischer Rückschritt, der eher die Frage aufkommen lässt, warum das heutige Russland solche Filme braucht?

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Die Kinder zahlen den Preis der Arbeitsmigration

Deutsch-ukrainisches Literaturprojekt „Skype Mama“ erkundet ein soziales Phänomen.

Wie ergeht es Kindern, wenn ihre Eltern fortgehen, oft über Jahre, weil es zuhause keine Arbeit gibt, sondern sich das Notwendigste nur im Ausland verdienen lässt? Dies Schicksal trifft hunderttausende Kinder in der Ukraine, aber auch in Moldawien, in Rumänien oder in Polen. Von den Waisen der großen osteuropäischen Arbeitsmigration nach Westen berichtet eindrücklich der Erzählband „Skype Mama“.

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Die Anthologie mit elf Kurzgeschichten junger ukrainischer Autorinnen und Autoren erschien auf Deutsch zur Leipziger Buchmesse im März und zeitgleich unter dem Titel „Mama po Skajpu“ in der Ukraine. Es ist das dritte Buchprojekt des Berliner Vereins Translit e.V., der sich der Literaturvermittlung mit Osteuropa, vor allem mit der Ukraine und Weißrussland verschrieben hat. Zur Europameisterschaft in Polen und der Ukraine 2012 veröffentlichte Translit die Sammlung „Wodka für den Torwart“ mit elf kauzigen Erzählungen aus der ukrainischen Fußballwelt.

Die Arbeitsmigration aus Sicht der Kinder ist ein weniger leichter, aber notwendiger literarischer Stoff. Nach Schätzungen auf einer Berliner Konferenz 2012 arbeiten 2,5 bis 3 Millionen Menschen aus der Ukraine im Ausland. Im Buch gehen die ukrainischen Mütter fast alle nach Italien, um dort ärmlich und rechtlos als Erntehelferinnen, Hausangestellte, Pflegerinnen, manchmal als Prostituierte zu arbeiten. In der Realität nimmt Russland knapp die Hälfte der ukrainischen Arbeitsmigranten auf. Weitere wichtige Ziele sind die Neu-EU-Mitglieder Polen und Tschechien und im Westen Deutschland und Italien. Fünf bis sieben Milliarden US-Dollar schicken ukrainische Gastarbeiter jährlich in die Heimat.

„Skype Mama“ erzählt aus der Sicht der Kinder, für die ihre Mutter nur noch ein Gesicht auf dem Computerbildschirm ist. Die Webtelefonate ziehen sich als roter Faden durch die Erzählungen. Die scheinbare Nähe überdeckt die wachsende Entfremdung. Die Mütter im Ausland werden zerrissen vom schlechten Gewissen, weil sie nicht zuhause sind, und der vagen Hoffnung auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder. Die Kinder, untergebracht bei den Großeltern oder ganz sich selbst überlassen, haben Sehnsucht nach ihren Müttern. Doch auch sie plagt ein schlechtes Gewissen wegen kleiner Illoyalitäten, weil die Mutter fremd wird, weil sie anders leben wollen. Auf beiden Seiten wird vor der Webcam gelogen.

Das immer gleiche soziale Elend bewirkt literarisch eine gewisse Ähnlichkeit der elf Erzählungen – nicht alle bleiben gleichermaßen im Gedächtnis haften. Es tut dem Buch deshalb gut, dass zwei Autoren nicht die Perspektive der Kinder, sondern der Erwachsenen wählen. Das erlaubt ein höheres Maß an Reflektion. In „Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen“ von Natalka Sniadanko erzählt eine ukrainische Musikdozentin von ihrer Putzstelle in deutschen Bürgerhaushalten – eine Geschichte, die an Doris Dörrie erinnert.   In „Stepan im Glück“ von Oleksandr Hawrosch verschlägt es einen Fußballtrainer als Illegalen nach Italien.

Absolut glaubhaft und herzzerreißend gelingt die Kinder-Sicht in „Das Familien-Finde-Spiel“ der Kinderbuchautorin Oksana Luschtschewska. Zwei Mädchen aus einem Kinderheim sitzen an der Bushaltestelle und halten Ausschau nach neuen Eltern – völlig unbekümmert die kleine Schwester, voll innerer Konflikte die ältere, weil sie überlegt, was wohl die echte Mutter dazu sagen wird. (Luschtschewskas Blog zu Kinderliteratur „Kaskarka“ (Märchenerzählerin)  http://kazkarka.com/)

Die gelungenste und auch sprachlich ungewöhnlichste Kurzgeschichte stammt von Tanja Maljartschuk. „Kinderland“ entwickelt die (Schreckens-)Vision eines Dorfes fast ohne Erwachsenen, in dem die verwaisten Kinder als Familienersatz eine ungestüme Bande bilden. In fast unbegrenzter Freiheit schlagen sie sich durchs Leben. (Leseprobe hier).

Im Nachwort zu „Skype Mama“ kommt die Lemberger Autorin Marjana Sawka zu zwei pessimistischen Schlussfolgerungen, die nicht unstrittig sind, die aber, wenn sie stimmen sollten, nichts Gutes für die Ukraine insgesamt bedeuten.

Das Opfer der Eltern sei umsonst, schreibt Sawka.

„Die Eltern leben im Ausland, bauen fremde Städte, putzen fremde Häuser und glauben fest und heilig daran, dass sie mit diesen bitter verdienten und auf Kosten der eigenen Gesundheit ersparten Kopeken ihren Kindern ein besseres Leben, eine Wohnung, ein Auto und eine gute Ausbildung erkaufen können. Doch das ist eine Illusion. Die Kinder können dieses Opfer nicht würdigen. Im Gegenteil sie setzen ihre Eltern häufig noch unter Druck und verlangen immer größere Summen.“

Das Geld aus dem Ausland versorge die Kinder nicht, es verziehe sie nur.

Zweitens hält Sawka den Arbeitsmigranten ihre Zukunftsangst vor.

„Sie sehen keinen Ausweg aus der Armut, sie vermögen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten nicht einzusetzen und verstehen es nicht, ihre Familien zu versorgen.“

Darum folgten sie dem „einfachsten Schema“, nämlich das Land als Gastarbeiter zu verlassen, statt in der Ukraine etwas aufzubauen und sich um die Kinder zu kümmern.

„Sie glauben an die Angst vor dem neuen Tag. Sie geben diese Angst weiter wie eine infizierte Spritze und stecken immer mehr Menschen damit an“

– auch die eigenen Kinder. Doch gibt es in der Ukraine, wie sie jetzt ist, wirklich eine Alternative zu dem Gastarbeiterschicksal?

SKYPE MAMA
Herausgegeben von Kati Brunner, Marjana Sawka und
Sofia Onufriv
Erzählungen aus der Ukraine
von Walentyn Berdt, Natascha Guzeeva,
Oleksandr Hawrosch, Serhij Hrydyn,
Marianna Kijanowska, Halyna Kruk,
Oksana Lutschewska, Oksana Luzyschyna,
Tanja Maljartschuk, Halyna Malyk,
Marjana Sawka, Natalka Sniadanko
Klappenbroschur, 13 x 22 cm
ca. 148 Seiten
ISBN: 978-3-940524-23-2
Preis: 12,80 € (D) | 13,10 € (A) | 15,40 SFR (CH)

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